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Arndt von Bohlen und Halbach
Kinofilm "Herr von Bohlen": Der schwule Krupp

Arndt von Bohlen und Halbach (1938-1986) lebte dank einer jährlichen Apanage von zwei Millionen DM ein extravagantes Party- und Jetset-Leben (Bild: Edition Salzgeber)
- 18. November 2015, 06:16h 3 Min.
In seiner Doku-Fiktion lässt André Schäfer Szenen aus dem bewegten Leben des Jetsetters und Krupp-Erben Arndt von Bohlen und Halbach nachspielen.
Von Carsten Moll
Als "der reichste Frührentner Deutschlands" sorgte Arndt von Bohlen und Halbach ab Mitte der Sechzigerjahre bis zu seinem frühen Tod 1986 für Schlagzeilen. Nachdem der Nachkomme der mächtigen Krupp-Dynastie 1966 auf sein Erbe, immerhin geschätzte drei Milliarden Mark, verzichtet hatte, begann der damals 28-Jährige ein schillerndes Luxusleben zwischen Sylt, München, Palm Beach und Marrakesch.
Dank einer Abfindung von jährlich zwei Millionen Mark konnte der Jetsetter ein von finanziellen Nöten zeitweise unbeschwertes Dasein fristen und kultivierte für die Medien das Image eines verwöhnten Taugenichts. Arbeit? Das hätte ihm gerade noch gefehlt, soll er einmal geantwortet haben.
Dass von Bohlen offen schwul war, sorgte in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit für sein negatives Bild in der Öffentlichkeit. Als Hetero wäre er für die Boulevardmedien nur halb so interessant gewesen – und der ständige Rechtfertigungsdruck dürfte ihn vermutlich nur noch mehr in seine extravagante Rolle gedrängt haben.
Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Poster zum Film: "Herr von Bohlen" startet am 19. November 2015 im Kino
Der Regisseur und Drehbuchautor André Schäfer beginnt sein Doku-Drama mit einem Ausschnitt aus einem Originalinterview mit von Bohlen, bevor der Filmemacher einen eher ungewöhnlichen Schritt wagt und bewusst mit den Konventionen des Dokumentarfilms bricht: Wir werden Zeuge eines Castings, bei dem Schäfer einen passenden Darsteller sucht, der von Bohlen in seinem Film verkörpern kann. Stilecht im Pelzmantel sprechen die Schauspieler ihren Text auf, alles Originalzitate von Bohlens.
Die Rolle geht schließlich an Arnd Klawitter ("Der Laden", 1998), der von nun an in fast jeder Szene präsent sein soll und an Originalschauplätzen den Herrn von Bohlen gibt. Das Nachspielen von tatsächlichen Begebenheiten, das üblicherweise einer lebhaften Bebilderung dient, hat zumindest in den ersten Szenen von "Herr von Bohlen" einen deutlichen Verfremdungseffekt. Die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm, zwischen Inszenierung und Wirklichkeit verschwimmen so und stellen damit herkömmliche Vorstellungen von Authentizität und filmischer Repräsentation in Frage.
Rehabilitation einer Kunstfigur
Leider geht Schäfer hier nicht tiefer und lotet die Metaebene seiner Erzählung nicht weiter aus. So mutet "Herr von Bohlen" im weiteren Verlauf größtenteils doch an wie ein ganz normaler Dokumentarfilm, der Reenactments mit Archivmaterial und Zeitzeugen-Interviews verknüpft. Dabei scheint es Schäfer vor allem um eine Rehabilitation seines oftmals belächelten Protagonisten zu gehen, denn es kommen ausschließlich Freunde und wohlgesonnene Weggefährten von Bohlens zu Wort.
Vor allem durch die Berichte und Anekdoten von Holger Lippert, Arndt von Bohlens Nachlassverwalter, entsteht ein weitaus komplexeres Porträt des homosexuellen Krupp-Nachfahren, als es die zahllosen Zeitungsberichte vermuten lassen würden. Erst dank Arnd Klawitters großartiger Performance gewinnt die Kunstfigur von Bohlen aber an wahrer Menschlichkeit und wird zum Helden einer tragischen Geschichte um Macht und Eitelkeit. Diese ist zudem wunderbar fotografiert, klug montiert und damit absolut sehenswert.
Herr von Bohlen. Dokumentarfilm/Drama. Deutschland 2015. Regie: André Schäfer. Darsteller: Arnd Klawitter, Arne Gottschling. Laufzeit: 90 Minuten. Deutsche Originalfassung. FSK 0. Verleih: Edition Salzgeber. Deutscher Kinostart: 19. November 2015
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23:25h, Arte:
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