https://queer.de/?26112
Eurovision Song Contest 2016
Zweite ESC-Show in Stockholm: Das sind alle Teilnehmer

Eurovision-Guys with iPhones: Lettlands Justs, Israels Hovi Star und Litauens Donny Montell (Bild: Instagram; Alle anderen Bilder: EBU)
- 12. Mai 2016, 09:51h 11 Min.
queer.de stellt euch die 18 Lieder der zweiten ESC-Show aus Stockholm vor und tippt, welche Länder in das Finale einziehen.
Von Jan Gebauer
Ab 21 Uhr geht es weiter mit dem großen Eurovisionsspektakel aus Stockholm – Endlich dürfen nun auch die deutschen Zuschauer abstimmen! Nach dem ersten Halbfinale sind bereits zehn Länder ins Finale eingezogen. Die zweite Show wird wieder live auf eurovision.de und im Fernsehen auf Phoenix und Einsfestival übertragen. Folgende 18 Kandidaten singen, kreischen und tanzen um die letzten zehn Plätze im großen Finale:
Lettland: Das schwedische Fernsehen, das die Reihenfolge der Beiträge bestimmt, setzt zur Eröffnung des zweiten Semifinales auf eine starke Stimme, Ausstrahlung und einen modernen, sehr eingängigen Song. Justs heißt der selbst in seiner Heimat kaum bekannte Sänger, der bislang in allen Belangen einen hervorragenden Eindruck in Stockholm hinterlassen hat. Sein "Heartbeat" wurde von Aminata geschrieben, die im letzten Jahr mit einem Bombenauftritt in Rot und einem coolen Electro-Song für Furore sorgte. Ganz so bildgewaltig wird der Auftritt von Justs zwar nicht, trotzdem stimmt auch hier die dezent eingesetzte Lichtshow. Im Zentrum steht aber der starke Song und Justs kräftige Stimme. Damit dürfte nicht nur der Platz im Finale sicher sein, sondern dort gehört Justs auch zu den Geheimfavoriten.
Polen:

Jesus, bist du auferstanden? Der eigentlich ganz putzige Michal Szpak hat eine Lockenpracht wie eine Trauerweide und glänzte sowohl in der polnischen Vorentscheidung wie in den Proben mit seinem schlechten Klamottengeschmack. Ganz im Gegensatz dazu steht seine großartige Stimme. Sein Song "Colors of Your Life" ist allerdings purer Kitsch und wirkt im ersten Moment regelrecht bieder. Warum gerade er den Vorentscheid in seiner Heimat gewann und dabei selbst Favoritinnen wie Margaret sowie den Superstar Edyta Górniak hinter sich ließ, bleibt ein Rätsel. Bitte diesen Beitrag genau studieren und nicht etwa eine Toilettenpause einlegen, sonst entgeht euch die bereits in einschlägigen Foren diskutierte Angela-Merkel-Raute. Knapper Finaleinzug!
Schweiz: Vor fast 30 Jahren gewann eine gewisse Céline Dion für die Schweiz beim ESC. Bevor die Erinnerung daran endgültig verblasst, soll es wieder eine Kanadierin für das Land richten: Rykka! Die Begeisterung darüber hält sich allerdings in Grenzen, denn der schleppende Radio-Pop von "The Last of Our Kind" verpasste nicht nur die Charts, sondern steht auch bei den Wetten weit hinten. Das ist nicht neu für Rykka, denn sie kann bereits auf eine beachtliche Palette an gefloppten Alben und Singles zurückblicken. Mal mit Locken, dann wieder glatt, immer schräg gefärbt, fällt sie daneben vor allen Dingen durch ihre mangelnden stimmlichen Qualitäten auf. Wie 2015 könnten die Schweizer erneut den letzten Platz im Semifinale belegen.
Israel: Da ist er endlich, Hovi Star, der offen schwule Sänger aus Israel, der vor wenigen Wochen noch Probleme bei der Einreise nach Russland hatte (queer.de berichtete), zugleich aber darum bittet, Sergei Lasarew nicht auszubuhen. Die Israelis setzen bei der Inszenierung mal wieder auf sehr dunkle Schwarz- und Blautöne, die ihnen in der Vergangenheit eigentlich nie Glück gebracht haben. Was soll man aber auch mit der traurigen Ballade "Made of Stars" sonst machen? Das große Problem ist, dass es einige düster inszenierte Beiträge in diesem Jahr gibt und der Song trotz Hovies guter Performance nur bedingt hängen bleibt. Das wird eine sehr knappe Geschichte. Klasse Anekdote am Rand: Hinter den Kulissen gab es wohl Zoff mit dem bisexuellen niederländischen Sänger Douwe Bob – der soll sich bei "Eurovision in Concert" beschwert haben, dass Hovie zu sehr Rampenlicht für sich beanspruche. Darauf am letzten Wochenende vom niederländischen Fernsehen angesprochen, meinte Hovie, dass er Douwe Bob nicht möge. Und er hatte dann noch eine Botschaft für Bob: "Mädel, fang keinen Kampf mit mir an, ich trete Dir in den Arsch."
(Direktlink des Videos)
Weißrussland: Als Sturm im Wasserglas entpuppte sich der Mini-Skandal um den weißrussischen Sänger IVAN im Vorfeld des Contests. Nackt wolle er auftreten, dazu einen Wolf auf die Bühne bitten. Weder das eine noch das andere ist erlaubt, eine Tatsache, die den Weißrussen sicherlich auch bekannt war. Also gibt es das Ganze nur als Hologramm auf der Leinwand. Gesanglich ist das gerade noch in Ordnung, jedoch hat IVAN kaum Ausstrahlung und sein schwacher Pop-Song "Help You Fly" mit Achtzigerjahre-Synthi-Elementen klingt wie Simple Minds für Arme.
Serbien: Neben der Ukraine bietet Serbien den ernsthaftesten Hintergrund eines Liedes im Wettbewerb. Sängerin Sanja will mit ihrer Power-Ballade "Goodbye (Shelter)" auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen, bleibt dabei textlich aber allgemeiner als die Konkurrenz aus der Ukraine. Singen kann sie, dazu bewegt sie sich exaltiert und ein Damenchor in Schwarz unterstützt sie, um die "Girl Power" zu komplettieren. Ein Schelm, wer da an Marija Šerifovic und ihren Siegersong von 2007 denken muss. Wir werten das mal als liebesvolles Tribut, denn Sanja singt hervorragend und auch sonst wirkt die Inszenierung rund. Wer den Clip von der serbischen Vorentscheidung gesehen hat, dem wird auffallen, dass Sanja ihre Mimik und Gestik deutlich reduziert, ja, regelrecht kultiviert hat. Ein weiterer Pluspunkt für den Finaleinzug.
Irland:

