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Weltkulturerbe-Stätte in Essen
Zollverein untersagt Aktion gegen Homophobie

Die Zeche Zollverein war bis 1986 ein aktives Steinkohlebergwerk und wurde schließlich zum Architektur- und Industriedenkmal (Bild: Flickr / Bodenschlag / by 2.0)
- 20. Mai 2015 3 Min.
"Weltanschaulich" geprägte Veranstaltungen will die Weltkulturerbe-Stätte nicht dulden und untersagte daher einer schwul-lesbischen Jugendgruppe, bunte Luftballons steigen zu lassen.
Die Stiftung Zollverein hat einer schwul-lesbischen Jugendgruppe aus Essen untersagt, am letzten Sonntag anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo- und Transphobie eine Aktion auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen durchzuführen.
Das ehemalige Steinkohlewerk, das seit Dezember 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, hatte gegenüber dem Sozialverein für Lesben und Schwule (SVLS), der in Essen das LGBT-Jugendzentrum "Together" unterhält, erklärt, dass "weltanschaulich" geprägte Veranstaltungen nicht geduldet werden würden. Die Jugendlichen hatten angefragt, auf Zollverein Herz-Ballons aufsteigen zu lassen.
Wörtlich schrieb die Stiftung, dass die Zeche ein "weltoffener Ort" sei, der auch "von vielen Familien mit Kindern besucht" werde. "Da wir bemüht sind, allen Besuchern einen ungestörten Besuch des Welterbes zu ermöglichen, kann die Stiftung Zollverein die beschriebene Aktion leider nicht genehmigen", heißt es in der Absage. Gegenüber der WAZ beharrte die Stiftung, dass man nichts gegen Aktionen gegen Homophobie habe, aber sich vorbehalte, Veranstaltungen zu untersagen, die das ehemalige Kohlewerk "für politisch und weltanschulich motivierte Meinungsäußerungen" nutzen wollten.
LGBT-Jugendliche als "Störung der Besucher"
Harry Kirchwehm vom SVLS zeigte sich über die Absage enttäuscht: "Offenbar sieht man uns auf Zollverein als eine Störung der Besucher an", sagte er am Sonntag. Man sei daher mit den 50 beteiligten LGBT-Jugendlichen auf den Kaiser-Wilhelm-Park in den Stadtteil Altenessen ausgewichen.
Dazu hatten sich auch Jugendliche von verbundenen LGBT-Treffen in Gelsenkirchen und Mülheim auf den Weg gemacht. Der Verein betreibt dort sowie in Dinslaken, Kleve und Krefeld Treff- und Beratungsangebote für Jugendliche, teilweise unter Nutzung allgemeiner Räumlichkeiten.
Scharfe Kritik am Verbot kam von der Politik. Der Essener Bundestagsabgeordnete Kai Gehring (Grüne) nannte die Entscheidung der Stiftung am Dienstag "menschenrechtlich blind". "Gerade Zollverein ist als Weltkulturerbe-Stätte ein einzigartiges Symbol menschlicher Kultur. Gerade hier sollte Raum sein für das zivilgesellschaftliche Eintreten für gleiche Menschenrechte, Gleichwertigkeit aller Menschen und die Wertschätzung von Vielfalt", argumentierte Gehring. Durch das "zutiefst demokratische Engagement" von jungen Menschen drohe keine politische oder weltanschauliche Vereinnahmung der Stiftung. "Vielmehr schadet das Signal, dass die Stiftung hier an die engagierten Jugendlichen aussendet, ihrem eigenen Ansehen."
Das in der Zeche untergebrachte Ruhr Museum, das von einer anderen Stiftung verantwortet wird, geht übrigens auf die LGBT-Bewegung ein. So ist die erste Ausgabe der "Rosa Zone" aus dem Jahr 1991 ausgestellt, aus dem regionalen Szeneblatt wurde später die bundesweite Zeitung "Queer". Nach deren Insolvenz gründeten einige ehemalige Mitarbeiter das Portal queer.de. (dk)
Update 11.10h: Schwule nein, SPD ja
Das Blog Ruhrbarone berichtet, dass die Stiftung Zollverein, die bezüglich des Anti-Homophobie-Tags Bedenken über "politisch und weltanschaulich motivierte Meinungsäußerungen" anmeldete, im letzten Juni auf ihrem Gelände ein Jubiläumsfest "150 Jahre SPD" duldete.
Update 14.20h: Anditiskriminierungsstelle eingeschaltet
In einem Schreiben (PDF) hat der Grünenpoltiker Volker Beck die Antidiskriminierungsstelle des Bundes um Prüfung gebeten, ob die Ablehnung einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) darstellt. Durch die Zusage an die SPD-Veranstaltung sei ein entsprechender Verdacht gegeben.















Und nebenbei wird das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit für Schwule und Lesben negiert.
So etwas erfordert zivilen Ungehorsam.