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Prof. Elisabeth Tuider beklagte in ihrem Vortrag einen moralischen Diskurs über eine vermeintlich "gefährdende und gefährdete Sexualität" (Bild: Norbert Blech (alle))

  • 20. September 2015, 08:39h 21 6 Min.

Bei der 9. Hirschfeld-Lecture debattierten Sexualpädagogen mit NRW-Schulministerin Löhrmann über sexuelle Vielfalt und den Umgang mit reaktionären Gegnern.

Von Norbert Blech

Wie kann Sexualerziehung an Schulen und Sexualpädagogik mit Jugendlichen die Vielfalt der Geschlechter und Orientierungen aufgreifen und damit den Schülern gerecht werden? Und wie kann diese gegen reaktionäre Bewegungen verteidigt werden? Diese Fragen standen am Donnerstag im Mittelpunkt der neunten Hirschfeld-Lecture der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld im Haus der Universität in Düsseldorf.

In einem Referat befasste sich die Soziologie-Professorin Elisabeth Tuider zunächst mit der "neuen Salonfähigkeit von Homophobie und Antifeminismus". Die Wissenschaftlerin der Universität Kassel kennt sich mit den zahlreichen Angriffen aus – das von ihr mit Stefan Timmermanns verfasste Buch "Sexualpädagogik der Vielfalt" ist ein gerne zitiertes Objekt der Empörung, ein gerne falsch zitiertes.

Geschürt werde eine Moralpanik, und das mit mehreren Methoden: So werde Sexualpädagogik gezielt aus dem Kontext gerissen und anhand vermeintlicher Auswüchse kritisiert ("Taschenmuschi", "Puff", etc. – meist aus durchaus altersgerechten Materialen für Lehrer und Pädagogen, wie man auf auftauchende Fragen von Schülern eingehen könnte). Auch stürze sich die Kritik mit teils viral-virtueller Gewalt auf einzelne Vertreter der Wissenschaften. Während fachliche Konzepte verschwiegen geschweige denn erklärt würden, werde gezielt mit Angst schürenden Reizwörtern gearbeitet ("Frühsexualisierung", "Verführung", "Missbrauch").



Zudem, so Tuider, würden Forschungsergebnisse der Sozialwissenschaft ebenso wie LGBT-Rechte und Sexualpädagogik als Angriffe auf bürgerliche Familien- und Lebensentwürfe dargestellt und diese damit normiert. Aktivisten und Wissenschaftler würden dabei zunehmend als Lobbyisten definiert, Gleichstellung werde als "Gleichmacherei" bekämpft und zur Diskriminierung verklärt: Der weiße heterosexuelle Mann sei ebenso bedroht wie die Familie als "Keimzelle der Nation".

Jedes Sprechen mit Schülern über Sexualität werde als "Frühsexualisierung" – ein Begriff aus dem Bereich des Missbrauchs – abgelehnt, und mit dem Argument eines vermeintlichen Kinderschutzes werde versucht, Homophobie und Sexismus zu legitimieren.

Tuider zeigte anhand einer Chronologie der letzten zwei Jahre, wie der Kampf gegen Sexualpädagogik immer absurder wurde – aus einer Warnung vor Dildos für Siebtklässler in einer "Spiegel Online"-Kolumne wurden im späteren Diskurs Siebenjährige. Und sie zeigte, wie im gemeinsamen Kampf Bewegungen wie "Demo für alle", "Besorgte Eltern" und Pegida, "einzelne Hasstreibende" wie Pirinçci, Kelle & Co. und rechte und religiöse sowie "Männerrechtler"-Netzwerke zusammenfinden. Dazu kommen "Schnittstellen zwischen neu(rechten) Positionen und bürgerlicher Presse" (FAZ/FAS, SZ) sowie die AfD, die den Kampf gegen "Gender-Wahn" im Parteiprogramm stehen hat. Auch die CDU habe sich mit Kleinen Anfragen in mehreren Bundesländern an der reaktionären Mobilisierung beteiligt.

