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Die beiden LGBT-Charaktere sitzen in einer Szene gemeinsam auf einer Couch: Miguel Angel Silvestre spielt den heimlich schwulen Latin-Lover-Filmstar Lito, Jamie Clayton die trans­sexuelle und lesbische Polit-Bloggerin Nomi (Bild: Murray Close/Netflix)

In der Mysteryserie "Sense8" der Geschwister Wachowski werden die LGBT-Charaktere geradezu vorbildlich dargestellt. Prima, dass Netflix eine zweite Staffel produziert.

Von Jaron Christian Pelters

Es war ein schöner Zufall, dass die neue Netflix-Produktion "Sense8", die Serien-Premiere der Geschwister Wachowski ("Matrix") über acht Menschen, die durch ein Ereignis mental und emotional verbunden werden, just in der Woche anlief, in der Caitlyn Jenner auf dem Cover der "Vanity Fair" erschienen ist. Denn wie Jenners Bild auf dem Cover der berühmten Zeitschrift trägt auch die Serie positiv zur Sichtbarmachung von LGBT-Menschen bei.

Zwar haben so einige Filme- und Serienmacher in jüngster Zeit Charaktere aus dem Regenbogen-Spektrum für sich entdeckt. Was an sich eine tolle Sache ist, aber leider nicht heißt, dass diese auch auf eine gelungene Weise repräsentiert werden. Gerade wenn es um Transpersonen geht, schießen die Menschen hinter der Kamera neben Filmszenen reihenweise Böcke.

Häufig fängt die Misere schon mit der Auswahl der Schauspieler an. Für die Rolle einer Transfrau castet man in der Regel einen Mann, der zu einer tendenziell karnevalesken Gestalt hochgestylt wird. Das ist ungefähr so passend und authentisch, als würde man einem Weißen dunkle Schuhcreme ins Gesicht schmieren und ihn so einen Schwarzen spielen lassen.

Youtube | Offizielles Netflix-Video zur Bloggerin Nomi

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Eine (Trans-)Frau verkörpert eine (Trans-)Frau


Offizielles Poster zur Serie: Alle zwölf Episoden der ersten Staffel von "Sense 8" sind seit Juni auf Netflix abrufbar

Auch auf der Inhaltsebene bleiben Transfrauen auf der Leinwand oft eindimensionale Karikaturen. Jegliche Plot-Entwicklung dreht sich einzig um ihre Geschlechts­identität, ihren Körper, ihr Sexleben – und natürlich um die für einen "normalen" Menschen kaum fassbaren Probleme, die sie mit diesen Themen haben. Wenn sie einmal nicht überdramatisch dargestellt werden, dann als Witzfiguren.

Dass es auch anders und vor allem um Welten besser geht, zeigt die selbst trans­sexuelle Lana Wachowski in "Sense8" mit Nomi Marks, der ersten trans­sexuellen Figur, die sie bis dato in Szene gesetzt hat: Hier wird eine (Trans-)Frau von einer (Trans-)Frau verkörpert, die – Überraschung! – eben wie eine Frau aussieht. Ihre Trans­identität wird in der Serie keineswegs versteckt. Da diese, genauso wie ihre lesbische Identität, ein bedeutender Teil ihrer Lebensgeschichte ist, wird sie durchaus auch thematisiert.

Wohlgemerkt: Das Trans-Sein gehört zu ihrem Leben, aber es ist nicht ihr einziger Lebensinhalt. Mindestens ebenso wichtig sind die (übrigens nicht problematische, sondern sehr glückliche) Beziehung zu ihrer Frau, ihre Tätigkeit als Bloggerin und ihre Fähigkeiten als Hackerin. Gerade in letzterer Funktion spielt sie eine entscheidende Rolle für den Cluster der Protagonisten.



Wachowski hat so statt der x-ten "Transe vom Dienst" eine smarte, spannende Persönlichkeit kreiert, die zufälligerweise auch trans­sexuell und lesbisch ist. Daran können sich andere Serienschreiber gerne ein Beispiel nehmen.

