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Replik auf Micha Schulze
Debatte um Volker Beck: Selbstabwertung in voller Blüte

"Ob Volker Beck seine Karriere beendet, muss er zuallererst selbst entscheiden", schreibt Axel Blumenthal in seinem Gastkommentar (Bild: flickr / Heinrich-Böll-Stiftung / by 2.0)
- 5. März 2016, 11:53h 7 Min.
Axel Blumenthal kritisiert in einem Gastkommentar die Art und Weise, wie Teile der schwulen Community mit dem Drogen-"Skandal" umgehen.
Von Axel Blumenthal
Selbstabwertung in voller Blüte – nein, damit meine ich nicht die Tatsache, dass Volker Beck Drogen konsumiert hat, sondern die Art und Weise, wie Teile der schwulen Community mit dem "Skandal" umgehen. Und ich meine ausdrücklich die schwule Community, denn von lesbischen Frauen, Trans*personen oder aus jüdischen Verbänden – und auch für diese hat Volker sich ja engagiert – habe ich so ein undifferenziertes, gar hysterisches Geschreibsel nicht vernommen, auch wenn ich mir statt Schweigen von ihnen eine kritische Solidarität gewünscht hätte.
Die Tageszeitung "Die Welt" und sogar katholische Kirchenmänner schaffen es, Volker Beck relativ unaufgeregt und sachlich sogar Respekt zu zollen, aus der schwulen Community aber tönt es hier auf queer.de: "Super-Gau".
Volker Beck hat nur sich selbst geschadet

Unser Gastautor Axel Blumenthal ist ehrenamtliches Mitglied des LSVD-Bundesvorstands und hauptberuflich als Aids-Berater in der Region Hannover tätig (Bild: Caro Kadatz)
Was ist passiert: Volker Beck ist erwischt worden, nachdem er sich 0,6 Gramm besorgt hat. Crystal Meth soll es gewesen sein. Während also die Menge feststeht, habe ich bislang zu der Art der Droge selber nur ein "soll" oder ähnliches gelesen. Geschenkt. Nehmen wir es als gegeben.
Damit eines klar ist: Crystal Meth ist nichts, was ich in irgendeiner Form verharmlosen möchte, auch nicht banalisieren. Fest steht: Volker Beck hat sich damit selbst schwer geschadet. Das ist ärgerlich, das ist schade, das ist bedauernswert. Aber es ist kein Super-Gau für die LSBTTIQ-Bewegung!
Ich kenne Volker Beck seit Beginn der Neunzigerjahre. Ich habe mit ihm seit der "Aktion Standesamt" oft und gerne zusammengearbeitet. Wir waren einige Jahre gemeinsam im Bundesvorstand des LSVD, Ich habe Volker als einen unermüdlichen Kämpfer erlebt, der oft an seine eigenen Grenzen ging. Ich habe ihn engagiert erlebt, überaus sachkundig und reflektiert. So war er auch in jüngster Zeit wieder zu erleben, als er beispielsweise in der Talkshow "Unter den Linden" Frauke Petry demontierte, woran vor ihm andere mächtig scheiterten.
Volker Beck hat seine Arbeit gemacht und – auch wenn wir längst nicht immer einer Meinung waren – er hat sie gut gemacht. Er machte auf mich bei keinem seiner Auftritte und bei keiner Gelegenheit in der wir zusammen arbeiteten, den Eindruck, handlungsunfähig oder auch nur beeinträchtigt zu sein.
Ich erwarte nicht von Volker, dass er für alle Schwulen steht
Mir stellt sich an dieser Stelle die grundsätzliche Frage: Was erwarten wir eigentlich von unseren Vertretern? Ich erwarte nicht von Volker, dass er für alle Schwulen steht. Homo-Normativität finde ich ohnehin noch anstrengender als Hetero-Normativität. Wenn jetzt von schwuler Seite – und hier auf queer.de von Micha Schulze – der "Super-Gau für die Bewegung" postuliert wird, frage ich mich ernsthaft, ob wir solch Headlines auf dem Niveau von "Bild" oder "Focus" nötig haben, um nach medialer Aufmerksamkeit zu heischen.
Als Bischöfin Käsmann ihre Trunkenheitsfahrt unternahm, beging sie einen Fehler. Tragisch, traurig, aber beileibe kein Weltuntergang. Und im Nachhinein hat gerade ihr bewusster und offener Umgang mit diesem Fehler Margot Käsmann bei vielen Menschen Pluspunkte eingebracht.
Warum also kommen wir gleich mit derart schweren Geschützen: "Volker hat der Bewegung geschadet." Die Bewegung – so sehr er sie auch mitgeprägt hat – war immer mehr als nur Volker Beck.
Muss ich jeden noch so dämlichen Vorwurf anziehen?
Sicher: Unsere Gegner werden versuchen, das auszuschlachten. Aber: Muss ich mir denn jeden noch so dämlichen Vorwurf anziehen?
Ich weigere mich, als Schwuler monogam oder sonst irgendwie "anständiger" sein zu müssen, leistungsbereiter, veränderungsfreudiger, trendiger, schicker, konsumorientierter, angepasster, fitter und besser frisiert, nur damit mich mein heterosexuelles Umfeld liebt.
Und schon gar nicht davon abhängig mache ich die Frage, welches Maß an Würde und welche Menschenrechte mir zustehen. Für wen, wenn nicht für sich selbst, hätte Volker Beck, wie Micha Schulze postuliert, "der Versuchung widerstehen müssen"?