Umkämpftes Recht auf Aufklärung


Prof. Martin Dannecker beklagte, wie die neue Bewegung zu einer Abwertung von LGBT führe

Heterosexualität werde "bis zur Unkenntlichkeit idealisiert", kritisierte auch der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker in seinem Referat gesellschaftliche Bewegungen, die zu einer "vormodernen Auffassung von Sexualität" zurückkehren wollten. Kinder würden als passive Empfänger von Ideologien dargestellt, dabei ziele die Aufklärung durch Schule und Sexualpädagogik gerade darauf, sie mündig zu machen.

Neue Schülergenerationen würden durch ihr Umfeld, durch Medien und Internet mehr von Sexualität erfahren als die vor ihnen und hätten dadurch ganz andere Fragen. Man müsse sie ernst nehmen und altersgerechte Antworten parat haben, so Dannecker. Neben Elternrechten gebe es auch klar das Recht der Kinder auf Aufklärung und Hilfe bei Lebenslagen, in denen sie sich nicht den Eltern anvertrauen wollen oder können.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion berichtete Tuider aus einer Studie, dass 98 Prozent der Schüler Sexualkunde erhielten. Diese sei aber oft rein biologisch ausgerichtet, auf Verhütung und Fortpflanzung. Weitere Kompetenzen würden, wenn überhaupt, von externen Organisationen wie Pro Familia oder der Aids-Hilfe vermittelt. Oder von dem LGBT-Schulaufklärungsprojekt SchlAu: Als Ehrenamtler gehen junge Schwule, Lesben und Trans­sexuelle kurz nach ihrer eigenen Schulzeit in Klassen, um allein und vertrauensvoll mit den Schülern zu sprechen.



Zu den Themen, die angerissen werden, gehören Coming-out, Diskriminierung und Mobbing oder LGBT-Geschichte (beispielsweise der Stonewall-Aufstand). Sexualaufklärung gehört hingegen nicht dazu, muss Laura Becker von SchLAu Bonn seit den "Besorgten Eltern" und manchen Zeitungsberichten und Politikeranfragen immer wieder erklären.

Die Schüler hätten inzwischen ohnehin Erfahrungen mit dem Thema und seien offen für den Dialog, zeigten sich danach reflektierter und einfühlsamer: So gibt es Lehrerrückmeldungen, dass die Nutzung von "schwul" als Schimpfwort nach SchLAu-Besuchen zurückgehe. Das Projekt kläre auch Lehrer auf, berichtete Becker. Die angehende Lehrerin musste die Erfahrung machen, dass LGBT-Themen in der Lehrerausbildung fehlten. Dabei müsse Schule die "Kompetenz für eine pluralistische Gesellschaft" schaffen.

"Schule der Vielfalt" selbstverständliches Ziel


Ministerin Löhrmann betonte, Ziel müsse nicht die Duldung, sondern Akzeptanz von Minderheiten sein

Den Gedanken griff auch Sylvia Löhrmann auf, grüne Bildungsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW. Eine "Schule der Vielfalt", wie ein Kooperationsprojekt ihres Ministeriums mit LGBT-Gruppen heißt, ergebe sich zwangsläufig aus dem Grundgesetz, sei eine Frage der Inklusion. Man müsse gegen Homophobie arbeiten wie gegen Rassismus und LGBT-Jugendlichen ein sicheres Umfeld bieten.

Es sei zwar wichtig, Unterstellungen und Angriffe auf Sexualpädagogik zurückzuweisen, meinte Löhrmann. Sie betonte zugleich aber immer wieder, dass man vor Ort Eltern einbinden müsse. Nicht das Rechthaben müsse Ziel sein, sondern Akzeptanz. Sie sei froh, dass es in NRW bereits seit 1999 Richtlinien zur sexuellen Aufklärung gebe, deren Grundlagen parteiübergreifend vertreten würden.

Nun erinnerte sich im Publikum vielleicht mancher doch daran, wie dazwischen mal CDU und FDP an der Macht waren und die schwarz-gelbe Landesregierung eine simple Unterrichtshilfe zum Thema Homosexualität im Giftschrank verschwinden ließ, wie der gesamte Bereich der LGBT-Emanzipation brach lag (queer.de berichtete). Und Dannecker stellte zwischendurch auch mal die wichtige Frage: Wie können wir das Erreichte überhaupt sichern?

