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Studie der ADS
Lesben und Schwule beklagen Diskriminierung vor allem in der Freizeit und am Arbeitsplatz

Über ein Viertel der geschilderten Diskriminierungserfahrungen aufgrund der sexuellen Orientierung spielte sich in der Öffentlichkeit ab (Bild: flickr / torbakhopper / by 2.0)
- 19. April 2016, 11:45h 4 Min.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat erste Ergebnisse ihrer Studie "Diskriminierung in Deutschland" vorgestellt.
Fast jeder dritte Mensch in Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren Diskriminierung erlebt. Das ist ein zentrales Ergebnis der umfassenden Erhebung "Diskriminierung in Deutschland" (PDF), die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) am Dienstag in der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt hat.
Die Befragung basiert auf zwei Säulen: In einer repräsentativen Umfrage des Bielefelder SOKO-Instituts wurden zum einen rund 1.000 Personen ab 14 Jahren bundesweit telefonisch befragt. Hier gaben 31,4 Prozent der Menschen in Deutschland an, in den vergangenen zwei Jahren Benachteiligungen aufgrund eines der im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genannten Merkmale (Alter, Behinderung, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion/Weltanschauung, sexuelle Identität) erlebt zu haben. Wenn auch die vom Gesetz nicht geschützten Merkmale, etwa die "soziale Herkunft", der Familienstand oder das Aussehen, hinzugezählt werden, berichten 35,6 Prozent von Diskriminierungserfahrungen.
Benachteiligungen aufgrund des Alters werden am häufigsten erlebt: Etwa jede siebte Person (14,8 Prozent) gibt an, hier Erfahrungen gemacht zu haben. Aufgrund des Geschlechts bzw. der Geschlechtsidentität wurde laut Befragung fast jede zehnte Person diskriminiert (9,2 Prozent), aufgrund der Religion oder Weltanschauung 8,8 Prozent, der ethnischen Herkunft 8,4 Prozent und einer Behinderung 7,9 Prozent.
Deutlich geringer ist der Anteil derjenigen, die aufgrund der sexuellen Orientierung Diskriminierung erfahren haben: Er liegt bei nur 2,4 Prozent. Die Antidiskriminierungsstelle gab dabei allerdings zu bedenken, dass sich diese Werte auf die Gesamtbevölkerung beziehen: "Bestimmte Gruppen, bei denen davon auszugehen ist, dass sie ein besonders hohes Diskriminierungsrisiko haben, machen zahlenmäßig nur einen kleinen Teil der Bevölkerung und damit auch der Stichprobe der Repräsentativbefragung aus."
Homosexuelle bei Betroffenenbefragung überdurchschnittlich vertreten
Die zweite Säule der Studie bildet eine umfassende schriftliche Betroffenenbefragung, in der alle in Deutschland lebenden Menschen ab 14 Jahren über selbst erlebte oder beobachtete Diskriminierungserfahrungen berichten konnten. Mehr als 18.000 Personen haben sich beteiligt und knapp 17.000 selbst erlebte Diskriminierungssituationen beschrieben. 12,9 Prozent der Teilnehmer bezeichneten sich als homosexuell, 5,8 Prozent als bisexuell. Diese Umfrage wurde gemeinsam mit dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Berliner Humboldt-Universität durchgeführt. Die Betroffenenbefragung ist damit die größte, die es bislang in Deutschland zu diesem Thema gegeben hat.
Die meisten Diskriminierungserfahrungen aufgrund der sexuellen Orientierung (27 Prozent) betrafen den Bereich Öffentlichkeit und Freizeit, 18 Prozent den Arbeitsplatz, 15 Prozent Internet/Medien, 12 Prozent Ämter und Behörden, 10 Prozent Bildung, jeweils sechs Prozent den privaten Bereich und Gesundheit/Pflege, fünf Prozent Geschäfte/Dienstleistungen sowie zwei Prozent den Wohnungsmarkt. Im Vergleich mit anderen Gruppen werden Lesben und Schwule überdurchschnittlich häufig im privaten Bereich, also im Freundes- und Bekanntenkreis bzw. der Familie, sowie in der Öffentlichkeit diskriminiert.
Es zeigen sich zudem deutliche Unterschiede in den geschilderten Diskriminierungserfahrungen je nach Geschlecht bzw. Geschlechtsidentität der betroffenen Person. Während homosexuellen und bisexuellen Männern eher mit offener Feindseligkeit und Ablehnung begegnet wird, dominiert bei Frauen die Sexualisierung ihrer Person. Ihre sexuelle Orientierung wird zum Anlass sexistischer Übergriffe in verbaler und körperlicher Form genommen. Personen, die sich selber als Transmänner, Transfrauen oder transsexuell beschreiben, berichten von ähnlichen Diskriminierungsformen wie Männer, sind jedoch gleichzeitig auch häufiger sexualisierten Kommentaren ausgesetzt.
