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Interview zur schwul-lesbischen Karrieremesse
"Die sexuelle Identität ist kein Qualitätsmerkmal"

Wünscht sich eine Arbeitswelt, die von Vielfalt und Wertschätzung geprägt ist: Messeveranstalter Stuart Cameron (Bild: privat)
- 10. Juni 2015, 05:50h 5 Min.
Stuart Cameron veranstaltet die schwul-lesbische Karrieremesse "Sticks & Stones" am Samstag in Berlin. Ein Gespräch über die Ziele, den fehlenden Einsatz deutscher Unternehmen für LGBT-Rechte und den Traumjob.
Von Micha Schulze
Stuart, seit fünf Jahren organisierst du u.a. schwul-lesbische Karrieremessen. Warum? Wie kommt man auf so eine Idee?
Als ich mit 17 Jahren nach einem neuem Arbeitgeber gesucht habe, wollte ich nicht mehr bei einem homophoben Unternehmen meine Zeit verschwenden. Leider war es bis dahin sehr schwer herauszufinden, welches Unternehmen das eben nicht ist. Da kam mir die Idee mit einer Messe, auf der sich Unternehmen outen müssen und nicht ich. Es hat aber noch ein paar Jahre gedauert, bis ich dann mit Freunden die Idee umgesetzt habe.
Was hat sich seit 2010 bei der Planung und auf der Messe verändert?
Wir sind 2010 mit sechs Unternehmen und 200 Besuchern gestartet und kommen dieses Jahr auf 87 Aussteller (ausgebucht!) und erwarten über 3.000 Besucher. Mittlerweile gehören wir zu Deutschlands größten Karrieremessen und werden von Unternehmen ernst genommen. Das war in den ersten Jahren nicht so. Zudem trauen sich immer mehr Heterosexuelle zu uns – was uns sehr freut, denn es geht ja darum, Berührungsängste abzubauen und das "Homo oder Hetero" in den Hintergrund treten zu lassen.
Was ist dieses Jahr neu bei "Sticks & Stones"?
Nachdem wir schon letztes Jahr ein tolles Programm hatten, haben wir am Ablauf grundsätzlich nicht viel verändert. Aber öde wird es deshalb nicht: Neue Location, neue Gesichter, neue Themen und Speaker. Es gibt über 30 spannende Vorträge, z.B. zu Einhornkondomen, Crowd Grundeinkommen, cuteness-traps und Education Hacking. Wir sind dieses Jahr im Motorwerk, dort hat u.a. die erste Mayday stattgefunden. Ein passender Ort für uns. Allerdings werden wir nächstes Jahr schon wieder weiterziehen, weil wir wieder mehr Platz benötigen – ein Luxusproblem.

Netzwerken auf der "Sticks & Stones" 2014: In diesem Jahr rechnet Stuart Cameron mit 3.000 Besuchern (Bild: Sticks & Stones)
Die Ausstellerliste ist beeindruckend: Siemens, Telekom, Adidas Gruppe, Coca Cola, Sky AG, ja selbst die Axel Springer SE. Warum engagieren sich all diese Unternehmen zwar für Diversity, aber nicht – wie etwa in den USA – auch für gleiche Rechte? Könnte nicht ein klares Wort von Mathias Döpfner Merkels Bauchgefühl bei der Ehe für alle beseitigen?
Angela Merkels Bauchgefühl bezüglich der Ehe ist unerträglich. Natürlich wünsche ich mir, dass unsere Unternehmen hier mehr Engagement zeigen würden. Allerdings steht das Thema Ehe wohl weniger an erster Stelle der Prioritätenliste in Unternehmen. Gleiche Rechte, Angstfreiheit und Offenheit am Arbeitsplatz, und das offensiv verteidigt und eingefordert – dafür muss in Unternehmen gearbeitet werden. Ich glaube, dass die meisten Firmen unbegründete Ängste haben und solange kein anderes Unternehmen den ersten Schritt wagt, werden die anderen weiterhin schweigen.
Auf der Homepage versprecht ihr "1.000 Top-Jobangebote". Habe ich als Besucher tatsächlich eine reale Chance, eine neue, bessere Stelle zu finden?
Selbstverständlich – deswegen machen wir ja diesen ganzen Aufwand. Natürlich musst du aber auch die entsprechenden Qualifikationen mitbringen und ein echtes Interesse an einer neuen Herausforderung. Einfach nur schwul, lesbisch oder hetero zu sein, langt da nicht.
Andererseits scheint ja Diversity, schaut man auf die vielen Aussteller, "in" zu sein – habe ich als Schwuler, Lesbe oder Transmensch bei der Jobsuche einen Vorteil, wenn ich jetzt die LGBT-Karte zücke?
Wie beim Minderheiten-Quartett? Ich würde meine Karriere nicht auf diese Karte setzen. Die sexuelle Identität ist kein Qualitätsmerkmal und sollte daher bei der Rekrutierung von neuen Mitarbeitern kein Entscheidungskritierium sein.
Ich schreibe den perfekten Lebenslauf und nehme Rhetoriktraining fürs Bewerbungsgespräch – was brauche ich mehr, um mir den Traumjob zu angeln?
Eine klare Idee davon, was Dein Traumjob sein soll. Leider machen sich die wenigsten Menschen ernsthaft Gedanken darüber, was sie wirklich gerne machen wollen. Viele qualifizieren sich bis zum Erbrechen, um tausende Wahlmöglichkeiten zu haben, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was sie wirklich wollen und können.

