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Conchita Wurst im Gespräch mit Sandra Maischberger. Und mit sonst niemanden.
- 15. April 2015 6 Min.
Der Moderatorin gelang es, AfD-Politiker Björn Höcke klein aussehen zu lassen. Doch homophobe Thesen und gefährliche Argumente gegen die wichtige Schulaufklärung über Homosexualität entzauberte sie nicht.
Von Norbert Blech
Auch Redaktionen und Moderatoren können lernen: Nach einem misslungenen und teils widerwärtigen Talk über den Bildungsplan im letzten Jahr hat Sandra Maischberger am Dienstag zumindest teilweise gezeigt, dass es auch anders geht.
Zwar hatte sie wieder Homo-Hasser eingeladen, darunter den AfD-Haudegen Björn Höcke, bei dem auch nach der Sendung die Frage unklar bleibt: Mit welcher Berechtigung eigentlich? Ein Experte auf dem Gebiet ist er nicht. Die einzige denkbare und enttäuschende Antwort ist: Weil er sich aktuell am widerlichsten zum Thema äußert und seine Partei mit entsprechendem Populismus Erfolge erzielt. Talkshows werden so oft Teil der Brandstifterei.
Gilt das auch für Maischberger? Eher nicht. Sie hat Höcke mehrfach erfolgreich vorgeführt, als jemand, der sich in Talskshows mild gibt, auf Parteiveranstaltungen aber den Hetzer gibt, Gender Mainstreaming etwa als Geisteskrankheit und Dekadenz bezeichnet (queer.de berichtete). Nach der Sendung steht er für den Großteil der Zuschauer als eben jener Hetzer dar, für seine mögliche Anhängerschaft hingegen als vermeintlich milder Trottel, dem zu Conchita Wursts Auftritt vor dem EU-Parlament nur einfällt, man müsse Showbiz und Politik trennen.
Infizierung der Kinder mit Bisexualität
Viel mehr Lob verdient die Sendung allerdings auch nicht. Zwar gab Maischberger den eingeladenen Gästen aus dem Spektrum der sexuellen Vielfalt – der Drag Queen Conchita Wurst, der transsexuellen Alicia King und dem schwulen Vater eines Kindes aus einer Leihmutterschaft – lobenswert viel Zeit, sich den Zuschauern vorzustellen, sorgte durch kluges Nachfragen durchaus für Aufklärung und das Wecken von Verständnis.
Dieses Potenzial wurde freilich erneut dadurch verschenkt, dass man auch Gegner von LGBT-Rechten einlud, um mit ihnen über die verschiedenen Aspekte zu diskutieren, wobei sich viel zu oft die Themen sexuelle Orientierung und Identität sowie Geschlechterrollen verwirrend vermischten.

Michaela Freifrau Heereman und Alice Schwarzer waren sich gelegentlich einig
Und während Höcke von Maischberger teilweise im Zaum gehalten wurde, konnte die Theologin Michaela Freifrau Heereman so richtig aufblühen. Sie sei ja für Toleranz, gab sie sich vermeintlich liberal, allerdings "bei Erwachsenen". Die geplante Schulaufklärung in Baden-Württemberg über Homo- und Transsexualität sei unwissenschaftlich, wolle Homosexualität "zur Norm erklären" und die "Orientierung von Kindern verunsichern", "bewusst Kinder infizieren".
Die alte Mär, die Homo-Lobby wolle Kinder verführen also, später solte Heereman auch dieses Wort in den Mund nehmen. Maischberger fragte immerhin nach, ob die Theologin meine, dass Kinder durch Unterricht schwul werden könnten. Natürlich nicht, meinte Heereman. Aber bisexuell! Und mit dieser werde übrigens auch "Untreue mitgeliefert".
Hier wäre jetzt Widerspruch nötig gewesen, auch der Moderatorin; leider kam Alice Schwarzer zu Wort, die von fließenden Grenzen sprach, von schwulen Tendenzen in der Jugend etwa. Als hätte jugendliches Rumgefummel etwas mit der sexuellen Orientierung zu tun. Und als habe der Bildungsplan Experimentieren zum Ziel, und nicht die dringend benötigte Schaffung von Akzeptanz gegenüber Homo- und Heterosexuellen und des Selbstbewusstseins jener Schüler, die zu diesen Minderheiten gehören könnten. So bleibt von dieser Runde stehen, dass man Jugendliche durchaus in ihrer Sexualität "verunsichern" könne.