ADS: "Die Menschen wollen über Diskriminierung sprechen"
"Der Rücklauf hat unsere Erwartungen übertroffen", erklärte ADS-Leiterin Christine Lüders bei der Vorstellung der Studie. "Für uns ein klares Zeichen: Die Menschen wollen über Diskriminierung sprechen, und sie erwarten, dass das Thema nicht kleingeredet wird." Deutlich werde dies auch in einem weiteren Ergebnis der Befragung, ergänzte Lüders: Wer Diskriminierung erlebt, nimmt das mehrheitlich nicht einfach hin. Rund sechs von zehn Betroffenen (59,6 Prozent) haben darauf reagiert, etwa indem sie versucht haben, öffentlich auf Diskriminierung aufmerksam zu machen oder Beratungsangebote genutzt haben.
"Die Menschen sind nicht gewillt, Diskriminierung einfach zu erdulden", sagte Lüders. Sie brauchten aber mehr und bessere Unterstützung: "Knapp zehn Jahre nach Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes ist es höchste Zeit für eine rechtliche Stärkung der Menschen, die Diskriminierung erleben. Auch sollten wir jetzt eine Fortentwicklung des gesetzlichen Diskriminierungsschutzes in den Blick nehmen." Lüders regte etwa ein eigenes Klagerecht für Verbände sowie die Antidiskriminierungsstelle an.
Die bei der Studie erhobenen Daten sind aufgrund des enormen Datenvolumens noch nicht vollständig ausgewertet. Ausführlicher gehen sie in den Bericht an den Deutschen Bundestag ein, den die Antidiskriminierungsstelle 2017 gemeinsam mit den Beauftragten der Bundesregierung vorlegen wird. In dem Bericht sollen auch Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis formuliert werden. (cw/pm)
Links zum Thema:
» Die ersten Ergebnisse der Studie als PDF
» Homepage der Antidiskriminierungsstelle
















Und es hat in den letzten Jahren eher zugenommen statt abgenommen.
Es gibt da 3 Dinge, die man dagegen tun kann:
1. Rechtliche Gleichstellung:
Rechtliche Gleichstellung (Eheöffnung, Volladoption, etc.) bewirkt nicht automatisch auch gesellschaftliche Gleichstellung. Aber es ist die Voraussetzung dafür. Solange wir rechtlich diskriminiert werden, kann es auch keinen gesellschaftlichen Fortschritt geben.
Leider blockieren Union und SPD das.
2. Umfassender Diskriminierungsschutz:
Wir haben ja leider ein (von Union und SPD beschlossenes) angebliches Anti-Diskriminierungs-Gesetz, das aber z.B. Religionen explizit die Diskriminierung erlaubt und auch sonst viele Lücken lässt.
Wir brauchen endlich einen umfassenden Diskriminierungsschutz im Zivilrecht, im Arbeitsrecht, im Wohnrecht, etc. der wirklich vor Diskriminierung schützt bzw. entsprechende Möglichkeiten gibt, sich rechtlich dagegen zu wehren.
Die FDP behauptet ja gerne, das würde der Wirtschaft schaden, aber kann die Wirtschaft wirklich nur funktionieren, wenn sie diskriminieren darf?
3. Mehr Bildung und Aufklärung:
Es muss endlich mehr Bildung und Aufklärung in den Schulen geben. Und auch in den Medien müssen homo-, bi- und transsexuelle Themen den Anteil haben, den sie auch in der Gesellschaft haben.
Man kann nicht immer aus Rücksicht auf einige ewiggestrige Fanatiker das Thema aus den Schulen raushalten. Denn schon in Grundschulen sind "Schwuchtel" und "schwule Sau" die häufigsten Schimpfwörter - oft ohne dass die Kinder wissen, was das genau bedeutet.
Wenn man die Vielfalt der realen Welt darstellt, hat das auch nichts mit "Werbung für eine sexuelle Orientierung" zu tun. Zumal die sexuelle Orientierung eh nicht im Schulunterricht festgelegt wird.
Es geht darum, dass alle (legalen) Formen von Liebe, Sexualität und Identität (natürlich auch Heterosexualität) gleichberechtigt nebeneinander dargestellt werden. Das ist für die schwulen, lesbischen, bi- und transsexuellen Schülerinnen und Schüler eine enorme Erleichterung. Aber auch die Hetero-Schüler nehmen ja durch Bildung keinen Schaden und gehen später leichter durchs Leben, wenn sie Vielfalt als Gewinn erkennen.
Das ganze muss natürlich altersgerecht geschehen, aber es gibt in anderen Ländern genug Beispiele, wie das auch in der Grundschule schon altersgerecht vermittelt werden kann.
Fazit:
All diese Dinge bewirken nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt. Aber sie sind die Voraussetzung dafür, dass sich überhaupt gesellschaftlich etwas ändern kann. Ohne Umsetzung dieser drei Punkte laufen alle anderen Bemühungen ins Leere.