Aber nicht nur das T in LGBT ist in "Sense8" vertreten: Neben der lesbischen Nomi gibt es außerdem den schwulen mexikanischen Schauspieler Lito, der in einer Beziehung mit einem Mann, jedoch ungeoutet lebt. Damit stellen Homo­sexuelle immerhin ein stolzes Viertel der Hauptfiguren. (Ganz zu schweigen davon, dass wir über die Sexualität von zwei weiteren der acht Personen bis zum Ende der ersten Staffel nichts erfahren – insofern könnte es in der pünktlich zum Geburtstag der Sensates am 8. August angekündigten zweiten Staffel eventuell noch Überraschungen geben.)

Youtube | Offizielles Video zum Schauspieler Lito

Die sexuelle Orientierung als ein selbstverständliches Vielfaltsmerkmal

Die acht Protagonisten sind in vielerlei Hinsicht verschieden, sei dies im Hinblick auf Hautfarbe, Religion oder Geschlecht, auf soziale und kulturelle Herkunft oder Charaktereigenschaften. In diesem Rahmen gelingt es den Machern der Serie, die sexuelle Orientierung als ein weiteres Vielfaltsmerkmal einzuführen, in dem sich Menschen nun einmal unterscheiden. Wie das Schwul- bzw. Lesbischsein einen Teil Litos und Nomis als Individuen ausmacht, so sind Schwule und Lesben insgesamt nicht zu vernachlässigende Steinchen im bunten Menschheitsmosaik.

Dass die Sensates – und wohl auch wir "gewöhnlichen" Menschen – bei aller Verschiedenheit doch nicht in absolut getrennten Welten leben, ist eine Pointe der Serie. Die Sinnlichkeit und Sexualität betreffend wird diese Einsicht in einer längeren Szene der sechsten Folge besonders anschaulich: Hier sehen wir den Hauptfiguren und den Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld beim Sex in allen möglichen Varianten zu, alleine masturbierend, zu zweit oder in der Gruppe, mit dem gleichen oder anderen Geschlecht.



Die Grenzen zwischen den Orten und Sexualitäten verschwimmen dabei mehr und mehr, das Begehren wird immer fließender, so dass am Ende in einer einzigen lustvollen Begegnung der Körper auch eigentlich Heterosexuelle mit gleichgeschlechtlichen und Homosexuelle mit andersgeschlechtlichen Partnern schlafen. Auf ästhetisch-eindringliche Weise wird so zum Ausdruck gebracht, dass Homosexualität kein Nischenphänomen für Perverse, sondern eine vollkommen gleichwertige Spielart menschlicher Sexualität ist.

Und dies ist eine Botschaft, die man in Zeiten, in denen das Stichwort "sexuelle Vielfalt" aus unerfindlichen Gründen immer noch auf zu viele Menschen bedrohlich wirkt, nicht oft genug in Worte oder Bilder fassen kann.

Youtube | Emotionale Original-Szene aus Folge 9: Lito und Nomi sprechen über ihre sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Bei Netflix gibt es eine deutsche Synchronfassung
-w-

#1 ARD und ZDFAnonym
  • 12.08.2015, 10:54h
  • Wir fassen sexuelle Vielfalt nicht in Bilder.
  • Direktlink »
#2 ZDF und ARDAnonym
#3 Shinkaishi
  • 12.08.2015, 14:14h
  • Amerika zeigt schon eine ganz Weile mit einer nicht unerheblichen Zahl von Serien, dass Homosexualität in Unterhaltungsmedien kein Problem ist, Rick Riordan ließ in seiner Bestseller Jugendbuchserie "Heroes of Olympus" einen der Charaktere ein durchaus gut gelungenes Coming Out erleben (und erntete damit natürlich viel Kritik von konservativen Eltern).

    Selbst Japan zeigt in Unterhaltungsmedien nicht heterosexuelle Charaktere in tragenden Rollen, und das auch in Medien die sich an männliche Jugendliche richten, in einer sehr typisch japanischen Mischung aus differenzierten und sehr vernünftigen Darstellungen und eher komischen und etwas problematischen Klischees.

    Mehr noch als durch Bildungspläne werden solche Dinge, die wirklich den Alltag vieler Menschen erreichen, den Weg zu einer gesamtgesellschaftlichen Aktzeptanz ebnen.

    Wir sollten stets bemüht sein dies zu unterstützen, ebenso wie die, oft herteosexuellen, Produzenten dieser Medien das mit ihren Werken für uns tun.
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