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Unter dem Motto "Informationen statt Hetze" protestierte das neue Bündnis "Vielfalt für alle" vor der Liederhalle gegen das Symposium der Bildungsplangegner

  • 26. Januar 2016, 13:06h 35 8 Min.

Beim Stuttgarter "Gender"-Symposium der "Demo für alle" lauschten am Samstag Hunderte den wirrsten und fiesesten Theorien von Gegnern einer LGBTI-Emanzipation.

Von Norbert Blech und Andreas Zinßer

"Gender und Sexualpädagogik auf dem Prüfstand der Wissenschaften" – unter diesem Motto hat die rechts-fundamentalchristliche Bewegung "Demo für alle" am vergangenen Samstag in der Stuttgarter Liederhalle trotz Protesten ein Symposium abgehalten. Alle 750 Plätze waren besetzt; mehrere Hundert Menschen, darunter vor allem Kritiker und einige Journalisten, mussten draußen bleiben.

Bereits im Vorfeld hatte der Stuttgarter CSD-Verein in einem Offenen Brief seine Bedenken geäußert, dass den homo- und transphoben Bildungsplangegnern ausgerechnet eine städtische Halle vermietet wurde. Der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn hatte die Vermietung rechtlich verteidigt, aber klargestellt: "Ich halte inhaltlich nichts von diesem Bündnis und von der Idee, die Aufklärung über sexuelle Vielfalt verhindern zu wollen."

Diese Art "Demo für alle" im Sitzen – der nächste Straßenprotest der Bewegung in Stuttgart folgt Ende Februar – fand daher vor Ort Widerstand durch rund 300 Demonstranten, darunter linke Gruppen oder das neue Bündnis "Vielfalt für alle", das auch einen Infostand aufgebaut hatte. Zwischenzeitlich blockierten einige Demonstranten den Eingang zur Halle mit untergehakten Armen; die Symposiums-Teilnehmer mussten einen Umweg über eine matschige Wiese nehmen. Bis zu 400 Polizisten waren im Einsatz, es blieb aber überwiegend friedlich.

Zu den Besuchern der Tagung gehörten neben den Stuttgarter AfD-Stadträten Lothar Maier, Heinrich Fiechtner und Eberhard Brett sehr viele Menschen jenseits der 60, darunter einige bekannte Gesichter aus den Reihen von CDU-Bezirksbeiräten und Kreisverbänden der Region. Der evangelische Arbeitskreis und die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Christdemokraten hatten Stände aufgebaut.

"Es ist schon traurig, dass eine wissenschaftliche Tagung Polizeischutz braucht", sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Ulrich Müller nach dem Symposium der katholischen "Tagespost". "Es sind Leute, die von Vielfalt und Buntheit reden, die nun eine wissenschaftliche Tagung behindern."

Homosexualität gegen biblische Topf-und-Deckel-Theorie


Hedwig von Beverfoerde, Organisatorin der "Demo für alle", beklagte in einer kurzen Eröffnungsrede, dass heute weder Landesgrenzen noch die Natur Gültigkeit hätten

Als Vertreter jener "Wissenschaft" trat etwa Prof. Dr. Hanna Barbara Gerl-Falkovitz an, die nach etlichen religösen Lehrstühlen in Deutschland inzwischen an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien tätig ist und unter anderem im "wissenschaftlichen Beirat" des "Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft" (DIJG) sitzt, das unter Christl Ruth Vonholdt gegen die LGBT-Emanzipation ankämpft und für die "Heilung" Homo­sexueller wirbt.

In Stuttgart leitete Gerl-Falkovitz langatmig die Rollen von Mann und Frau, das "fruchtbare Zweierprinzip", aus einer führenden wissenschaftlichen Publikation her: dem Buch Genesis. "In jedem Geschlechtsakt wiederholt sich die ursprüngliche Weltschöpfung", und das natürlich nur zweigeschlechtlich: Mann und Frau seien das "Bauprinzip des Universums", das "Schlüssel-Schloss-Modell". Und das habe seine Grenzen: "Zwei Schlüssel schließen nichts auf und zwei Schlösser öffnen sich auch nicht gegenseitig." Diese banale Aussage, die man im Streit um Homosexualität nur als klare Ablehnung deuten kann, bekam den ersten großen Applaus der Halle.

Das gab dann schon die klar homophobe Zielrichtung des restlichen Tages vor – und das Niveau der "wissenschaftlichen" Tagung. Der Gymnasiallehrer Tomas Kubelik teilte etwa gegen die "großartig alimentierte hässliche Fratze der feministischen Bewegung" aus, die er für die "Verhunzung" der Sprache durch "Gendern" verantwortlich machte. Nun kann man(n) Binnen-I und Co. durchaus kritisch gegenüber stehen, dahinter aber eine "wissenschaftlich unhaltbare Ideologisierung" zu vermuten, ist weit hergeholt – und wohl vorgeschoben: Als der Männerrechtler behauptete, es gebe "keine strukturelle Benachteiligung von Frauen in dieser Gesellschaft" mehr, klatschte selbst in diesem Saal nur rund die Hälfte des Publikums.

