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LGBT in der MENA-Region
"Wir fordern Erleichterungen bei der Visa-Vergabe"

Dayana Kostantin (mit Mikrofon) berichtete am 3. November auf einer Konferenz im Auswärtigen Amt über die Situation von LGBT im Libanon (Bild: LSVD)
- 9. November 2015, 06:57h 6 Min.
Das Auswärtige Amt lud 14 LGBT-Aktivisten aus dem Nahen Osten und Nordafrika nach Berlin ein. Teilnehmerin Dayana Kostantin aus Beirut wünscht sich im Interview mit queer.de Taten statt Worte.
Von Robert Niedermeier
Risiken und Chancen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen in Nordafrika und dem Nahen Osten nach dem "Arabischen Frühling" – dies war vergangene Woche das Thema bei einer Konferenz im Auswärtigen Amt. Zusammen mit der Hirschfeld-Eddy-Stiftung des LSVD und dem Goethe-Institut hatte das Außenministerium 14 LGBT-Aktivisten aus der so genannten MENA-Region (Middle East & North Africa) nach Berlin eingeladen.
Aus der libanesischen Hauptstadt Beirut war die transsexuelle NGO-Mitarbeiterin Dayana Kostantin dabei, die über Diskriminierung von LGBT im eigenen Land, aber auch innerhalb der queeren Community sowie über den Umgang mit queeren Flüchtlingen aus Syrien berichtete. Wir trafen sie in Berlin-Mitte zum Interview.