Nick Byrne ist ein alter Hase im Showgeschäft: Er war fast 15 Jahre Mitglied einer der erfolgreichsten Boy-Bands aller Zeiten: Westlife. Exakt so klingt dann auch sein Song, der sämtliche Radio-Klischees der letzten 20 Jahre bedient. Und bloß nicht auf den Text achten, denn der ist so einfältig, dass man sich fragt, ob die Iren sprachlich nicht mehr drauf haben: "In the Sunlight, We Stay Together, We'll Live Forever, In the Sunlight, It's Now or Never, You Know You Better". Nicht mal Nickys Landsleute stehen hinter dem Titel, denn in den heimischen Charts versauerte das Lied ganz hinten. Trotzdem wurde unlängst sein erstes Solo-Album veröffentlicht. Warum all diese Fakten? Auf der Bühne passiert leider nichts Spannendes.
Mazedonien: Meine sehr verehrten Damen mit dünnen oder ausdruckslosen Stimmchen, hier kommt eine Lehrstunde in Sachen Gesang. In den vergangen Jahren erreichten die Mazedonier nur ein einziges Mal das Finale. Dies verdankten sie einer der bekanntesten und stimmgewaltigsten Sängerinnen des Balkans: Kaliopi erreichte 2012 einen 13. Platz und fleht dieses Jahr "Dona". Ohne Wenn und Aber, die Frau kann großartig singen, und auch wenn ihre Balkanballade etwas altbacken wirkt, hat sie gute Chancen, das Halbfinale zu überstehen. Dafür braucht sie weder eine große Show, noch irgendwelche Lichteffekte. In Interviews kokettiert sie gerne damit, dass sie kaum Schlaf vor Aufregung findet. Auf der Bühne merkt man davon nichts. Einer DER Diven-Momente!
Litauen: 2016 ist das Jahr der Rückkehrer, auch Donny Montell, der eigentlich Donatas Montvydas heißt, dürfte vielen noch bekannt sein. 2012 zog er völlig überraschend mit einer Augenbinde (!) und dem Retro-Disco-Titel "Love Is Blind" ins Finale ein. Dieses Mal klingt der Titel schwedisch, will heißen, es wird sanfter Radio-Pop mit ansteigendem Power-Refrain geboten. Was man Donny allerdings lassen muss: Er ist eine absolute Rampensau, die wirklich immer alles gibt und deshalb auch sicher viele Punkte sammeln wird. Dazu gibt es eine beeindruckende Show auf der großen LED-Leinwand, viel Licht und einen leicht konstruierten Sprung mit Überschlag, der zuletzt mit Nebel aufgepeppt wurde. In den Wetten steht Donny mit "I've Been Waiting for This Night" recht weit hinten, trotzdem könnte er wieder für eine Überraschung gut sein. Im Finale wird er dann wohl hinten landen.
Australien:

Der Witz der Teilnahme von Australien ist im zweiten Jahr natürlich verflogen, dennoch ist es schön, dass die Australier wieder dabei sind. Dami Im ist südkoreanischer Abstammung und in ihrer Heimat seit dem Sieg bei "X Factor" erfolgreich. Vor wenigen Tagen erschien erst ein neues Album mit Carpenters-Cover-Versionen. Dami Im hat ohne Zweifel eine beeindruckende Stimme. Ihr Song "Sound of Silence" ist ebenfalls stark und erinnert stilistisch an "Undo" von Sanna Nielsen (ESC 2014). Auch gesanglich haben die beiden viel gemeinsam, technisch wunderbar, gefühlstechnisch leider eher Eiskeller. Es wird dennoch ein funkelnder Auftritt, den Dami zunächst im Sitzen auf einem Block absolviert. In den Proben gab es noch Probleme mit Damis Abgang, denn das Finnish soll sie natürlich mit offenen Armen im Stehen absolvieren. Das bekommen die Profis aus Australien aber sicher noch in den Griff und wenn Dami Im noch etwas auftaut, gehört sie weiterhin zum Favoritenkreis.
Slowenien: Es ist mal wieder Zeit für einen schwedisch klingenden Pop-Titel, dieses Mal vom Balkan. Es singt ManuElla, die im Vorentscheid noch durch ein extrem albernes Trickkleid auffiel. Das ist zum Glück verschwunden, dafür kreist nun ein halbnackter Turner mit Sixpack wie ein Satellit neben ihr. Leider hat sie mit "Blue and Red" einen besonders nervigen Song am Start, der vor allen Dingen aus monotonen Höhen ("Haleyaaaa, Haleyaaaa") besteht. Die meistert sie zugegebenermaßen sauber, aber es gibt einfach so viele ausdrucksstärkere Sängerinnen im Wettbewerb, da fällt ManuElla glatt durch.
Bulgarien: Noch eine alte Bekannte, die 2011 in Düsseldorf trotz starkem Auftritt leider schon im Halbfinale scheiterte. Damals sang Poli Genova bulgarisch, dieses Mal versucht sie es bis auf eine Zeile im Refrain mit Englisch. Der Dance-Song mit Chipmunks-Sample hat ein enormes Ohrwurm-Potential und stand in den Wetten viele Wochen weit vorne. Seit den Proben hat sich das leider geändert – nicht weil Poli schlecht gesungen hat, sie hat vielmehr ein fürchterliches schwarzes Dominakostüm an, das zudem fleischfarbene Partien und Leuchtapplikationen besitzt. Auch Frisur und Make-up sind suboptimal gewählt. Mit einer starken Performance, die wir Poli durchaus zutrauen, kann sie das Ruder für "If Love Was a Crime" doch noch rumreißen. Sie wird sich nach dem Finale sicherlich mit der Kroatin einen spannenden Kampf um die Krone beim Barbara-Dex-Award leisten.
Dänemark:

Wem das zuletzt alles zu grell und anstrengend war, der bekommt nun einen entspannten Weichspülgang verpasst. Die leidlich schnuckeligen Jungs von Lighthouse X setzen die Boy-Band-Tradition der Neunzigerjahre fort, sehen aber altersmäßig schon nach dem x-ten Comeback-Versuch aus. Das Trio beschwört die "Soldiers of Love", die sie wohl auch bitter nötig haben, denn Dänemark gehört zu den am wenigsten beachteten Acts in diesem Jahr. Vielleicht weil das Gesamtpaket zu harmlos ist. Der radiokompatible Song ist süß, die Jungs auch, aber der große Funke will einfach nicht überspringen. Da helfen auch die immer wieder gerne genutzten beleuchteten Mikrofonständer wenig.
Ukraine: Im letzten Jahr wirkte Lettlands Aminata wie eine Hohepriesterin. In diesem Jahr übernimmt diese Rolle Jamala mit ihrer anspruchsvollen Wehklage "1944". Gleichzeitig ist der Beitrag auch der politischste im Wettbewerb: Jamala singt über die Vertreibung der Krimtataren durch Stalin – es ist auch die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die mit fünf Kindern deportiert wurde (die einzige Tochter starb dabei), während ihr Mann in der Sowjetarmee gegen die Nazis kämpfte. Gesanglich kippt Jamala gegen Ende leider etwas ins Kreischen, aber dennoch liegt sie meilenweit vor den meisten Sängerinnen des Wettbewerbs. Ihr Song ist eigenwillig, windet sich wie eine Kobra und weckt sicherlich diejenigen auf, die alle anderen Lieder für musikalischen Einheitsbrei halten. Man sollte glauben, dass das zu unkommerziell für den Wettbewerb ist, die Wetten sehen das jedoch anders. Hier liefert sie sich ausgerechnet mit dem Russen Sergei Lasarew ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Hoffentlich hat sie die Nase vorn.
Norwegen:

Von der leidenschaftlichen Ukrainerin zu einer unterkühlten Eisprinzessin, die in den Pressekonferenzen für Unmut sorgte, da sie nämlich nicht anwesend war. Der Delegationsleiter begründete dies mit Gesundheitsproblemen der Künstlerin. Und tatsächlich, schon im Vorfeld gab es in den norwegischen Medien Berichte darüber, dass Agnete an einer bipolaren Störung leidet, die manisch-depressive Stimmungsschwankungen mit sich bringt. Wie sie bei allem Verständnis dafür einen Auftritt vor einem Millionenpublikum meistern will, bleibt offen. "Icebreaker" heißt ihr Titel passenderweise und das Ganze wirkt leider wie ein schamloses Remake von Norwegens Beitrag 2013. Damals sang Margaret Berger, ebenfalls ein unterkühlte Blondine im figurbetonten weißen Kleid. Auch sie hatte einen – um Lichtjahre besseren – Electro-Song am Start und landete im Finale in den Top-5. Selbst die schwarz-blauen Farben des Bühnenbildes und der damaligen Lichtshow wurden übernommen. Schade, vor allen Dingen für Agnete, aber sie wird heimreisen müssen.
Georgien: Neben Montenegro wohl der einzige richtige Rock-Song im diesjährigen Wettbewerb. Und auch hier suchen wir eine Melodie vergeblich. Nika Kocharov & Young Georgian Lolitaz schrammeln sich drei Minuten lang durch eine Kakophonie namens "Midnight Gold", die höchstens Protestwähler begeistern dürfte. Und so bleibt am Ende nur das Fazit, dass sich die Georgier mal wieder was trauen, denn kaum ein anderes Land hat bislang so viele schräge Beiträge gesendet.
Albanien: Noch eine Blondine mit "eindringlicher" Stimme! Eneda Tarifa heißt die Sängerin für das kleine Balkanland, die Fans enttäuschte, als sie nach der Vorentscheidung ihren Titel doch ins Englische übersetzen ließ. Dabei hatten die Albaner 2012 mit "Suus" ihren größten Erfolg in Landessprache erreicht. Eneda wünscht sich ein "Fairytale" und auf CD klingt das durchaus sympathisch. Live dagegen wird – mal wieder – viel gekreischt und die Stimme überstrapaziert. Da hilft auch das elegante Goldkleid nicht. Heimfahrt!
Belgien: Das zweite Halbfinale endet wie das erste begonnen hat: Mit nostalgischem Disco-Funk! Laura Tesoro ist eine richtig süße Hupfdohle, die vor allen Dingen eins ausstrahlt: Ich hab Spaß an der Sache, nehme alles nicht so ernst und weiß auch nicht so genau, warum alle sagen, dass der Einstieg meines Songs wie "Another One Bites the Dust" von Queen klingt. Die Unbekümmertheit wirkt: In den Wetten mauserte sie sich aus dem Keller langsam zumindest ins Mittelfeld hoch und zog mittlerweile sogar an Deutschland vorbei. Das liegt aber auch daran, dass der Song "What's the Pressure" gute Laune verbreitet, die schwungvolle Choreo mit hübschen Tänzern sitzt und im Meer der düster inszenierten Beiträge endlich richtige Freude aufkommt. Die Überraschung des zweiten Halbfinales!
Folgende zehn Länder sehen wir am Samstag im Finale wieder (beim Tipp vom Dienstag hatten wir immerhin bei sieben von zehn richtig gelegen): Lettland, Polen, Israel, Serbien, Mazedonien, Litauen, Australien, Bulgarien, Ukraine und Belgien. In der Show gibt es auch Ausschnitte der Proben von Deutschland, Großbritannien und Italien zu sehen, die als Big 5 bereits für das Finale gesetzt sind.

Italiens Francesca Michielin präsentiert dabei Schnipsel in Regenbogenfarben am Mikrofonständer, die sie wie viele andere Künstler bereits beim italienischen Vorentscheid nutzte, um für die Einführung der Homo-Ehe in Italien zu werben.














