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"Unioni Civili"
Italien: Senat debattiert über Lebenspartnerschaft

Im Senat wird darüber diskutiert, ob Italien als letztes größeres westliches Land in Europa Homo-Partnerschaften anerkennen soll oder nicht
- 29. Januar 2016, 11:13h 3 Min.
Vor neun Jahren ist der letzte Anlauf zur Einführung von "Unioni Civili" gescheitert. Seit Donnerstag debattiert der Senat nun einen neuen Anlauf – gegen den erbitterten Protest der katholischen Kirche.
Der italienische Senat hat am Donnerstag die Debatte über das umstrittene Gesetz zur Einführung von eingetragenen Lebenspartnerschaften begonnen. Am ersten Tag ging es hauptsächlich um verwaltungstechnische Fragen.
Der Gesetzentwurf war von Senatorin Monica Cirinnà von der sozialdemokratischen PD von Ministerpräsident Matteo Renzi eingebracht worden (queer.de berichtete). Die "Unioni civili" enthalten dem Entwurf zufolge viele der selben Rechte wie die Ehe, etwa beim Erbschafts- oder Rentenrecht. Besonders umstritten ist das Adoptionsrecht: Hier enthält das Gesetzespaket nur die Stiefkindadoption – also die Adoption des leiblichen Kindes des Lebenspartners.
Das Gesetz ist auch in Renzis Regierungskoalition umstritten. Widerstand gibt es vor allem beim christdemokratischen Koalitionspartner NCD und bei katholischen Politikern seiner Sozialdemokraten. Daher hat der Ministerpräsident bereits angekündigt, eine geheime und freie Abstimmung im Senat zuzulassen, die voraussichtlich Mitte Februar stattfinden wird. Die Befürworter hoffen, dass dann auch Abgeordnete der populistischen Oppositionspartei "Fünf-Sterne-Bewegung" dem Antrag zustimmen werden und damit die verlorenen Stimmen aus der Regierungskoalition ausgleichen. Sollte das Gesetz im Senat eine Mehrheit finden, folgt eine Debatte in der Abgeordnetenkammer.
Konservative machen Stimmung gegen Gesetzentwurf
Die konservative Opposition hat bereits angekündigt, gegen das Gesetz stimmen zu wollen. So sagte Senator Maurizio Sacconi von der Partei "Area Popolare" in der Debatte, die heterosexuelle Ehe sei die "natürliche Verbindung", die nicht durch die Lebenspartnerschaft gefährdet werden dürfe. Die Abgeordnete Giorgia Meloni, die unter Silvio Berlusconi mehrere Jahre lang Jugendministerin gewesen war, warnte in einem Interview sogar vor einem Klassenkampf zwischen reichen Homosexuellen und armen Heterosexuellen: Sie kritisierte den Entwurf als "peinliches Gesetz für reiche Leute" das dazu führen werden, dass sich Schwule im Ausland Kinder kaufen würden. "Das ist ein Gesetz für Elton John", erklärte die Chefin der Partei "Fratelli d'Italia" (Brüder Italiens).
Die nächste Debatte ist für Dienstag angesetzt, dann kommt es auch zu einer ersten Abstimmung. Danach wird über hunderte Änderungsanträge beraten.
Das Lebenspartnerschaftsgesetz sorgt auch in der Bevölkerung in Italien für Emotionen. Vergangene Woche gingen hunderttausende Befürworter des Gesetzes in fast 100 Städten auf die Straße (queer.de berichtete). Auch am Tag der Debatte gab es vereinzelt kleinere Protestaktionen. Für diesen Samstag haben katholische Gruppen unter dem englischen Motto "Family Day" Massendemonstrationen geplant. Auch der Chef der italienischen Bischofskonferenz, Angelo Bagnasco, gießt Öl ins Feuer: Er sieht durch den Gesetzentwurf die heterosexuelle Familie als "verfassungsrechtlich geschützte Grundlage der Gesellschaft" gefährdet.
"Unioni civili" bereits 2007 gescheitert
Die Homo-Gegner hoffen, dass sich die Geschichte wiederholt: Bereits 2007 hatte die damalige Mitte-Links-Regierung von Ministerpräsident Romano Prodi geplant, Lebenspartnerschaften einzuführen. Das Projekt scheiterte damals am Widerstand der kleinen katholischen Partei UDEUR, die einer Neun-Parteien-Koalition angehörte (queer.de berichtete). Auch damals hatten katholische Gruppen Demonstrationen organisiert; an einer nahm sogar der Nachwuchspolitiker Matteo Renzi teil, der damals Präsident der Region Florenz war. Inzwischen gehört Renzi als Ministerpräsident zu den größten Unterstützern der Lebenspartnerschaft.
LGBT-Aktivisten sehen das Gesetz ohnehin nicht als Nonplusultra, sondern als ersten Schritt, wie Marilena Grassadonia, die Chefin der "Vereinigung homosexueller Eltern", gegenüber Euronews erklärte: "Das wird noch ein langer Kampf, nichts ist sicher, nichts ist selbstverständlich. Wir müssen auf der Hut sein. Die Debatte verfolgen wir sehr aufmerksam. Ein solches Gesetz kann ein guter Ausgangspunkt auf dem Weg in Richtung Gleichstellung sein." (cw)
Mehr zum Thema:
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1. "gegen den erbitterten Protest der katholischen Kirche."