Die "Unicorns" sind das Markenzeichen der schwul-lesbischen Karrieremesse Sticks & Stones – sie stehen für menschliche Anders- und damit Einzigartigkeit (Bild: Sticks & Stones)
Bei den 30 Speakern auf der Messe sind viele spannende Leute dabei, aber niemand, der wirklich in der LGBT-Community verwurzelt ist. Sind die schwul-lesbischen Unternehmen und Organisationen nicht professionell genug, um Karriere-Tipps zu geben?
Wir haben sehr wohl LGBT-Speaker auf der Messe. Es steht ihnen nur nicht unbedingt ins Gesicht geschrieben.Aber du hast Recht, dass wir dieses Jahr weniger Fokus auf LGBT-Themen gesetzt haben. Deswegen wird es nächstes Jahr eine Bühne geben, die sich nur mit LGBT-Themen am Arbeitsplatz beschäftigen.
Muss denn die LGBT-Community mehr netzwerken?
Von müssen halte ich gar nichts. Netzwerken kann im Job, in der Karriere sehr hilfreich sein, aber dass die LGBT-Community mehr netzwerken muss denke ich nicht. Nichtdestotrotz: Es gibt ein Bedürfnis danach. Und mit der "Sticks & Stones" wie auch mit anderen Events und Initiativen bieten wir Plattformen dafür an.
Wird es die "Sticks & Stones" in fünf Jahren noch geben?
Die Messe wird sich in den nächsten Jahr noch weiter verändern, wir planen u.a. ein Festival daraus zu machen, aber ja, uns wird es definitiv noch geben. Bei einigen anderen Jobmessen bin ich mir da nicht so sicher…
Was kostet die Messe für Besucher eigentlich?
Da wir dieses Jahr viele Sponsoren haben, kann man sich noch Freikarten über unsere Webseite holen. An der Messekasse kosten die Tickets 20 Euro.
Apropos Karrierechancen. Angenommen, die Messe Berlin GmbH, die zu deinen Ausstellern gehört, würde dir anbieten, Vorsitzender der Geschäftsführung zu werden. Wie lange überlegst du?
Da muss ich nicht nachdenken. Ich habe bereits meinen Traumjob gefunden. Ich würde allerdings eine Freundin von mir vorschlagen. Die würde perfekt auf diesen Posten passen.
Sticks & Stones Karrieremesse. Edition #6. Samstag, 13. Juni 2015, Ort: Motorwerk, An der Industriebahn 12, 13088 Berlin, S+U Station Pankow. Zeit; 10-18 Uhr Messebetrieb, 18-20 Uhr World Record + Remmidemmi. Von der S+U Station Pankow gibt es alle 20 Minuten einen Shuttle-Service zum Motorwerk. Dresscode: "Come as you are"














Die diskriminierende Politik der Regierung färbt halt auf Wirtschaft, Gesellschaft und Medien ab.
Das hängt alles zusammen.
Viele denken ja immer, das Handeln der Regierung hätte keinen Einfluss z.B. auf Homophobie in der Bevölkerung, weil z.B. homophobe Mobber meistens Dummköpfe sind, die sich eh nicht für Politik interessieren.
Aber das ist ein sehr naives, mechanistisches Modell von sozialen Prozessen.
Die Politik schafft ein gesellschaftliches Klima und das färbt dann auf jeden ab - auch auf die Leite, die sich nicht für Politik interessieren und aktuelle politische Diskurse gar nicht mitbekommen.
Das ist ja auch alles sozialwissenschaftlich ausreichend belegt.
Wenn die Politik ihre Haltung ändert und uns z.B. gleichstellt, hat das automatisch auch Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Medien. Deshalb ist ja auch die Blockade der Regierung so dramatisch, weil sie damit viel mehr anrichtet, als uns nur Rechte vorzuenthalten.
Und internationale Konzerne, die räumlich flexibel sind und die besten Köpfe wollen, gehen dann eh in Staaten, wo es keine Diskriminierung gegen einen Teil ihrer Mitarbeiter gibt und wo man die besten Mitarbeiter bekommt und nicht die Sexualität interessiert. Das sind dann halt Arbeitsplätze, die in Deutschland verloren gehen...
Der Homohass der Regierung schadet nicht nur uns, sondern auch allen Heteros und der gesamten Volkswirtschaft.