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Kommentar
Je suis Charlie, but I'm not gay

Eine einfühlsame Reaktion aus Deutschland kam von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth: "Der Regenbogen trägt Trauerflor. Mit unseren Tränen bei Euch in Orlando!", schrieb die Grünen-Politikerin zu diesem Bild auf Facebook
- 13. Juni 2016, 10:22h 3 Min.
Schwule und Lesben werden in Deutschland selbst als Anschlagsopfer teilweise mit spitzen Fingern angefasst.
Von Micha Schulze
Ich bin noch immer fassungslos. Über das schreckliche Blutbad in Orlando, aber auch über manche Reaktion. Trauer und Solidarität sollten nach diesem Terrorakt im Vordergrund stehen, nicht die eigene politische Agenda oder gar neuer Hass auf eine ganze Bevölkerungsgruppe. Kein Präsident, kein Gesetz kann solch ein Attentat eines mutmaßlichen Einzeltäters verhindern. Leider.
Der Angriff auf das "Pulse" ist nicht der erste, aber der bislang blutigste Terroranschlag, der direkt auf Schwule und Lesben zielte. Noch sind nicht alle Hintergründe geklärt. Dennoch hat US-Präsident Barack Obama am Sonntag die richtigen Worte gefunden. Er sprach von einem "Akt des Terrors" und einem "Akt des Hasses" und nannte den Tag "besonders herzbrechend für die LGBT-Community". Was er in der Tat ist.
Angriff auf einen Schutzraum
Von deutschen Spitzenpolitikern vermisse ich solche einfühlsamen Reaktionen, die unseren besonderen Schmerz, unsere realen Ängste ernst nehmen. Ein Massaker in einem Gay-Club ist nicht nur ein Angriff auf einen Ort zum Trinken und Tanzen, sondern auch auf einen Schutzraum, in dem wir frei von Homophobie wir selbst sein können. Nicht einmal dort, so scheint es nun, sind wir noch sicher.
Lesben und Schwulen, die für ihre Rechte und gegen Diskriminierung kämpfen, wird oft vorgeworfen, die Opferrolle einzunehmen. Doch wenn sie dann fünfzigfach erschossen werden, werden sie als Opfer kaum wahrgenommen. In den Beileidsbekundungen von Bundespräsident, Bundeskanzlerin und Außenminister sucht man die Worte "Lesben", "Schwule" oder "Homophobie" vergeblich.
Deutschland sei entschlossen, das "offene und tolerante Leben" fortzusetzen, heißt es etwa verquast bei Merkel – als ob eine Schließung schwul-lesbischer Clubs je zur Diskussion stand. Wären stattdessen bei einer Bar-Mitzwa-Feier in einer Synagoge 50 Menschen ermordet worden, hätte jeder Politiker sofort die antisemitische Tat verurteilt und seine – richtige wie selbstverständliche – Solidarität mit allen Juden bekundet.
Doch Schwule und Lesben, so scheint's, werden von manchen selbst als Opfer eines Hassverbrechens mit spitzen Fingern angefasst. In mehreren Onlineberichten über das Attentat war gestern zunächst nur von einem nicht näher spezifizierten "Nachtclub" in Orlando die Rede. Einigen Portalen, darunter welt.de, war die Fußball-EM als Aufmacher wichtiger als der Massenmord im Gay-Club. Später wurde im Fernsehen diskutiert, ob die Tat aus Homophobie begangen worden sei oder einen islamistischen Hintergrund habe – als ob sich beides ausschließen würde oder das eine schlimmer sei als das andere.
Nach dem Angriff auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" war auf meiner Facebook-Timeline überall "Je suis Charlie" zu lesen – "I'm gay" fand ich gestern kein einziges Mal. Erstrahlte das Brandenburger Tor nach den Bomben von Brüssel in den belgischen Nationalfarben, fiel eine Regenbogenbeleuchtung am Sonntagabend aus.
Ich fürchte, es liegt nicht nur daran, dass wir uns an den Terror schon allzu sehr gewöhnt haben.
Links zum Thema:
» Nollendorfblog: Je suis gay
Mehr zum Thema:
» Merkel zu Orlando: Kein Wort an die Community (13.06.2016)
» Polizei dementiert geplanten Anschlag auf LA Pride (13.06.2016)
» Florida: 50 Tote nach Angriff auf Gay-Club (12.06.2016)















Nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo haben sich die Politiker überschlagen, eine Verteidigung der Pressefreiheit und Kunstfreiheit zu fordern.
Und jetzt?
Verlautbarungen, auch die Vielfalt sexueller Orientierungen zu verteidigen gibt es fast nur von Grünen und Linkspartei.
Ansonsten nur eine Pflicht-Beileidsbekundung von Merkel in schwammigen Worten und ohne auf den Homohass als Ursache der Tat einzugehen. Und der Rest der Union und die SPD schweigen...
Alle die bei Je suis Charlie noch die Gelegenheit nutzten, sich als Kämpfer für Freiheit und Demokratie hinzustellen, sind jetzt komplett abgetaucht.