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"Rebel Heart"
Madonna erfindet sich mal wieder neu
- 05. März 2015 4 Min.

Diesmal freiwillig hingelegt fürs Pressefoto: Nach ihrem Sturz bei ihrer BRIT-Awards-Performance ist Madonna wieder wohlauf - im November kommt sie zu zwei Konzerten nach Deutschland (Bild: Universal)
Mit dem neuen Album "Rebel Heart" holt die 56-Jährige alle ins Fanboot zurück – trotz der ungewöhnlichen Vorab-Single "Living For Love".
Von Michael Thiele
Schon als "Living For Love" Ende letzten Jahres als Reaktion auf etliche geleakte Demos vorzeitig veröffentlicht wurde, war klar, dass diesmal etwas anders sein würde. Das also sollte die Lead-Single zum neuen, 13. Studioalbum von Madonna sein? Ein Song voller Selbstzitate?
Mit seinem eklektischen Spagat zwischen Deep House und Gospel klingt "Living For Love", als würden zwei ihrer Klassiker, "Like A Prayer" und "Express Yourself", durch den Mash-up-Wolf gedreht. Auch Lieder über Trennungen lassen sich im Backkatalog der Ikone einige finden. Und dann sind da die diversen Torerokostüme, die Madonna im Musikvideo trägt und die sofort wohlige Erinnerungen an die "Bedtime Stories"-Ära wecken.
Ob "Music", "Hung Up", "Erotica", "Like A Virgin" oder "Frozen", immer war es Madonnas Anspruch gewesen, als Lead-Single zu einem neuen Album einen Song zu veröffentlichen, den man so noch nicht gehört hatte, der bahnbrechend war und der nicht selten mit einem hübschen Skandal einher ging. Auch deshalb zählen diese Lead-Singles heute zu ihren größten Hits.
Nun aber kommt mit "Living For Love" ein Song heraus, der nicht auf den ja immer auch zeitlich begrenzten Effekt zielt, sondern der geradezu klassisch, der zeitlos wirkt. Und der alles andere als repräsentativ ist für "Rebel Heart".
Nach "MDNA" sind drei Jahre vergangen

Madonnas neues Album "Rebel Heart" erscheint am 6. März in drei Versionen (Standard, Deluxe und Super Deluxe)
Das erscheint ziemlich genau drei Jahre nach "MDNA", dem glücklosen, oft verspotteten Vorgängeralbum. Aber mal im Ernst: "MDNA" ist besser als sein Ruf. Denn es enthält eine Menge guter Songs. Die sind zwar mit Absicht billig produziert und klingen zuweilen etwas dumpf und infantil, aber wenn man etwa "Love Spent" oder "I'm Addicted" nimmt und sie nur auf der Gitarre spielt, dann wird deutlich, wie gut diese Lieder sind – auch im Vergleich zu denen Lady Gagas, die parallel völlig ausgebrannt war, erkennbar an Songs, die sich anhören wie Aneinanderreihungen bizarrer Geräusche.
"Rebel Heart" unterscheidet sich aber nicht nur wegen der ungewöhnlichen Vorab-Single von seinen Vorgängern. Es wendet sich auch ab von offensichtlichen Trends wie Disco, Eurodance oder Hip Hop, die in den letzten zehn Jahren als musikalisches Gesamtkonzept umgesetzt wurden. Mit dieser Umsetzung einher ging die Ausrichtung an ein jüngeres, wenn nicht sogar jugendliches Publikum. Damit ist nun erst mal Schluss. Denn "Rebel Heart" ist ein irrer Genremix, der wieder alle ins Fan-Boot holen soll.
Zu den stilistischen Extrempolen gehören etwa "Unapologetic Bitch" und "Devil Pray". Ersteres lässt einem die Kinnlade runterklappen – wer hätte gedacht, dass Madonna mal in Dancehall und Dubstep machen würde? Das Experiment gelingt, "Unapologetic Bitch" klingt wegen seiner Trennungsthematik wie der trotzige Bruder zum zuversichtlichen "Living For Love".
In "Devil Pray" singt Madonna über das Abkommen vom richtigen Weg, konkret am Beispiel von Drogenmissbrauch, was sich in der etwas plakativen Antithetik des Titels widerspiegelt, wobei sich auch die restlichen Songs nicht gerade subtiler Titel rühmen können. "Devil Pray" würde mit seinen Country-Gitarren etwas generisch wirken, wäre da nicht der fette, orientalisch angehauchte Housepop, zu dem sich der Song im Anschluss an die Refrains aufplustert.
Rummeltechno, Powerballaden und Liebeslieder

Zu den starken Songs auf "Rebel Heart", die Journalisten vorab zur Verfügung gestellt wurden, zählen der sehr tolle und sehr trashy Rave-Hip-Hop-Autotune-Bastard "Bitch I'm Madonna", der mit derben Scratches endet, die wie kläffende Hunde klingen.
Unerwartet gelungen ist der Rummeltechno in "Iconic", für den Madonna allen Ernstes den Boxer Mike Tyson ans Mikro eingeladen hat und dessen Refrain mit tief stürzenden Grusel-Beats für Geisterbahn-Atmo sorgt.
Entfernt an "Live To Tell" erinnert die Powerballade "Ghosttown", die viel Raum für Madonnas Stimme lässt. Die Nummer handelt von einer postapokalyptischen Geisterstadt, in der nur noch zwei Seelen übrig sind, was ihn wiederum auch zu einem Liebeslied macht.
Enttäuschend sind die vorhersehbare Ballade "Joan of Arc" sowie das blutleere "Hold Tight". Beide bieten kaum Reibungsfläche, wirken vielmehr wie B-Seiten. Der anspielungsreiche Hip-Hop-Electro-Song "Illuminati" zündet nicht ganz, dazu klingt er zu bemüht.
Ein bemerkenswertes Comeback
Aber, und das ist die erlösende Nachricht, Madonna gelingt mit den neuen Songs ein wirklich bemerkenswertes Comeback. Die intensive Arbeit – die 56-Jährige hat einen Großteil des letzten Jahres mit Produzenten wie Diplo, Avicii, Carl Falk und Kanye West sowie mit Gaststars wie Nicki Minaj und Alicia Keys im Studio verbracht – hat sich gelohnt.
Davon zeugt auch der umfangreiche Output, denn die verschiedenen "Rebel Heart"-Editionen kommen mit wahlweise 14, 19 oder 25 Songs daher – Stücke, die darüber hinaus gar nicht so leicht einzuordnen sind im Kontext des Gesamtwerks. So ist "Rebel Heart" ernst, aber nicht politisch wie "American Life". Poppig, aber nicht tanzbar wie "Confessions On A Dancefloor". Edgy, aber nicht so konsequent und ästhetisch wie "Ray Of Light".
Es scheint, als habe sich Madonna tatsächlich zum 13. Mal neu erfunden.
Am 4. November 2015 wird Madonna die Lanxess Arena in Köln zum Kochen bringen und nur wenige Tage später, am 10. November, kann auch in Berlin in der Mercedes-Benz Arena gefeiert werden. Der Ticketverkauf für diese beiden Konzerte startet am 16. März um 9 Uhr.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Album und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Homepage von Madonna
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