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Beklemmender "Bürgerdialog"
Merkel zu schwulem Schüler: Gesellschaft noch nicht für Ehe-Öffnung bereit

In der Frage der Ehe-Öffnung stand Merkel auf verlorenem Posten: Für die Gleichstellung sprachen sich alle Schüler aus
- 16. Juli 2015, 08:28h 4 Min.
Bei einem Schulbesuch zeigte sich die Kanzlerin wenig einfühlsam: Weder gegenüber einem Schüler, der Homophobie beklagte, noch gegenüber einem Flüchtlingskind.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Mittwoch im Rahmen des von ihr ausgerufenen "Bürgerdialogs" das Schulzentrum Paul Friedrich Scheel in Rostock besucht und sich dem Dialog mit rund 30 Schülern gestellt. Dabei ging es auch erneut um eine Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben.
Das Thema brachte ein 17-Jähriger auf, der selbst schwul ist. Die Kanzlerin antwortete ihm: "Wir haben ja sehr lange, und für mich ist das persönlich nach wie vor so, gesagt: Die Ehe, das ist die Verbindung aus Mann und Frau." Diese bekämen dann irgendwann Kinder. "Das war viele Jahrzehnte unbestritten die klassische Vorstellung von Ehe. Und dann hat man gesehen, dass die Gesellschaft gottseidank, glücklicherweise offener geworden ist und dass man heute darüber sehr offen reden kann, sagen kann: Ich bin homosexuell, ich bin schwul, ich bin lesbisch."
Es gebe die Eingetragene Lebenspartnerschaft, aber unter anderem kein Adoptionsrecht, führte Merkel aus. "Jetzt gibt es dazu gespaltene Meinungen. Und ich sage: Man muss einfach auch sehr bedachtsam an die Sache herangehen." Die Ehe-Frage werfe weitere auf: Es gebe ja auch andere Partnerschaften, die ein Leben lang zusammenleben wollten. Sie persönlich sehe die Ehe als Verbindung von Mann und Frau.
Merkel spielt Mehrheit gegen Minderheit aus

Der 17-jährige Peter beklagte alltägliche Homophobie
Der Schüler war mit der Antwort nicht zufrieden. Es sei "totaler Quatsch", dass bei der Ehe eine Grenze gezogen werde. Warum solle es einen Unterschied machen, "auf wen ich stehe"? Auch sei die Gesellschaft nicht nur offener geworden: Er sei im Bus als Schwuler beleidigt worden, "das ist Realität", meinte der 17-Jährige. Er kenne Menschen, die seien "gemobbt, verprügelt" worden in der Schule.
Es gebe böse Angriffe, meinte Merkel, "man muss ja nur ins Internet gucken". Die Kanzlerin behauptete: "Da treten wir entschieden auf. Wo mir das begegnet, da kriegt jedenfalls derjenige die Meinung gesagt."
Aber sei nicht die Vorenthaltung der Ehe gegen die Würde Homosexueller gerichtet, wollte der Moderator der Runde wissen. "Vielleicht fühlt sich mancheiner in seiner Würde auch beeinträchtigt", meinte Merkel dazu. "Ich würde sagen: Die Würde ist gewahrt. Ich habe die Würde nicht beleidigt."
Die Frage der Ehe sei eine "Überzeugungsfrage", sagte Merkel. "Da sind wir nicht mit einem Schlage alle der gleichen Meinung." Sie müsse sich "da jetzt nicht verbiegen" und so tun, als ob das für sie kein Problem sei.
Man müsse das Thema auf einem Parteitag diskutieren und schauen, "wie sich die Mehrheiten entscheiden", meinte die CDU-Politikerin. Dass alle anwesenden Schüler eine Ehe-Öffnung unterstützen, beeindruckte sie nicht: Wenn es in allen Parteien eine Mehrheit gebe wie in dieser Gruppe, "dann wird man sicherlich auch einen Veränderungsprozess in der Gesellschaft haben. Ich glaube, im Augenblick ist es in der Gesellschaft noch nicht so ganz eindeutig, wie es jetzt hier in dieser Gruppe ist."
Umfragen hatten in den letzten Monaten allerdings eine klare Zweidrittel-Mehrheit in der Bevölkerung für die Ehe-Öffnung ergeben (queer.de berichtete), auch sind alle im Bundestag vertretenen Parteien bis auf die Union für die Gleichstellung. Merkel selbst hat sich wiederholt gegen die Ehe-Öffnung ausgesprochen, zuletzt am Montag in einem Video-Interview mit dem Youtube-Star LeFloid (queer.de berichtete).
Mädchen zum Weinen gebracht

Streicheleinheiten der Kanzlerin, nachdem ihre Worte zunächst Tränen ausgelöst hatten
Die Schule in Rostock war auf Vorschlag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ausgewählt worden, an ihr werden Schüler mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung integriert unterrichtet. Während erst am Donnerstag ein kompletter Mitschnitt des Talks veröffentlicht wurde (um die Ehe-Öffnung geht es ab der 50. Minute), sorgte ein TV-Bericht zu einem anderen Themenkomplex bereits für einige Empörung im Internet.
Ein junges Mädchen hatte davon berichtet, dass ihrer Familie die Abschiebung in den Libanon drohe. Der Vater dürfe nicht arbeiten, während man auf eine Anerkennung als Flüchtlinge warte; die Großeltern habe das Kind seit vier Jahren nicht gesehen. Sie könne nicht ihre Zukunft planen, berichtete das Mädchen, dabei sei sie integriert und hätte beste Chancen auf einen Arbeitsplatz: Sie spreche vier Sprachen.
"Wir werden nicht alle Menschen aufnehmen können", sagte Merkel. Politik sei "manchmal auch hart". Der Libanon sei kein Bürgerkriegsland, aus anderen Ländern wie Syrien kämen bedürftige Flüchtlinge. Es dürfe nicht so lange dauern, bis über Asylanträge entschieden wird, meinte Merkel. Aber: "Es werden manche auch wieder zurück gehen müssen."
Das Mädchen brach daraufhin in Tränen aus. Der Versuch Merkels, das Kind durch Umarmung und den Satz "Du hast das doch prima gemacht" zu trösten, wirkte ungelenk. n-tv berichtet, im Nebenraum habe sich eine Lehrerin empört: "So kann man doch nicht mit einem kleinen Mädchen umgehen." Der Kanzlerin fehle jegliche Empathie. (nb)
akt. um 11.18 Uhr: Nach Veröffentlichung des Video-Mitschnitts überarbeitet











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