Das Erreichte verteidigen

Viele inhaltliche Antworten bekam er aufgrund fortgeschrittener Zeit und einer Menge an Interessenlagen nicht, dafür viele strukturelle: die Forderung nach mehr Geld, mehr Stellen, mehr Materialien, mehr Wissenschaftler. Der bei diesen Fragen zuständigen Ministerin fiel der Landes-Aktionsplan ein sowie erneut eine größere Einbeziehung der Eltern.

Vielleicht müsste man auch die Eltern gezielt aufklären, quasi nachträglich, kam es aus dem Publikum. Und in der Tat forderte Tuider (neben mehr politischen Mut, sich nicht vom Gegenwind beeindrucken zu lassen), dass sich ihr Bereich mehr der Debatte stellen, mehr erklären müsse. Gerade der Diskussion in sozialen Netzwerken sollte man sich öffnen – gerade jetzt, wo sich Medien, Justizminister und Facebook über fremdenfeindliche Postings empörten, aber nicht über Homophobie oder Sexismus.

Reflektiert man den Abend, fragt man sich noch einmal, welche Rolle Medien bei der homophoben Bewegung spielen, ob sie sie etwa größer machten als sie ist – Tuiders Zeitübersicht mit mancher Talkshow ließ etwa einen klaren Zusammenhang erkennen. Und: Spielt Aufklärung über LGBT-Themen eigentlich in der Journalistenausbildung eine Rolle? Neben vereinzelten Machos und konservativen Aktivisten scheint in Redaktionen zwar nicht der "besorgte", aber manchmal doch der "verunsicherte" Journalist vorzuherrschen.

Dazu trägt sicher bei, was Hedwig von Beverfoerde, die Organisatorin der "Demo für alle", kürzlich in Fulda skizzierte: Wie man sich vernetzt hat, um Emails und klassische Leserbriefe an Redaktionen zu schicken, um in eigenen, höflichen Worten Beiträge zu kritisieren (oder auch zu loben!). Das scheint Journalisten eher zu beeindrucken als Massen-Shitstorms bei Facebook – und ist auf Seiten der vermeintlichen Gender- und Homo-"Lobby" unterentwickelt.

Die Argumente für sexuelle Vielfalt im Unterricht sind dabei durchaus schlagkräftig. Die Gesellschaft für Sexualpädagogik hat vor wenigen Tagen einen FAQ zur "Sexualpädagogik der Vielfalt" aktualisiert. Er ist sehr lesenswert und verdient eine Verbreitung!

#1 jhgkAnonym
#2 reiserobbyEhemaliges Profil
#3 LasseJAnonym
  • 20.09.2015, 12:58h
  • Entscheidend wäre es, wenn sich die Verwandten von LGBT's erheblich stärker öffentlich zu Worte meldeten, insbesondere die Eltern. Inwischen gibt es ja eine ganze Eltern- und zum Teil auch Großelterngeneration, die bezeugen kann, dass Lesben und Schwule darunter leiden, wenn sie in ihrer Jugend ohne hinreichende Informationen über Homosexualität auskommen müssen. Umso mehr Eltern den Mut haben zu sagen "ich wünschte, ich hätte mit meinen Kindern offener über Homosexualität geredet, dann hätte sie sich meine lesbische Tochter / mein schwuler Sohn nicht jahrelang so gequält" umso leichter dürfte es den "besorgten Eltern" fallen, in den Aufklärungsbemühungen nicht den Wunsch nach Indoktrination zu sehen. Im Moment ist die Diskussion so polarisiert, dass viele Leute bei dem Stichwort "Familien von Homosexuellen" nicht mehr an die Eltern, Geschwister etc. von Schwulen und Lesben denken, sondern automatisch an "Regenbogenfamilien", während die Gegenseite Plakate mit Mutter-Vater-Kind-Familien hochhält ohne zu realisieren, dass dies genauso eine Familie von einem homosexuellen Kind sein könnte.
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