Als die Nazis die Sexualität befreiten

Ein anderes Thema, das in den allgemeinen Gender-Gaga-Koller der Fundamentalkatholiken und Rechten gerät, ist die Sexualpädagogik. In dieser sei "etwas faul", meinte Dr. Jakob Pastötter von der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS), dessen Vizepräsidentin nach Unterstützung der Thesen der "Demo für alle" bereits ihren Stuhl im Fachbeirat der Bundes­stiftung Magnus Hirschfeld halb freiwillig räumte (queer.de berichtete). Die DGSS sei einst auch zur Emanzipation Homo­sexueller gegründet worden, meinte Pastötter. Aber auch viele Homo­sexuelle hätten heute ein Problem damit, was der LSVD und die Grünen wollten.

Was der LSVD näher mit Sexualpädagik zu tun hat oder was LGBT so wollten und warum, darüber verlor dieser vermeintliche Kämpfer für die Emanzipation kein Wort. Er beklagte sich vielmehr, dass WHO und BZgA Standards setzten und damit andere Ansichten ausgrenzten. "Präventive Sexualerziehung" mit Hinweis auf die Gefahren unter anderem von "promiskuitiver Sexualität" werde etwa zu einer bejahenden Pädagogik umgewandelt, kritisierte Pastötter. Dabei sei ein Lehrer "kein Coach, kein Lebensberater", dem Missbrauch sei "so schnell die Tür geöffnet".

Letzlich gehe es der Sexualpädagogik heute um die Befreiung der Sexualität aus der kulturellen und religiösen Tradition der Familie und diene damit auch neoliberalen Interessen, dem Konsum, beklagte Pastötter. Dieses "Social Engineering" hätte nicht mit der sexuellen Revolution begonnen, sondern mit den Nazis: Diese hätten Sexualität "als Kraft gesehen, bestehende konservative Ordnungen aufzulösen". Dass die Nationalsozialisten auch das Institut von Magnus Hirschfeld sowie zahlreiche homo­sexuelle Leben "auflösten", erwähnte er nicht.

"Lebensfeindliche" Homosexualität als "Propaganda" in Schulen

Über "Gender Mainstreaming" referierte danach Manfred Spieker, Professor für Christliche Sozialwissenschaften im Ruhestand und ebenfalls Vertreter des "wissenschaftlichen" Beirats der Homo-Bekämpfer und-"Heiler" vom DIJG. Am Rande umfasste der Vortrag Familien- und Gleichstellungspolitik, es ging aber hauptsächlich um Schwule und Lesben.

So amüsierte er sich wie der ganze Saal über den Begriff der "Zwangsheterosexualität", ohne ihn zu erläutern. Spiekers wissenschaftliche Kompetenz lässt sich mit dem folgenden Zitat zusammenfassen, das gleich mehrfach absurd ist: "An die Stelle der 'sexuellen Identität' als Mann oder als Frau, die von der Natur vorgegeben ist, tritt die 'sexuelle Orientierung', die der Mensch selbst wählt, die also allein von seinem Willen abhängen soll."

"Gender Mainstreaming" sei ein "Kampf für die Anerkennung der Homosexualität", für den gleichen staatlichen Schutz wie bei Heterosexuellen, gegen die Priviligierung der Ehe, beklagte sich Spieker. Im zweiten Schritt gehe es dann um Bi­sexuelle, Inter- und Trans­sexuelle – um "die Relativierung des Geschlechts", eine "Leugnung der vorgegeben Form des Menschen".

Die Homo-Ehe leiste "keinen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft", so Spieker, der das Bundes­verfassungs­gericht kritisierte: Das habe zur Absegnung der Lebenspartnerschaft eine Diskriminierung Homo­sexueller "konstruiert": "Die Mehrheit der Richter wollte nicht sehen, dass Homosexualität generationenblind und lebensfeindlich ist."

So wie Spieker Transsexualität mit dem Aufbrechen von Geschlechterrollen vermischte, unterschied er auch nicht zwischen Schulaufklärung über LGBT und Sexualpädagogik, dem "eigentlichen Schlachtfeld" des "Gender Mainstreamings". Er empörte sich über "Vaginalkugeln" und "Pädophilenpropaganda im Unterricht" mit gleicher Vehemenz wie über Richtlinien, wonach "Hetero-, Bi-, Homo-, Transgender-, Trans- und Intersexualität als gleichwertige Ausdrucksformen des menschlichen Empfindens" zu vermitteln seien.

Diskriminierung durch "Homo-Lobby"

Unter lautem Lachen des Publikums zitierte Spieker aus einer "Indoktrinationsanweisung" der GEW, den inzwischen legendären Fragebogen an Schüler mit Fragen wie "Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität?" – Ist es eigentlich mangelnde Intelligenz oder mangelnde Empathie, dieses ironische Mittel nicht zu verstehen?

