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Eine Rezension aus aktuellem Anlass

Das steht wirklich in Felix Rexhausens Roman!


Ausschnitt aus dem Cover der Ausgabe von Olympia Press

  • 11. Mai 2015 36 7 Min.

"Berührungen" ist eine selbstironische Hymne auf den promisken Schwulen und lesenswertes Spiegelbild der späten 1960er-Jahre – ganz bestimmt aber keine Werbung für Pädophilie.

Von Micha Schulze

Jetzt bin ich dem Herrn David Berger sogar ein wenig dankbar für seinen "Buchtipp" in der Huffington Post. Nach all der künstlichen Aufregung um Felix Rexhausens Roman "Berührungen" habe ich mir für 4,99 Euro die Kindle-Version runtergeladen und das Werk in einem Rutsch verschlungen. Kurzum: Ein wunderbares Buch!

Dass hinter dem Vorwurf der angeblichen Werbung für Pädophilie wohl vornehmlich die Rache eines gekränkten Egomanen steckt, hatte ich mir schon gedacht. Aber auch dem Männerschwarm-Verleger Detlef Grumbach, der sein Buch natürlich verteidigen musste, wollte ich nicht blind vertrauen – ist er doch im Umgang mit Pädophilie wahrlich kein Vorbild. Vor vier Jahren hatte ihm Angelo Algieri hier auf queer.de zu Recht den Roman "Als Jonathan starb" um die Ohren gehauen, in dem Tony Duvert ohne jede Distanzierung über Analverkehr mit einem Achtjährigen schreibt. Fiktion hin oder her, das ist wirklich eine widerliche Verklärung von sexuellem Missbrauch!

Und auch die offizielle Stellungnahme des BLSJ zum heftigen Streit um den Roman, den kaum jemand kennt, kam mir etwas sehr zurechtgebogen vor, wie die bemühte Textanalyse eines Strebers im Leistungskurs Deutsch. Vom "Protest des Autors gegen ein diskriminierendes Sexualstrafrecht" war da zu lesen, vom "klaren politischen Anspruch" und dem "kritischen Blick auf viele homosexuelle Verhaltensmuster".

Ein Roadtrip durch Parks, Klappen und Saunen


Felix Rexhausen (1932-1992) war Redakteur beim WDR sowie Autor u.a. für "Spiegel" und "Zeit", bevor er seit 1968 als freier Schriftsteller in Hamburg lebte

Dabei, und das weiß ich nun nach der unterhaltsamen Lektüre, geht es in "Berührungen" eigentlich nur um Sex. In 41 kurzen Kapiteln wird gefickt, gewichst, gelutscht und geschluckt, was das Zeug hält. Mit immer anderen Männern zwischen 15 und schätzungsweise 50 Jahren vergnügt sich der Ich-Erzähler, mit "Negern" im YMCA-Schlafsaal und Tunesiern auf einem islamischen Friedhof, mit ordentlichen Studenten und verlausten Strichern. Und selbst ein paar Frauen, zumeist Prostituierte, sind mit von der Partie.

Der 1969 unter dem Pseudonym Stefan David erschienene Roman ist ein exzessiver Roadtrip eines jungen Mannes in den Zwanzigern durch die Parks, Klappen und Saunen in den fiktiven Orten Elberg, Hadorf, Ifurt, Iksbrück oder Vaustadt, mit Abstechern ins reale Ausland, nach Neapel, Tunis oder San Francisco. "Ach, all die Gärten, die ich nicht gesehen, ach all die Männer, mit denen ich nicht geschlafen habe", diesen Vers wünscht sich der Ich-Erzähler auf seinem Grabstein.

Thema und spermaweißer Faden des Buches ist die "zerebrale Geilheit", die wunderbar selbstironisch aufs Korn genommen wird und die wohl die meisten Schwulen kennen, zumindest aus Phasen des Single-Daseins. Das stundenlange Auf- und Abrennen in der Sauna ("Unfertig wollte ich das Institut nicht verlassen"). Das Traumprinz-Warten an der Pinkelrinne, um es dann doch mit dem "alten Zwerg" zu machen. Das Vergessen früherer Sexpartner ("Aus den Fingern aus dem Sinn"). Das Dildo-Training vor der Tunesien-Reise, weil die Kerle da ja alle aktiv sein sollen. Der Leichtsinn in den Büschen, wo Polizisten und Kriminelle lauern. Das Einfachnichtdazulernen, weil die "Geilheitsmacke" zu groß ist – nach einem Überfall meidet unser Ich-Erzähler den Park gerade einmal für drei Nächte.

"Verdammte Erwartungen, verdammte Illusionen, verdammte Spannung. Und ein paar Mal habe ich auch einen wirklich sympathischen großen Spaß abgeschleppt", legt Stefan David alias Felix Rexhausen seinem Erzähler in den Mund. Satirisch überspitzt erzählt er Anekdoten aus einer wilden Zeit, als schwuler Sex strafbar, Aids unbekannt und die gleich­geschlechtliche Ehe so unvorstellbar war, dass sie nicht einmal als erstrebenswert galt. Und immer wieder geht es um die kompromittierenden Kompromisse des promisken Protagonisten: "Einen nicht zu bekommen, den man rasend gern will, oder Den nicht rasend gern zu wollen, den man bekommt – das beides war mir geläufig."