Das ist in bezug auf die Italienische Bischofskonferenz und auch von einer Reihe katholischer italienischer Kardinäle richtig. Und das gilt es auch zu verurteilen und klar zu nennen, insofern hat der Autor des Artikels Recht.
Gleichzeitig aber ist zu betonen, dass insbesondere die Person des Papstes Franziskus hier sehr ambivalent zu bewerten ist. Die US-amerikanische Advocate nannte den aktuellen Papst Franziskus einen "Flipp-Flopper" und sowohl die LGBT-Aktivisten als auch die Traditionalisten würden versuchen, seine Person zu vereinnahmen.
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www.advocate.com/commentary/2016/1/28/flip-flopper-our-time-
pope-francis
(The Flip-Flopper of our Time: Pope Francis)
Die Wahrheit ist aber, dass Franziskus klar geäußert hat, dass der Vatikan sich nicht in das Gesetzgebungsverfahren einmischen werde und so wird auch der Papst nicht an den Demonstrationen "Family Day" der Gegner des Gesetzgebungsverfahren teilnehmen und dort beispielsweise als Redner auftreten, was ein Ratzinger wahrscheinlich gemacht hätte.
Auch gibt es Medienberichte, wonach Papst Franziskus mit Kardinal Bagnasco ("ein massiver Gegner des Lebenspartnerschaftsinstitutes") in Streit geraten ist, in welcher Form sich der Vatikan öffentlich zum Gesetzgebungsverfahren zu verhalten habe.
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www.repubblica.it/vaticano/2016/01/25/news/unioni_civili_bag
nasco_figli_non_sono_un_diritto_ne_cose_da_produrre_-1320124
52/
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2. Haltung der einzelnen Parteien
a) Partido Democratico
Die Situation bei der sozialdemokratischen Partido Democratico hat der Autor richtig dargestellt. 23 Senatoren der PD wollen wahrscheinlich gegen das Lebenspartnerschaftsinstitut stimmen.
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www.gay.it/news/senatori-35-PD-contro-unioni-civili-nomi
(23 senatori PD: se passa stepchild no a unioni civili. I nomi.)
b) Mitregierende Partei NCD
Die christdemokratische Partei NCD ist auch dagegen: auch dessen Parteivorsitzender und gegenwärtiger Innenminister Alfonso ("bin mir da aber nicht sicher"). Das ist im Artikel gut erwähnt.
c) 5 Sterne-Bewegung
Richtig auch im Artikel genannt, dass die Oppositionspartei der 5 Sterne-Bewegung zustimmen wird und auch dessen Parteivorsitzender Beppe Grillo
d) Sinistra Ecologia Libertà
Vergessen zu erwähnen habt Ihr die kleine linke Partei Sinistra Ecologia Libertà. Deren 7 Senatoren und 25 Abgeordnete sowie deren offen schwuler Parteivorsitzende Nichi Vendola dürften klar zustimmen, soweit mir bekannt.
e) Lega Nord
Die rechtspopulistische Lega Nord mit Parteivorsitzenden Umberto Bossi dürfte wohl klar mit ihren 18 Senatoren und 15 Abgeordneten dagegen stimmen.
f) Forza Italia (2013)
Die neu formierte Partei von Silvio Berlusconi dürfte durchaus nicht ganz so eindeutig dagegen votieren, wie es in den Medien teilweise zu lesen ist.
So habe ich einen Artikel gelesen, dass Berlusconi "auf seine alten Tage" nunmehr ein Lebenspartnerschaftsinstitut befürwortet ("kann aber nicht beurteilen, ob dies stimmt").
Auch hat gestern beispielsweise der Senator Sandro Bondi von der Forza Italia überraschend sich zugunsten des Lebenspartnerschaftsinstitut im Senat geäußert. Man darf gespannt sein, wieviele Forza Nationale Politiker aus den Reihen dort doch zugunsten des Lebenspartnerschafsinstitut stimmen werden.
3. Unterschied zwischen Senat und Abgeordnetenkammer
Entscheidend wird die Abstimmung im Senat sein, weil dort die Regierungspartei von Renzi über eine wesentlich kleinere Senatorenmehrheit verfügt als in der Abgeordnetenkammer. In der Abgeordnetenkammer hat die PD allein 307 von 630 Sitzen und mit der Fünf-Sterne-Bewegung, die 104 Abgeordnetensitze hat, reicht es ganz klar aus. Daher glaube ich, dass die Abstimmung in der Abgeordnetenkammer überhaupt nicht "knapp" sein wird, sondern dort eine komfortable Mehrheit der Abgeordneten dafür stimmen wird.
Im Senat hingegen hat die PD nur 108 von 315 Senatorensitze und die Fünf-Sterne-Bewegung hat nur 40 Sitze. Dort dürfte die Abstimmung daher knapper ausfallen.