Was verlangen wir von unseren Vertretern? "Volker Beck hat nicht nur eine Verantwortung für sich selbst, sondern auch für die Menschen, für die er sich in den vergangenen Jahrzehnten herausragend eingesetzt hat", so Micha Schulze.
An dieser Stelle ein ganz klares "Nein"! Volker Beck trägt keine Verantwortung für mich und mein Handeln. Er hat auch keine Verantwortung für das Ansehen zu übernehmen, das ich in meinem Umfeld genieße.
Mehr Verantwortung füreinander übernehmen
Liebe Männer: Ich würde mir eine schwule Community wünschen, in der jeder erst einmal Verantwortung für sich selbst übernimmt. Schön wäre es, wenn wir noch mehr Verantwortung füreinander übernehmen würden, denn dass es in der Szene nicht immer freundlich zugeht, wissen wir alle.
Geradezu traumhaft wäre dann die Bereitschaft zur Übernahme von Mitverantwortung dafür, dass wir irgendwann einmal gleiche Rechte bekommen. Das wird von den meisten recht lässig delegiert: Volker Beck, der LSVD, "Enough is Enough", die Schwusos und andere werden's schon richten!
Ich trage diese Verantwortung seit 1981 in den verschiedensten Zusammenhängen mit. Und ich meine: Es kann nicht genug geben, die sie mitschultern.
Volker Beck hat – soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann – nach meiner Beobachtung seine Arbeit für uns verantwortungsvoll gemacht. Ob und wieweit er dabei unter Drogeneinfluss stand, kann ich nicht beurteilen. Wenn er in seinem Privatleben Drogen genommen hat, geht mich das als Freund und ehemaligen Kollegen nur dann etwas an, wenn er mich um Hilfe bitten würde.
Ich käme aber nicht im Traum auf die Idee, dass Volker irgendetwas getan hat, was auf mich oder auf "uns" zurückfällt, wenn er sich in Berlin Crystal Meth besorgt hat. Ich finde das absurd.
Diese Idee – und ich muss mich darüber wundern, dass sich Micha Schulze hier auf queer.de dazu versteigt – offenbart für mich internalisierte Homonegativität. Sie steht dafür, dass wir gelegentlich die Ablehnung und Abwertung verinnerlichen, die uns die Gesellschaft entgegenbringt.
Wer immer versucht, mich persönlich für Volkers Drogenkauf in Sippenhaft zu nehmen, erntet – je nach Form und Ausmaß der Beschuldigungen und dem Rahmen, in dem er sie äußert – ein Schulterzucken oder Post vom Anwalt. Sonst nichts. Nur weil er mir hingestellt wird, muss mir keinen Schuh anziehen, der mir nicht passt.
Diskussion um Drogenkonsum in der Community muss geführt werden
Ich finde die Diskussion über Drogenkonsum in der schwulen Community sehr wichtig, auch und gerade weil ich sehen will, welcher Teil davon auf das Konto von gesellschaftlicher wie internalisierter Homonegativität geht.
Wir sollten das Ereignis zum Anlass nehmen, uns intensiver mit diesen Fragen zu beschäftigen. Und das bitte, ohne dabei auf "Focus" und "Bild" als Quellen zurückzugreifen oder uns von ihnen treiben zu lassen. Wir sollten aus der Aids-Krise der Achtzigerjahre genug darüber gelernt haben, wie das sinnvoll, ruhig, mit Besonnenheit und sozialwissenschaftlichem, psychologischen und sozialarbeiterischem Sachverstand erfolgen kann.
Was ich aber nicht will, ist eine Vorwärtsverteidigung im Hinblick auf unsere homophoben Gegnerinnen und Gegner, bei der unsere Vorkämpfer derart billig geopfert werden. Das ist schädlich für unsere Community. Denn Micha Schulze schreibt: "Nach dem dummen Drogenkauf bleibt ihm nun wirklich nur noch die Hinterbank. (…) Die Ökopartei muss sich nun schnellstens Gedanken machen, wen sie als das neue Gesicht – oder besser: die neuen Gesichter – einer grünen Queer-Politik aufbauen will."
Ob Volker Beck seine Karriere beendet, muss er zuallererst selbst entscheiden. Dafür wünsche ich ihm die Kraft, das für ihn Richtige zu tun und durchzusetzen. Wie immer diese Entscheidung ausgeht: Er hat sich nicht herausgewunden, nichts abgestritten und dafür – wie für all das, was er bisher geleistet hat – hat er meinen Respekt.
Was die Partei dann entscheidet, wird man sehen. Die Grünen wären gut beraten, darüber nachzudenken, wie Volkers außer Frage stehende Kompetenz und sein Engagement weiterhin in die Arbeit im Bundestag eingebunden werden können. Und auch die LSBTTIQ-Community sollte dies tun.
So sehr ich mich auch über einen Generationenwechsel in der Bewegung freuen würde: Es wird zu Recht schwerer werden, neue Vorkämpfer zu finden, wenn wir ihnen zeigen, wie schnell wir bereit sind, jemanden fallen zu lassen, nur weil wir Angst haben, ein individuelles Verhalten könnte von unseren Gegnern instrumentalisiert werden.
Wenn wir so mit unseren Vorkämpfern umgehen, brauchen die sich um ihre Feinde nicht zu sorgen, solange sie solche "Freunde" haben.
Unser Gastautor Axel Blumenthal ist ehrenamtliches Mitglied des LSVD-Bundesvorstands und hauptberuflich als Aids-Berater in der Region Hannover tätig.
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