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Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) regiert seit der Landtagswahl im März zusammen mit der CDU (Bild: Metropolico.org / flickr)

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident nennt die "klassische Ehe" die "bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so".

Zu Update springen: Kretschmann fühlt sich missverstanden

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat seine Partei indirekt dazu aufgerufen, weniger Politik für Lesben und Schwule zu machen und stattdessen die Heterosexuellen in den Mittelpunkt zu stellen. "So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so", schrieb der Landesvater in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit".

In dem Artikel für die morgige Ausgabe rief Kretschmann die Grünen zur Selbstkritik auf und machte sie sogar für die Wahlerfolge der AfD mitverantwortlich. Die "kulturelle Hegemonie" seiner Partei habe zum Aufstieg der Rechtspopulisten beigetragen. Angesichts einer umfassenden Modernisierung der Gesellschaft wachse bei vielen Menschen "das Gefühl der Überforderung zum Gefühl des Kontrollverlusts aus", so der Ministerpräsident. Nun gehe es darum, deutlich zu machen, "dass die neuen Freiheiten in der Lebensgestaltung ein Angebot und keine Vorgabe sind".

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Kretschmann: Grüne sollen das "Moralisieren" lassen

Darüber hinaus forderte Kretschmann seine Partei dazu auf, das "Moralisieren" zu unterlassen: "Wir sind keine Heiligen und werden es auch dann nicht, wenn man uns dazu machen will", heißt es in dem Beitrag für die "Zeit". Anstatt Vorgaben für die individuelle Lebensgestaltung zu treffen, sollten die Grünen sich auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren.

Winfried Kretschmann ist seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Bis zur Landtagswahl am 13. März 2016, bei der die Grünen mit 30,3 Prozent stärkste Partei wurden, regierte er mit der SPD, seitdem mit der CDU als Juniorpartner.

Im grün-schwarzen Koalitionsvertrag hatte sich die Union zwar bereit erklärt, den "Aktionsplan für Akzeptanz & gleiche Rechte" fortzuführen, das Ergebnis blieb jedoch aus LGBTI-Sicht deutlich hinter der grün-roten Vorlage zurück (queer.de berichtete). (cw)

 Update  17.22h: Update: Kretschmann fühlt sich missverstanden

Das baden-württembergische Staatsministerium hat noch am Mittwochnachmittag auf die Berichterstattung von queer.de reagiert. Bezugnehmend auf Kretschmanns Artikel für die "Zeit" und unsere Überschrift "Kretschmann fordert mehr Politik für Heteros" behauptet die Pressestelle: "Aus dem Text geht eine solche Schlussfolgerung wie in Ihrem Artikel nicht hervor und ist auch nicht beabsichtigt."

Das sehen wir anders. In dem Artikel des grünen Ministerpräsidenten, der uns vorliegt, aber erst in der morgigen Ausgabe der Wochenzeitung erscheint, heißt es zwar zum einen: "Die errungenen Freiheiten werden wir daher ohne Wenn und Aber verteidigen. Egal ob es um die neue Liberalität bei individuellen Lebensentwürfen, um Gleichberechtigung oder die Akzeptanz von Vielfalt geht."

Gleichzeitig schränkt Kretschmann seinen Einsatz für LGBTI-Akeptanz jedoch ein: "Es geht darum, dass jeder nach seiner Fasson leben kann und nicht darum, traditionelle Lebensformen abzuwerten oder die Individualisierung ins Extrem zu treiben. Individualismus darf nicht zum Egoismus werden, sonst wird gesellschaftlicher Zusammenhalt unmöglich. So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so."

Darüber hinaus enthält Kretschmanns Artikel eine Passage, die man als Aufforderung an LGBTI-Aktivsten deuten kann, sich zurückzunehmen und verbal abzurüsten: "Auf der einen Seite erleben wir eine tendenziell übersteigerte politische Korrektheit, auf der anderen Seite das krasse Gegenteil: einen Verbalradikalismus und eine Verrohung der Sprache. Wir müssen eine neue Tonlage finden, getragen von Klarheit und Respekt. Auf diesem Boden kann unsere politische Kultur gedeihen."

Die Forderung nach Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare enthält Kretschmanns Text nicht. Warum der Ministerpräsident ausgerechnet das Wowereit-Zitat im Zusammenhang mit heterosexuellen Ehen verwendet, erklärte das Staatsministerium nicht. (mize)

 Update  17:54h: Kompletter Artikel online

Der gesamte Artikel "Große Aufgaben, grüne Verantwortung" ist nun auf der Homepage der Landesregierung verfügbar.

 Update  06.10., 05:15h: Wir kommentieren

Micha Schulze kommentiert die Thesen des grünen Ministerpräsidenten: Kretschmann und die Brandstifter

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#1 UrsaMajorEhemaliges Profil
  • 05.10.2016, 15:25h
  • Um Himmels willen. Das ist ja bestes CDU-Sprech.

    Ich weiß schon, warum ich den Grünen schon vor Jahren den Rücken gekehrt habe.

    Herr Kretschmann, wenn Sie Vorgaben nicht mögen, dann machen Sie bitte nicht mit einfachen rhetorischen Tricks IHRE Vorgaben. Ich höre hier die 1950er Jahre zurückkommen - aus dem Mund einer einst (lange ist's her!) progressiven Partei.

    Und wende mich mit Grauen.
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#2 AliCologne
  • 05.10.2016, 15:34hKöln
  • Jetzt fällt auch bei den Grünen langsam die Maske. Mit solchen Aussagen sorgt man dafür, das die AfD in ihrer Homophobie bestätigt wird.

    Als wären die SPDler nicht schon Verräter fangen nun auch Grüne damit an.
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#3 Reto77
  • 05.10.2016, 15:40h
  • Nein Herr Kretschmann, Sie werden nächstes Jahr trotz Ihres Sprungs nach rechts nicht Bundeskanzler einer Koalition Grün-Union-AfD. Und schon gar nicht, wenn Sie Ihre LGBTI Stammwähler verarschen. Was hören wir als nächstes von Ihnen? Atomkraftwerke und Fracking sind super und Flüchtlinge der Untergang des Abendlands?
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