Björn Höcke sah in der Sendung nicht gut aus, konnte aber Thesen wie eine "Frühsexualisierung" der Kinder durch Aufklärung unterbringen
Emma und AfD gemeinsam gegen Sexualkunde
Es blieb auch die Aussage stehen, dass der Bildungsplan einen Schulunterricht für Zwölfjährige über den Puff biete, wie Heereman behauptete. Wie in der ersten Sendung fehlte ein Gast (etwa der zuständige Bildungsminister Andreas Stoch), um einerseits moderne Sexualpädagogik vernünftig zu erklären und zu verteidigen und andererseits auch die Lüge zurückzuweisen, im Bildungsplan gehe es auch nur ansatzweise um Sexualpädagogik.
Das führte dazu, dass sich nahezu alle Gäste gegen vermeintliche "Auswüchse" der Schulaufklärung aussprachen (Schwarzer machte Höcke sogar den Vorschlag, Emma und AfD könnten hier zusammen kämpfen) und Maischberger den Teil der Diskussion so zusammenfasste, dass Bildungspolitiker wohl "zu weit gegangen" seien. Die Anti-Bildungsplan-Bewegung darf sich freuen; man erfuhr in der Sendung auch nichts über ihre Steuerung durch die AfD, über die Gefahr, dass durch vorgeschobene Lügen und Übertreibungen über Sexualkunde ganz andere Dinge bezweckt werden.
Man erfuhr dafür einiges über die Weltsicht der Partei; für die meisten Zuschauer dürfte vieles rückständig gewirkt haben. Höckes Blödsinn, Sexualität sei im Bildungsplan "omnipräsentes Thema", blieb allerdings ebenso unwidersprochen wie seine Forderungen, Schule dürfe nicht "indoktrinieren", "Früsehxualisierung" betreiben und "klassische" Familien "ins Abseits" drängen.

Ließ sich nicht ins Abseits drängen: Familievater Johannes Zeller
Ein Vater verteidigt sich
Letztlich griff Maischberger Höcke vor allem wegen seiner Sprache im Wahlkampf an, weniger wegen dessen Inhalten. Dass er sagte, dass im Zweifel Hetero-Paare statt einem Homo-Paar ein Kind bekommen sollten, wurde ebenso kommentarlos zur Kenntnis genommen wie seine Ablehnung der Ehe-Öffnung, schwach und angreifbar begründet mit dem Schutz von Ehe und Familie im Grundgesetz und der Zukunft des Staates, für die nur Familien mit Kindern sorgen könnten.
Dass Höcke letztlich dennoch auf Eis lief, ist einem Gast zu verdanken: Johannes Zeller, der zusammen mit seinem Partner ein von einer Leihmutter ausgetragenes Kind aufzieht. Er war von der Redaktion bewusst eingeladen worden, um auf rechtliche Diskriminierungen von Regenbogenfamilien aufmerksam zu machen. Freilich stolperte die Sendung zunächst über ihre Zusammensetzung, stürzten sich erst alle Gäste gemeinsam auf ihn mit einer Verurteilung der Leihmutterschaft.
Dann griff Zelle allerdings Höcke an, der sich als "Anwalt der Kinder" aufgespielt hatte: "Seien Sie doch der Anwalt meines Sohnes. Ich bin genauso zuständig für das Fortbestehen unseres Staates wie eine andere traditionelle Familie auch. Kämpfen Sie doch für meine Familie. Oder ist mein Sohn Ihnen nicht gut genug? Wo ist Ihre Motivation, mein Familienbild schlecht zu machen?" Fragen, die eigentlich Journalisten von sich aus stellen müssten. Maischberger ließ stattdessen zu, dass Höcke ihm nicht antwortete, sondern Heereman zu einem langen Gerede über das Leiden von Kindern ohne Väter ansetzte.
Ist Akzeptanz unstoppbar?
So blieb die Sendung in weiten Teilen hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das gilt übrigens auch für Conchita Wurst. Sie kann schlagkräftig wie entwaffnend sein, wenn sie denn will. Hier wollte sie nicht, mischte sich eine gute Stunde lang nicht in die Diskussion ein und wurde zwischen Einstieg und Abschlusswort von Maischberger nicht weiter befragt – es ist davon auszugehen, dass das so verabredet war.

Hörte zu: Conchita Wurst
"We are unstoppable", hatte sie einst gesagt, und setzt dabei auf ein gelassenes Zurücklehnen: Das wird schon. Das reicht, mit Verlaub, nicht aus. Am Anfang der Sendung hatte Wurst noch auf den wichtigen Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz hingewiesen: "Ich will ja nicht toleriert werden. Ich will ja nicht, dass man quasi ein Auge zudrückt." Als Höcke später sagte, Schule müsse neutral bleiben und dürfe Toleranz, aber nicht Akzeptanz fördern, schwieg sie.
Dieser gefährliche Anti-Akzeptanz-Gedanke, übrigens in manchen Kreisen erst so richtig populär geworden durch die letzte Maischberger-Sendung und ihrem Gast Birgit Kelle, blieb so erneut unwidersprochen. Er bleibt hängen, setzt sich langsam fest.
Links zum Thema:
» Die Sendung online
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
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Wo ist er - der emanzipatorische Feminismus, der durch Sichtbarmachung von Ungerechtigkeiten zur Befreiung von ALLEN Ungerechtigkeiten führen soll? Shame on Alice.
(Aber daß die Gut'ste nicht wirklich Ahnung hat, ließ und läßt sich ja auch schon DARAN ablesen:)
derzaunfink.wordpress.com/2014/08/07/dont-ask-alice-falsche-
korper-falsche-rollen-falsche-ratschlage/