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Aserbaidschan
Neues Video-Experiment zeigt homophobe Gewalt in Baku

Eine Szene aus dem Video. Sie könnte gestellt sein, was die Sache nicht besser macht.
- 17. Oktober 2015, 05:27h 3 Min.
Mit versteckter Kamera ließ sich ein junger Mann filmen, der Passanten anflirtete. Er wurde mehrfach attackiert.
Von Norbert Blech
Es sind erschreckende Szenen, die gerade auf Youtube und im russischsprachigen sozialen Netzwerk VK die Runde machen: Ein junger Mann spricht auf den Straßen von Baku einige Männer flirtend an und wird von ihnen gewaltsam angegriffen.
Das mit versteckten Kameras gedrehte Video hat inzwischen fast 150.000 Aufrufe erzielt und scheint eine Alltagshomophobie zu zeigen, die schnell in Gewalt umschlägt.
Freude über die homophoben Reaktionen
Den erschreckendsten Moment hat sich das Video allerdings für den Schluss aufbewahrt. "Wir haben das aufgenommen, um die negative Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu bestätigen", heißt es im Abspann. "Und wir sind froh, dass die Leute in Baku so reagiert haben."
Diese Intention lässt auch die Frage aufkommen, ob die Szenen nicht doch inszeniert waren, gelegentlich wirken sie so. In den letzten Monaten hatte es einige Experimente mit versteckter Kamera gegeben, sie schienen aber echt zu sein: In Moskau wurden zwei händchenhaltende Männer auf der Straße mehrfach angegriffen und beleidigt, in Kiew lief bei gleicher Konstellation zunächst alles gut, bis eine Gruppe junger Neonazis auftauchte. Ein Video aus Madrid zeigte unter anderen Voraussetzungen hingegen, dass Passanten mit einem schwulen Paar mitfühlen können.
"Beispiellose Unterdrückung" in Aserbaidschan

Der nach Deutschland geflohene Aktivist Cavid (r. mit Sonnenbrille) mit Mitstreitern beim diesjährigen CSD in Köln (Bild: Norbert Blech)
Dass ein Video Homophobie zeigt, um eine homophobe Botschaft zu verbreiten, passt durchaus nach Aserbaidschan. Die Lage für LGBT in dem Land bleibt äußerst prekär: Im letzten Monat hatte das Europäische Parlament eine "beispiellose Unterdrückung der Zivilgesellschaft" kritisiert und dabei auch die Lage von Lesben und Schwulen unter die Lupe genommen: So verurteilte das Parlament "politische Hassreden aus den höchsten Kreisen gegen LGBTI-Personen" und forderte die Regierung auf, "Menschenrechtsverfechter, die sich für die Rechte von LGBTI-Personen einsetzen, nicht länger zu behindern und einzuschüchtern" (queer.de berichtete).
Anfang 2014 hatte sich der erst 20-jährige Vorsitzende einer neuen LGBT-Organisation in deren Büro mit einer Regenbogenflagge erhängt; sein offener Umgang mit seinem Schwulsein in den Medien und die vergleichsweise unerschrockene Arbeit seiner Organisation galten zuvor als Hoffnungsschimmer (queer.de berichtete).
Letztes Jahr hatte eine weitere neue LGBT-Organisation, "Nefes", angekündigt, die Medienöffentlichkeit rund um die Europaspiele in Baku in diesem Sommer nutzen zu wollen. Doch dazu kam es nicht: Der Vorsitzende Cavid Nabiyev sah sich stattdessen im Frühjahr gezwungen, nach Deutschland zu fliehen und Asyl zu beantragen. Wie er der aktuellen Ausgabe des NRW-Magazins "Fresh" sagte, hätten ihm eine Vernehmung durch die Polizei, eine Brandmarkung als Regierungsgegner in den Staatsmedien und Morddrohungen keine andere Wahl gelassen.
Der 26-Jährige sagte, er sei als Aktivist und Blogger unzähligen Repressalien ausgesetzt gewesen. "Ich kann mich gar nicht erinnern, wie oft ich im Gefängnis saß", so Cavid in dem Magazin. Er hoffe auf einen baldiges Ende seines Asylverfahrens, auch um sich wieder besser in Baku engagieren zu können: "Mit deutschen Papieren können sie mich in Aserbaidschan nicht so einfach festnehmen."














Hoffentlich hat der mutige Schnuckel nicht allzu schmerzhafte Erfahrungen sammeln müssen - wäre auch interessant, ob ihm mal einer begegnet ist, der sich angetan auf die Anmache eingelassen hat?