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Pride-Debatte in Israel
Tel Aviv: Szene droht mit CSD-Absage

Die CSD-Parade in Tel Aviv besteht aus wenigen Wagen, dafür aber aus Massen aus LGBT und solidarischer Heten. Mit ihnen ließe sich ein machtvolles Zeichen an die Regierung setzen. (Bild: Guy Yechiely / Visit Tel Aviv)
- 19. April 2016, 09:08h 3 Min.
Aktivisten kritisieren, dass die Regierung mehr Geld für internationale Touristen ausgebe als für Projekte der Community.
Von Norbert Blech
Ein Flugzeug in Regenbogenfarben war zuviel: Die Ankündigung des israelischen Tourismusministeriums, die Rekordsumme von umgerechnet rund 2,6 Millionen Euro in die internationale Bewerbung des diesjährigen CSD in Tel Aviv zu stecken, hat für Empörung bei den LGBT-Organisationen des Landes geführt. Sie drohen inzwischen offen mit der Absage der CSD-Parade.
Aktivisten der Organisation Aguda rechneten vor, dass Projekte und Verbände der Community jährlich vom Staat nur 350.000 Euro erhalten – nur knapp über ein Achtel des vorgesehen Werbebudgets zum Pride. Damit ist unter anderem ein internationaler Wettbewerb für LGBT-Touristen geplant – die Gewinner sollen mit einem in Regenbogenfarben bemalten Flugzeug zu der Parade am 3. Juni eingeflogen werden.
Aguda-Sprecher betonen, dass LGBT-Tourismus gut für die Sache sei und dem Land und der Szene durch die zusätzlichen Einnahmen durch Touristen nütze. Dennoch zeigten die unterschiedlichen Budgets ein nicht hinnehmbares Ungleichgewicht.
Community wütend
"Aus der Community gibt es wütende Stimmen von allen Seiten", meinte Aguda am Sonntag in einer Stellungnahme. Die letzten zwölf Monate seien für die Minderheit nicht gut gewesen: "Die Lebensrealität von LGBT in Israel gibt uns viele Gründe, um zu demonstrieren, aber wenige, um zu feiern."
Im letzten Jahr habe es den tödlichen Angriff auf den CSD in Jerusalem gegeben und einige Hasskommentare von Politikern, fasst der Aguda-Co-Vorsitzende Imri Kalman zusammen. Vor allem aber habe die Regierung etliche Entwürfe für LGBT-freundliche Gesetze abgelehnt.
In der Community erinnert man sich gut daran, wie Aktivisten vor wenigen Wochen zum ersten "LGBT Rights Day" in die Knesset geladen waren, bei dem es konstruktive Gespräche mit Abgeordneten aller Parteien gegeben habe. Einen Tag später wurde bekannt, dass das Kabinett an jenem "LGBT Rights Day" ganze sechs für die Community relevante Gesetzesinitiativen fallen ließ, darunter erneut eine zur Einführung einer Zivilehe (queer.de berichtete). Vor drei Wochen habe man den Premierminister und das Finanzministerium mit der Bitte um eine großzügigere Forderung angeschrieben, so Aguda, aber bislang keinen Laut vernommen. Stattdessen bekomme man nun ohne Absprache ein Regenbogenflugzeug vorgesetzt.

Die CSD-Parade gehöre der Community, "nicht der Regierung und nicht den Touristen", so Aguda. "Keine Regierung hat LGBT-Rechte aus sich selbst heraus promotet, sondern sie kamen durch öffentlichen Druck und Arbeit hinter den Kulissen zustande". In sozialen Netzwerken finden sich etliche ähnlich empörte Kommentare; viele unterstützten die Idee, den CSD notfalls abzusagen.
Druck auf Regierung
Auf einer Pressekonferenz im Tel Aviver LGBT-Zentrum stellte sich am Montag auch die Stadt, die den CSD größtenteils organisiert, auf die Seite der LGBT-Gruppen: Man werde umsetzen, was diese beschließen. Sprecher der Szene hatten sich bereits am Samstag mit Vertretern der Verwaltung getroffen.
Die Aktivisten stellten einen umfangreichen Forderungskatalog vor: So sollte die Regierung LGBT-Organisationen mindestens den gleichen Betrag zur Verfügung stellen wie für die Tourismus-Kampagne. Der Premierminister und Vertreter des Regierung sollten sich mit Aktivisten treffen und einen Zeitplan für einen umfangreichen Maßnahmen- und Gesetzeskatalog erstellen, der etwa die Einbürgerung ausländischer Partner, ein Verbot von Homo-"Heilungs"-Angeboten und Unterstützung für LGBT-Jugendliche umfasst.
Notfalls werde man die CSD-Parade absagen, so die Aktivisten. Aber das sei nur der letzte Schritt: "Niemand möchte in der internationalen Presse lesen müssen, dass die Parade abgesagt wurde", so Kalman. Auch habe die die Gay Community kein Interesse, am 3. Juni einfach zu Hause zu sitzen. "Wir können uns auch vorstellen, die Parade in eine Großdemonstration gegen die Regierung umzuwandeln."
Laut einem "Ynet"-Bericht vom Montagabend scheint die Regierung zunächst mit Eskalation zu reagieren: Die Gelder zur Bewerbung des Pride wurden demnach eingefroren. Der Pride-Flieger bleibt am Boden.