Die Gesellschaft macht aus Schwulen "lasterhafte Schweinskerle"


Das Cover der Männerschwarm-Ausgabe in der "Bibliothek rosa Winkel"

Natürlich fragt sich der Erzähler, warum er denn so ein "lasterhafter Schweinskerl" ist, gieriger noch als viele andere "Schwuchteln", die er kennt. Die Antwort ist aus heutiger Sicht recht amüsant, denn Schuld an der unstillbaren schwulen Fickerei hat für ihn die homophobe Gesellschaft: "Würde die Gesellschaft mit ihren verdammenden Urteilen die Schwulen nicht so ins Ghetto treiben, nicht jedes schwule Individuum in eine Isolierung, wo es mit seinen Wünschen und Vorstellungen nur unter seinesgleichen sein kann – die Idee 'Schwanz' würde nicht bei so vielen Schwulen zu einer 'idée fixe' werden."

Nun wage ich die kühne Behauptung, dass der sexuelle Appetit der Schwulen auch nach der Abschaffung des Paragrafen 175 und der Einführung eingetragener Lebenspartnerschaften nicht wirklich nachgelassen hat, nicht einmal nach dem Aids-Schock. Zwar gibt es kaum noch Klappen und in den Parks ist auch nicht mehr viel los, dafür ist der nächste pralle Schwanz dank Planetromeo, Grindr und Co. noch viel näher als vor 46 Jahren, als "widerlich, abstoßend und traurig die drei gängigsten Vokabeln" für Homo­sexuelle waren.

Ach, was hätte der junge Protagonist heute für einen Spaß!

Oder auch nicht, wie die aktuelle Debatte um das Buch zeigt. "Rexhausen rechtfertigt Sex von Erwachsenen mit 15-Jährigen", erregt sich David Berger – und hat dabei sogar Recht. "Ich mochte besonders die von fünfzehn bis Anfang Zwanzig", wagt es der Ich-Erzähler zu schreiben, der eh ein Ausgestoßener war und keine politische Korrektheit kannte, und das auf dem Höhepunkt der "sexuellen Revolution" im Rahmen der Studentenbewegung.

Einen Skandal kann ich nicht erkennen, eher den Versuch, Jugendlichen das Recht auf sexuelle Selbst­bestimmung abzuerkennen. Man kann es falsch finden, aber nach heutiger Gesetzeslage ist einvernehmlicher Sex zwischen einem Erwachsenen und einem 15-Jährigen nicht strafbar. Dass die übergroße Mehrheit der vielen Sexpartner unseres Protagonisten volljährig ist, hat David Berger übrigens geflissentlich unter den Tisch fallen lassen.

Allein dass der Erzähler für sexuelle Dienstleistungen von Heranwachsenden gelegentlich ein paar D-Mark oder Dinar springen lässt, könnte ihn auch heute noch mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt bringen. Was aber noch lange kein Grund sein kann, nicht darüber in einem Roman zu schreiben – minderjährige Sexarbeiter gibt es im Jahr 1969 ebenso wie im Jahr 2015. Und was den Hauptvorwurf betrifft: Mit Pädophilie, dem primären sexuellen Interesse an Kindern, die noch nicht die Pubertät erreicht haben, hat dies nun gar nichts zu tun! Ein 15-Jähriger bleibt ein 15-Jähriger, auch wenn er als "Bübchen", "Knabe" oder "Jüngelchen" bezeichnet wird.

"Wilde Sexspiele von 14- mit 11-jährigen Jungs", über die sich David Berger empört, habe ich im Roman ebenfalls nicht gefunden. Stattdessen erinnert sich der Erzähler in einer Randnotiz an ein Doktorspiel auf einem Bauernhof, wie es wohl nicht wenige Männer in ihrer Schulzeit erlebt haben. Nüchtern, geradezu lakonisch erzählt und alles andere als in einem aufgeilenden Ton: "Am dritten oder vierten Abend schaffte ich es, dass er an sich herumhantieren ließ, und ich weiß noch, wie sehr mich erstaunte, dass sein steifer Schwanz kaum dicker war als ein kräftiger Bleistift. […] Ich wollte etwas ausprobieren und versuchte, ihn diesen Schwanz in meinen Hintern stecken zu lassen, aber wir brachten es nicht hin. Schließlich zog jeder seine Bettdecke hoch." Müssen solche Jugenderfahrungen, die alles andere als abwegig sind, in einem literarischen Werk zensiert werden?

Aufbegehren gegen die muffige Sexualmoral der Nachkriegsjahre

Der Roman "Berührungen" ist ein Spiegelbild seiner Zeit, die gegen die muffige Sexualmoral der Nachkriegsjahre aufbegehrte, und kann nur in diesem Kontext verstanden werden. Es stimmt auch, was Grumbach und BLSJ sagen: Als einer der ersten Autoren thematisierte Felix Rexhausen die Unterdrückung schwuler Männer in der Bundesrepublik. Wobei die polit-psychologischen Analysen des Ich-Erzählers in diesem Buch nicht besonders tiefschürfend sind – neben der Unterdrückung gibt er etwa den hübschen Heteros die Schuld an der schwulen Fickerei: "Der erotische und sexuelle Appetit der Homo­sexuellen wäre geringer, wenn nicht die meisten appetitlichen Dinge für ihn tabu wären."

Mag sein, dass ihm die "offenbar niemals ermüdende Kraft der Illusion", also die Gier nach dem nächsten Schwanz, den Verstand etwas vernebelt hat – schlimm ist das überhaupt nicht: "Berührungen" bleibt ein äußerst vergnüglicher, selbstironischer Blick auf die sexuellen Möglichkeiten der schwulen Welt, die sich radikal gewandelt haben mag, deren Rituale aber noch immer dieselben sind.

Rexhausens Ich-Erzähler fordert: "Die Nichtschwulen (und die Schwulen selbst) müssten den Schwulen den Spaß nur lassen können." Auch nach 46 Jahren, wo erkämpfte sexuelle Freiheiten offensichtlich verteidigt werden müssen, hat dieser Satz an Wahrheit und Aktualität nichts eingebüßt!

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