Dayana Kostantin beim Interview mit queer.de. Sie arbeitet in Beirut bei dem arabischen Verein AFE, der sich für Freiheit und Gleichheit einsetzt (Bild: Robert Niedermeier)
Welche Erwartungen hattest du an die Konferenz und wurden diese erfüllt?
Mir ging es vornehmlich um die Vernetzung, ich wollte neue Aktivisten aus Europa kennen lernen. Aber ich hatte keine Hoffnung, dass sich groß etwas verändern wird. Das meiste, was ich höre, sind stets Versprechen.
Was erwartest du von Deutschland?
Es geht nicht nur um die deutsche Regierung, sondern auch um europäische Nichtregierungsorganisationen. Die Erfahrungen, die ich mit Vertretern europäischer Verbände sammeln musste, sind sehr ernüchternd. Sie veranstalten Workshops zum Thema LGBT-Flüchtlinge, machen Hoffnung auf Hilfe und versprechen viel, aber im Ergebnis wurde ich bislang sehr enttäuscht.
Was würdest du dir wünschen?
Eine konkrete Erleichterung bei der Visa-Vergabe. Viele Homosexuelle und insbesondere Transsexuelle leben in einer wirklich schlechten Situation. Mir persönlich geht es relativ gut, weshalb ich das Land nicht verlassen möchte, aber es gibt keine Notfall-Hilfe für Menschen, die in akuter Lebensgefahr schweben.
Die europäischen Botschaften sollten unter ihrem Dach Sicherheitszonen einrichten, wo Verfolgte unter Schutz stehen, bis die Formalitäten für eine Visa-Vergabe abgeschlossen sind. Nicht nur für LGBT, sondern auch für Frauen, die nicht zwangsverheiratet werden möchten.
Du selbst wirst von deinem eigenen Onkel bedroht – was ist passiert?
Nun, ich habe nur Kontakt mit meiner Mutter, die Probleme begannen lange bevor ich mit meiner Transition begonnen habe. Mein Onkel, der in der Hisbollah aktiv ist, hat mich geschlagen, in einem Koffer gesperrt, wollte mir in die Beine schießen, damit ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen kann. Nur auf das Bitten und Flehen meiner Mutter hin konnte ich dem entkommen. Doch ich muss nach wie vor um mein Leben fürchten, traue mich nicht, mich mit meiner Mutter zu treffen, weil wir Angst haben müssen, dass mein Onkel sie verfolgt und herausbekommt, wo ich wohne.
In Deutschland muss man als Transperson keine religiösen Fanatiker treffen, um beleidigt zu werden. Halten die Queers in Beirut als Gruppe zusammen?
Nein, nicht wirklich. Das ist ein großes Problem. Transpersonen werden auch innerhalb der LGBT-Community diskriminiert. In einem Gay-Club wurde ich auch schon von einer Lesbe aufgrund meines Aussehens beleidigt und geschubst. Als ich mich wehrte, wurde ich rausgeschmissen. Das sind keine schönen Erfahrungen.
Andererseits sind Transfrauen kulturell akzeptierter als ein femininer Mann. Ein Mann, der sich weiblich gibt, hat es noch schwerer als eine Person, die sich sichtlich den gängigen Rollenklischees anpasst. Das führt dazu, dass Transfrauen außerhalb der Gay-Community mehr Akzeptanz erfahren als von Lesben und Schwulen.
Geht es Transfrauen also gut in Beirut?
Nein, auch das nicht. Die meisten wurden von ihren Familien verstoßen und haben Probleme, ihr Existenzminimum zu verdienen, viele müssen sich als Prostituierte verdingen. Sie werden als Sexobjekt akzeptiert, aber als Prostituierte verachtet, und kaum jemand gibt einer Transfrau einen normalen Job. Sexarbeit ist deshalb die einzige Alternative, um zu überleben.
Aber das ist natürlich nicht sicher. Sie sind von Gewalt bedroht, werden vergewaltigt, beklaut und um ihre Bezahlung betrogen. Schutz könnten nur die eigenen Familien bieten, die sie aufnehmen und finanziell unterstützen. Es gibt Familien, die das tun, aber viel zu wenige. Da muss noch viel Akzeptanzarbeit geleistet werden.
Du hattest deine Mutter erwähnt, die zu dir hält. Müssen nicht überall auf der Welt erst die Frauen befreit werden, damit es uns queeren Menschen besser geht?
Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Mütter verständnisvoller und liebevoller sind als Väter. Aber meine Mutter steht selbst unter großem Druck. Was kann sie schon tun, ohne selbst verstoßen zu werden?
Momentan wünschte ich mir einfach mehr Zusammenhalt innerhalb der LGBT-Szene und dass sich Lesben und Schwule mehr für die Belange von Trans* einsetzten. Ihnen konkret helfen, den Alltag zu meistern.
In welchen Organisationen bist du engagiert?
Ich habe als Projektleiterin bei Helem gearbeitet, habe mich dort um LGBT-Flüchtlinge gekümmert, die als Sexarbeiter in Beirut arbeiten. Jetzt bin ich bei AFE, einem arabischen Verein, der sich für Freiheit und Gleichheit einsetzt. Bislang bin ich dort die erste Transfrau.
AFE ist keine Organisation speziell für LGBT, welche Erfahrungen hast du dort als einzige Transfrau gesammelt?
Wir sind ein tolles Team, arbeiten wie in einer Familie zusammen. Jeder hat seine Aufgaben und wir unterstützen uns gegenseitig über die Geschlechter hinweg. Wir unterstützen Aktivisten im gesamten MENA-Raum mit Informationen und logistisch. Wir bieten Sicherheitstraining, unterstützen soziale Programme und Projekte bezüglich Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Selbstbestimmung.
In Deutschland hegen viele das Vorurteil, Muslime seien nicht demokratiebereit. Stimmt das?
Über den persönlichen Glauben reden wir eigentlich nicht. Alle Kollegen, die bei der AFE arbeiten, sind liberal. Das sind Christen und Muslime, die alle demokratisch eingestellt sind. Es gibt Muslime, die in vielen Dingen offener und toleranter sind als Christen. Aber unser Grundsatz ist, dass wir alle gleich sind. Wir essen mittags am selben Tisch zusammen, gehen nach der Arbeit aus und tauschen uns aus. Wir agieren als unterschiedliche Persönlichkeiten gemeinsam in einer Gruppe für die selben Ziele. Das ist sehr schön und auch ein Ausdruck des wahren arabischen Lebensgefühls. Menschen müssen zusammenhalten, sich als Freunde begegnen.
Wie passt es zum arabischen Lebensgefühl, dass Libanesen syrische Flüchtlinge ausbeuten, indem sie als Zuhälter Schutzsuchende auf den Strich schicken?
Das kommt vor, ist aber nicht typisch. Ich habe auf der Konferenz von einem Fall berichtet, wo eine transsexuelle Person versucht hat, mit syrischen Sexarbeiterinnen Geschäfte zu machen. Sie hat Kunden organisiert und dafür Geld kassiert. Syrische Sexarbeiterinnen, die sich weigerten, wurden von ihr attackiert.
Doch das zeigt lediglich das Problem auf, dass mehr als 90, fast 100 Prozent aller Transfrauen ihr Geld in der Sexarbeit verdienen müssen. Ich selbst kenne nur drei, vier im ganzen Libanon, die ihren Lebensunterhalt außerhalb der Sexarbeit bestreiten.
Transfrauen werden nicht als Mensch wahrgenommen, Männer reduzieren sie auf das Sexuelle. Männer, egal ob schwul, bisexuell oder hetero, haben nur eine Meinung: "Shemales" sind gute Bläser.
Was muss passieren, damit Freiheit und Gleichheit im Sinne deines Arbeitgebers an Boden gewinnt?
Zuerst müssen sich die sozialen Verhältnisse verbessern. Demokratie alleine ist nicht die Lösung. Es geht um menschliche Bedürfnisse, wie dem Schutz vor Gewalt, die Versorgung mit Wohnraum und die Gewährleistung von Sozialleistungen. In der Praxis sieht es doch so aus: Wer verzweifelt ist, tut nicht das, was gut ist, sondern das, was kurzfristig die Existenz sichert und dann schläft eine Sexarbeiterin in der Konsequenz mit einem ungepflegten, stinkenden Freier ohne Kondom, nur, um an etwas Geld zu kommen.
Ich persönlich werde nicht aufhören an Lesben und Schwule zu appellieren, sich mehr auf das T im LGBT zu fokussieren. Verbessern wir die Situation für Trans*, verbessern wir auch die Situation für Lesben und Schwule. Das ist eine einfache Rechnung, die nicht trennt, sondern den Zusammenhalt stärkt. Das ist meine Formel.















Berechtigte Forderung. Aber bei unserer schwarz-roten Bundesregierung stößt das auf taube Ohren. Wirkliche Taten wird es mit Union und SPD nicht geben. Nur Gelaber, mit dem die SPD versucht, ihren Wählern vorzumachen, sie würden was tun. In der Hoffnung, ihre Wähler würden darauf reinfallen...