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Deutsche Leitkultur
Ein Stinkedaumen für die sexuelle Vielfalt

Gut gemeint heißt nicht immer gut gemacht: Ausschnitt aus dem Comic "Ankommen in Deutschland – Informationen für Flüchtlinge"
- 28. März 2016, 07:34h 2 Min.
Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat einen Infocomic für Flüchtlinge herausgegeben – und dabei übersehen, dass die Daumen-hoch-Geste in arabischen Ländern eine abwertende Bedeutung hat.
Gegenüber der Lokalpresse pries der CDU-Politiker Sven Hinterseh, Landrat im Schwarzwald-Baar-Kreis, den neuen Infocomic seiner Behörde "Ankommen in Deutschland – Informationen für Flüchtlinge" bereits als Modell für andere Landkreise, wenn nicht gar für ganze Bundesländer. Doch aus dem Export wird vermutlich nichts. Außerhalb des Schwarzwalds erntet die viersprachige Din-A5-Broschüre, die mit einfachen Bildern und Symbolen Werte und Regeln der deutschen Kultur vermitteln will, vor allem Spott.
Bei der Erstellung des gutgemeinten Comics, der Zuwanderern unter anderem erklären soll, dass Deutschland für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt steht, hat nämlich niemand daran gedacht, dass Handzeichen und Gesten nicht universal sind. So bedeutet der nach oben gezeigte Daumen, der sich als roter Faden durch das Heft zieht, in Mitteleuropa und Nordamerika zwar "prima" oder "alles klar" – in Syrien oder Irak jedoch das genaue Gegenteil.
"Sexualität tolerieren"? Fuck you!
Auf Wikipedia heißt es zum gereckten Daumen: "In einigen arabischen Ländern sowie im Iran hat diese Geste die Bedeutung des weiter unten erläuterten erhobenen Mittelfingers, dies kann zu unangenehmen Missverständnissen führen." Entsprechend kann man die Geste auf der Schwarzwälder Comic-Seite "Sexualität tolerieren", die unter anderem ein lesbisches Paar und eine "männlich" aussehende Person in Frauenkleidern zeigt, als ein "Fuck you!" deuten. Besonders in der Türkei gilt ein Daumen-hoch außerdem als Einladung zu homosexuellen Praktiken.
Nach Angaben von Landrat Hinterseh sollen an der Erstellung der Broschüre, die zwischen 5.000 und 6.000 Euro gekostet hat, neben Heimleitungen, dem Jugendamt und der Ausländerbehörde auch Flüchtlinge beteiligt gewesen sein. Die Illustrationen stammen von dem Berliner Grafikerpaar Heike Reinsch und Titus Ackermann. Die missverständlichen Comics sind in einer Erstauflage von 5.000 Stück gedruckt worden und in den Flüchtlingsunterkünften des Landkreises erhältlich.
Für die "taz" ist die doppeldeutige Broschüre keine Katastrophe: "Geflüchtete werden eins und eins zusammenzählen und darauf kommen, dass hier ein Missverständnis vorliegen muss", kommentiert Autor Peter Weissenburger. "Peinlich ist der Ausrutscher freilich für diejenigen, die hier interkulturelle Kompetenz vermitteln wollten – und stattdessen einfach mal den interkulturellen Stinkedaumen in die Runde gezeigt haben." (mize)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Comic "Ankommen in Deutschland"















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