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Seit ihrem Bestehen werden öffentliche Herrentoiletten nicht nur zum Verrichten der Notdurft genutzt (Bild: flickr / g c / by 2.0)
- 19. Juni 2016, 13:11h 2 Min.
Die Regionalzeitung empört sich über "lüsterne ältere Männer" auf öffentlichen Toiletten, rät zur Anzeige bei der Polizei und nennt sämtliche Cruisingorte.
Von Micha Schulze
Der Polizei sind zu jener Klappe keine Anzeigen bekannt, auch Hausverbote wurden bislang nicht erteilt – dennoch bauscht die "Nürnberger Zeitung" eine fragwürdige Leserzuschrift zu einem vermeintlichen Skandal auf.
Unter der absurden Überschrift "Die öffentliche Toilette am Rathenauplatz ist ein Puff" und in einem Tonfall, der einen erschaudern lässt, zitiert das Blatt am 16. Juni einen anonymen Denunzianten, der sich darüber beschwerte, dass dort "lüsterne ältere Männer ihre Lust auf gleichgeschlechtlichen Sex" auslebten.
"Ich bin schwul und finde es einfach abartig, was dort abgeht", so der angebliche Leser gegenüber der "Nürnberger Zeitung". "Kein Wunder, dass wir Homos so ein schlechtes Bild abgeben, was kann ich tun?"
Diskriminierung trieb schwule Männer in die Toiletten

Onlineleser der "Nürnberger Zeitung" übten scharfe Kritik: "Es ist ja schon eine bodenlose Unverschämtheit so einen hetzerischen Artikel kurz nach Orlando zu posten!", kommentierte ein User. Ein anderer meinte: "Ich weiß nicht, ob ich über diesen provinziell-naiven Artikel lachen oder weinen soll"
Nun kann man darüber streiten, ob stinkende Toilettenkabinen der ideale Ort zum Vögeln sind – aber schwuler Klappensex ist so alt wie die öffentlichen Bedürfnisanstalten selbst. Vor allem in Zeiten der strafrechtlichen Verfolgung von Homosexualität, aber auch noch in den Jahren ohne Gayromeo, Grindr & Co., waren sie ein wichtiger Treffpunkt für homo- und bisexuelle Männer.
Doch kein Wort zur Geschichte der Klappen in der "Nürnberger Zeitung", beim lokalen Homoverein Fliederlich wurde nicht nachgefragt. Und statt verunsicherten Heteros einfach zu raten, die mit ihrem Gemächt wedelnden Herren an der Pinkelrinne zu ignorieren, verweist das Blatt auf die Toilettensatzung, nach der "Handlungen, die gegen Sitte und Anstand verstoßen", untersagt sind. "Wenn sich jemand belästigt fühlt, kann er sich bei der Polizei melden", wird ein Sprecher des Servicebetriebs Öffentlicher Raum zitiert. Diese sei befugt, die Personalien aufzunehmen.
Worte, bei denen sich jene "lüsternen" älteren Schwulen an längst überwunden geglaubte Zeiten erinnert fühlen können. Einige der nicht selten verheirateten Familienväter dürften noch den Paragraf 175 in der Nazifassung erlebt haben. Und selbst nach der Reform des "Homosexuellenstrafrechts" wurden bis Anfang der 1980er Jahre noch Männer auf deutschen Klappen bespitzelt, festgenommen und in Rosa Listen geführt.
Dass es der "Nürnberger Zeitung" weniger um eine ernsthafte Berichterstattung über das "Phänomen" des Klappensex als vielmehr um eine "Schwulenhatz" geht, wie ein Leser der Onlineausgabe kommentierte, zeigt auch die Erwähnung sämtlicher Standorte der Nürnberger Klappen. Allein aus Angst vor Polizei und homophoben Schlägern dürften diese künftig seltener frequentiert werden – "Säuberungsaktion" gelungen.
Links zum Thema:
» Bericht der "Nürnberger Zeitung"













