https://queer.de/?24379
"Sense8" auf Netflix
Kein Quotenschwuler, keine "Transe vom Dienst"

Die beiden LGBT-Charaktere sitzen in einer Szene gemeinsam auf einer Couch: Miguel Angel Silvestre spielt den heimlich schwulen Latin-Lover-Filmstar Lito, Jamie Clayton die transsexuelle und lesbische Polit-Bloggerin Nomi (Bild: Murray Close/Netflix)
- 12. August 2015, 06:09h 4 Min.
In der Mysteryserie "Sense8" der Geschwister Wachowski werden die LGBT-Charaktere geradezu vorbildlich dargestellt. Prima, dass Netflix eine zweite Staffel produziert.
Von Jaron Christian Pelters
Es war ein schöner Zufall, dass die neue Netflix-Produktion "Sense8", die Serien-Premiere der Geschwister Wachowski ("Matrix") über acht Menschen, die durch ein Ereignis mental und emotional verbunden werden, just in der Woche anlief, in der Caitlyn Jenner auf dem Cover der "Vanity Fair" erschienen ist. Denn wie Jenners Bild auf dem Cover der berühmten Zeitschrift trägt auch die Serie positiv zur Sichtbarmachung von LGBT-Menschen bei.
Zwar haben so einige Filme- und Serienmacher in jüngster Zeit Charaktere aus dem Regenbogen-Spektrum für sich entdeckt. Was an sich eine tolle Sache ist, aber leider nicht heißt, dass diese auch auf eine gelungene Weise repräsentiert werden. Gerade wenn es um Transpersonen geht, schießen die Menschen hinter der Kamera neben Filmszenen reihenweise Böcke.
Häufig fängt die Misere schon mit der Auswahl der Schauspieler an. Für die Rolle einer Transfrau castet man in der Regel einen Mann, der zu einer tendenziell karnevalesken Gestalt hochgestylt wird. Das ist ungefähr so passend und authentisch, als würde man einem Weißen dunkle Schuhcreme ins Gesicht schmieren und ihn so einen Schwarzen spielen lassen.
Eine (Trans-)Frau verkörpert eine (Trans-)Frau

Offizielles Poster zur Serie: Alle zwölf Episoden der ersten Staffel von "Sense 8" sind seit Juni auf Netflix abrufbar
Auch auf der Inhaltsebene bleiben Transfrauen auf der Leinwand oft eindimensionale Karikaturen. Jegliche Plot-Entwicklung dreht sich einzig um ihre Geschlechtsidentität, ihren Körper, ihr Sexleben – und natürlich um die für einen "normalen" Menschen kaum fassbaren Probleme, die sie mit diesen Themen haben. Wenn sie einmal nicht überdramatisch dargestellt werden, dann als Witzfiguren.
Dass es auch anders und vor allem um Welten besser geht, zeigt die selbst transsexuelle Lana Wachowski in "Sense8" mit Nomi Marks, der ersten transsexuellen Figur, die sie bis dato in Szene gesetzt hat: Hier wird eine (Trans-)Frau von einer (Trans-)Frau verkörpert, die – Überraschung! – eben wie eine Frau aussieht. Ihre Transidentität wird in der Serie keineswegs versteckt. Da diese, genauso wie ihre lesbische Identität, ein bedeutender Teil ihrer Lebensgeschichte ist, wird sie durchaus auch thematisiert.
Wohlgemerkt: Das Trans-Sein gehört zu ihrem Leben, aber es ist nicht ihr einziger Lebensinhalt. Mindestens ebenso wichtig sind die (übrigens nicht problematische, sondern sehr glückliche) Beziehung zu ihrer Frau, ihre Tätigkeit als Bloggerin und ihre Fähigkeiten als Hackerin. Gerade in letzterer Funktion spielt sie eine entscheidende Rolle für den Cluster der Protagonisten.

Wachowski hat so statt der x-ten "Transe vom Dienst" eine smarte, spannende Persönlichkeit kreiert, die zufälligerweise auch transsexuell und lesbisch ist. Daran können sich andere Serienschreiber gerne ein Beispiel nehmen.
Aber nicht nur das T in LGBT ist in "Sense8" vertreten: Neben der lesbischen Nomi gibt es außerdem den schwulen mexikanischen Schauspieler Lito, der in einer Beziehung mit einem Mann, jedoch ungeoutet lebt. Damit stellen Homosexuelle immerhin ein stolzes Viertel der Hauptfiguren. (Ganz zu schweigen davon, dass wir über die Sexualität von zwei weiteren der acht Personen bis zum Ende der ersten Staffel nichts erfahren – insofern könnte es in der pünktlich zum Geburtstag der Sensates am 8. August angekündigten zweiten Staffel eventuell noch Überraschungen geben.)
Die sexuelle Orientierung als ein selbstverständliches Vielfaltsmerkmal
Die acht Protagonisten sind in vielerlei Hinsicht verschieden, sei dies im Hinblick auf Hautfarbe, Religion oder Geschlecht, auf soziale und kulturelle Herkunft oder Charaktereigenschaften. In diesem Rahmen gelingt es den Machern der Serie, die sexuelle Orientierung als ein weiteres Vielfaltsmerkmal einzuführen, in dem sich Menschen nun einmal unterscheiden. Wie das Schwul- bzw. Lesbischsein einen Teil Litos und Nomis als Individuen ausmacht, so sind Schwule und Lesben insgesamt nicht zu vernachlässigende Steinchen im bunten Menschheitsmosaik.
Dass die Sensates – und wohl auch wir "gewöhnlichen" Menschen – bei aller Verschiedenheit doch nicht in absolut getrennten Welten leben, ist eine Pointe der Serie. Die Sinnlichkeit und Sexualität betreffend wird diese Einsicht in einer längeren Szene der sechsten Folge besonders anschaulich: Hier sehen wir den Hauptfiguren und den Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld beim Sex in allen möglichen Varianten zu, alleine masturbierend, zu zweit oder in der Gruppe, mit dem gleichen oder anderen Geschlecht.

Die Grenzen zwischen den Orten und Sexualitäten verschwimmen dabei mehr und mehr, das Begehren wird immer fließender, so dass am Ende in einer einzigen lustvollen Begegnung der Körper auch eigentlich Heterosexuelle mit gleichgeschlechtlichen und Homosexuelle mit andersgeschlechtlichen Partnern schlafen. Auf ästhetisch-eindringliche Weise wird so zum Ausdruck gebracht, dass Homosexualität kein Nischenphänomen für Perverse, sondern eine vollkommen gleichwertige Spielart menschlicher Sexualität ist.
Und dies ist eine Botschaft, die man in Zeiten, in denen das Stichwort "sexuelle Vielfalt" aus unerfindlichen Gründen immer noch auf zu viele Menschen bedrohlich wirkt, nicht oft genug in Worte oder Bilder fassen kann.
Links zum Thema:
» Homepage von Netflix Deutschland
Mehr zum Thema:
» Ein Schrankhomo, eine transsexuelle Lesbe und sechs Heteros (05.06.2015)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
02:20h, ZDF:
Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll
Die Filmbiografie beruht auf dem bewegten Leben des Starpianisten Liberace und dessen Beziehung zu seinem Lebensgefährten Scott Thorson.
Spielfilm, USA 2013- mehr TV-Tipps »