Spieker kritisierte jedenfalls noch Aktionspläne gegen Homo- und Transphobie, da Gruppen, "die kein Interesse an der sexuellen Vielfalt haben oder diese ablehnen", dadurch mit "Umerziehungs- und Sanktionsmaßnahmen" gedroht werde. Nur noch eine Minderheit wage es, Homosexualität abzulehnen und als "Unsittlichkeit" zu bezeichnen, und gelte deswegen als homophob, beklagte sich Spieker. "Die Anti­diskriminierungskampagne der Homo-Lobby nimmt inzwischen selbst diskriminierende Formen an", sagte er unter Beifall. "Die Gender-Lobby will nicht nur Toleranz, sie besteht auf Akzeptanz."

Testosteron-Ratten, Pädos und Kannibalen


Raphael Bonelli meinte, viele Homosexuelle, die er behandle, seien als Kind durch Homosexuelle missbraucht worden. Das sei "relativ häufig". In Österreich seien 39 von 40 Missbrauchsfällen homosexuell.

Einen recht zusammenhangslosen, aber pointierten Vortrag gab danach Dr. Raphael Bonelli, Neurowissenschaftler an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien, zum Besten – er wird inzwischen auf rechten Hetzseiten verbreitet. Bei Intersexuellen sei eine "Entwicklungsstrecke nicht gelungen", meinte er: "Dass Ideologen diese leidenden Menschen missbrauchen, ist eine Schweinerei." Bei Transgendern sei hingegen "eigentlich alles normal, aber sie wünschen sich was anderes, was nicht normal ist".

Bonelli referierte über weibliche Ratten, die durch Testosteron angeblich das höhere Orientierungsvermögen von männlichen Ratten erlangten, über Unterschiede zwischen Mann und Frau anhand des bevorzugten Spielzeugs von Babys oder gar Meerkatzen: männliche bevorzugten Spielzeugautos, weibliche Puppen. Das verband er mit historischen Fällen von misslungenen medizinischen Behandlungen von Trans- und Intersexuellen – und stellte das alles als die negativen Folgen von Gender-Ideologen dar. Selbst der Kannibale von Rothenburg oder Volker Becks historisches Pädo-Zitat schafften es in seinen Vortrag: "Wir sind in einer Zeit, wo wir als Psychiater sagen müssen: Achtung."

Letztlich zeigte er vermeintliche Auswüchse einer angeblich enthemmten Sexualität auf, ohne aufzuzeigen, dass Homosexualität vielleicht auch normal sein könnte. Indirekt kam das nur in der These vor, die Sexualwissenschaft sei schuld an der Verfolgung Homo­sexueller: Die Kirche habe diese noch als Sünder angesehen, erst die "kirchenfeindliche Wissenschaft" habe Homosexualität zunächst pathologisiert, um sie entkriminalisieren zu wollen.

Die Militanz einer "Homo-Gurke"

Der Journalist Philipp Gut, der die Abschlussrunde unter anderem fragte, warum es "soviele Übergriffe von Homo­sexuellen auf Jüngere" gebe, hatte von queer.de einst die Homo-Gurke erhalten, weil er in der "Weltwoche" geschrieben hatte: "Die Homosexualisierung der Gegenwart erreicht Rekordwerte, ein irritierender Kult um die Schwulen scheint entstanden zu sein, Homosexualität ist zu einer Art Religion geworden."

Diese Gurke bewertete er in Stuttgart nun als "Ausdruck der Militanz dieser Leute", die gar nicht mehr diskriminiert seien. Er fragte Pastötter, woher diese "Intoleranz der Toleranz" komme. Dessen Antwort: Hier zeige sich zum einen eine "narzisstische Kränkung, die umschlägt in Aggression", zum anderen ein Kampf nach Gender-Lehrbuch. "Dagegen sind sie machtlos, weil das impulsiv, emotional, bewegt und individuell daherkommt", beklagte sich Pastötter. Es werde "weich argumentiert": "Ein Symbol wie der Regenbogen – können Sie etwas dagegen sagen?"

Bonelli fand, man müsse differenzieren zwischen "einer Lobby, die es wirklich gibt" und sehr aggressiv sei, und dem einzelnen Homo­sexuellen, der sich damit überhaupt nicht identifiziere und unter dieser Lobby leide.

Eine Vertreterin der "Initiative Zukunft, Verantwortung, Lernen", die mit einer mit Homophobie und Lügen arbeitenden Online-Petition den Widerstand gegen den Bildungsplan ins Rollen gebracht hatte, meinte, dass sie mit diesen Homo-Gender-Lobby-Vertretern nicht diskutiere: "Sie sind nicht wissenschaftlich. Sie glauben an ein Dogma."

#1 NiedermeierAnonym
#2 NiemalsNiedermeiAnonym
#3 FelixAnonym
  • 26.01.2016, 13:59h
  • Die übliche Mischung aus vom Hass zerfressenen Homophoben, Verschwörungstheoretikern, religiösen Fanatikern und Rechtsextremen.

    Das schlimme ist nur, dass die Politik nichts dagegen unternimmt und diese schrille Minderheit sogar noch salonfähig macht. Oder auch wegen solcher totalitärer Hetzer Bildungspläne verschiebt und abschwächt - obwohl doch solche Veranstaltungen beweisen wie dringend überfällig Bildungspläne sind.
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