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Nach Gastartikel in der "Zeit"
Heftige Kritik an Kretschmann aus der eigenen Partei

Die Grüne Jugend bastelte zu ihrer scharfen inhaltlichen Kritik eine Facebook-Montage: "Das Handbuch der guten Ehe von Winfried Kretschmann" (Bild: Grüne Jugend)
- 6. Oktober 2016, 09:14h 3 Min.
Die Grüne Jugend vergleicht den Ministerpräsidenten mit Erika Steinbach, der Landtagsabgeordnete Rasmus Andresen sieht einen "Kniefall vorm Rechtspopulismus".
Bei den Grünen ist man nicht glücklich über den Gastartikel "Große Aufgaben, grüne Verantwortung" des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der am Donnerstag in der Wochenzeitung "Die Zeit" erschienen ist. Vor allem der vorab veröffentlichte Satz "So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so" hatte am Mittwoch in Sozialen Netzwerken für eine Welle der Empörung gesorgt (queer.de berichtete).
"Dieses Zitat würde man dem ersten Gefühl nach wohl eher einer Erika Steinbach zuordnen", kommentierte die Grüne Jugend auf Facebook. "Kretschmann spricht sich immer wieder dagegen aus, moralisierende Vorgaben für die individuelle Lebensgestaltung zu machen, hier erklärt er jedoch die heterosexuelle Ehe zur gesellschaftlichen Norm und zur berechtigterweise bevorzugten Lebensform. Damit widerspricht er sich nicht nur selbst, sondern stellt sich auch gegen emanzipatorische Kämpfe und befeuert den gesellschaftlichen Rollback."
Deutliche Worte fand auch der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete Rasmus Andresen: "Gut, dass Winfried kaum Einfluss auf unser Bundesprogramm hat. Seine Aussagen sind Kniefall vorm Rechtspopulismus", schrieb der schwule Grünen-Politiker auf Twitter.
Volker Beck und Claudia Roth werben für Vielfalt
Auch der Bundestagsabgeordnete Volker Beck ging auf Distanz zu seinem Parteifreund: "Die klassische Ehe ist in Ordnung. Genauso gut sind die Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen, das nichteheliche Zusammenleben mit oder ohne Kinder oder Alleinerziehende mit Kindern", schrieb der Kölner Politiker auf Facebook. "Familie ist da, wo Kinder sind. Und da gibt es in Deutschland eine große Vielfalt. Und die Vielfalt ist auch gut so."
Ähnlich äußerte sich Becks Fraktionskollege Sven Kindler auf Twitter: "Ob klassische oder homosexuelle Ehe oder nicht verheiratet. Es geht um Liebe! Hier sollte man nicht moralisieren."
Claudia Roth, grüne Vizepräsidentin des Bundestages, meinte gegenüber dem Magazin "Männer": "Ein jeder nach seiner Façon. Winfried Kretschmann hat für sich als bevorzugte Lebensform die Ehe ausgemacht. Ich nicht. Dass das bei uns jede und jeder für sich ganz persönlich entscheiden kann, das ist wirklich gut so!"
Die Linke: "Erst kommt der Porsche, dann die Moral"
Sehr deutliche Kritik an Kretschmann kam aus der Linkspartei: "Erst kommt der Porsche, dann die Moral: Kretschmann entschuldigt sich dafür, dass die Grünen früher auch mal einen Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt geleistet haben. So muss man es machen, wenn man sich nach der CDU auch der CSU als Regierungspartner anbiedern möchte", kommentierte Jan Korte, Vize-Fraktionschef im Bundestag, die Ehe-Äußerungen auf Facebook. "Endlich kümmert sich mal wieder einer um die vernachlässigten Heteros", tweetete der Berliner Linken-Chef Klaus Lederer ironisch.
Das Medienecho fiel dagegen bislang gespalten aus. Neben queer.de-Geschäftsführer Micha Schulze, der Kretschmann in seinem Kommentar mit der Romanfigur Gottlieb Biedermann aus "Biedermann und die Brandstifter" verglich, fand auch taz-Redakteur Paul Wrusch klare Worte: Kretschmann bediene sich "dem klassischen Repertoire homophober Propaganda von rechts. Homos, die die 'Verschwulung' der Gesellschaft vorantreiben wollen, Egoschweine sind, keine Kinder in die Welt setzen (sollen). Dutzendfach gehört von Elsässer und Pirincci, von Evangelikalen in Baden-Württemberg – und von der AfD".
Verteidigt wurde der grüne Ministerpräsident dagegen vom Berliner Schwulenmagazin "blu": "Nein, progressiv-links ist dieser Mann sicher nicht – war er auch nie", schreibt Online-Chefredakteur Christian Knuth über Kretschmann. "Aber ihm aus einer ehrlichen politischen Analyse mit konkreten Handlungsempfehlungen an die eigene Partei einen antiemanzipatorischen Strick drehen zu wollen, geht mir zu weit." (cw)















Der von Ronald Reagan [!] eingesetzte US-Richter Kennedy hat die Öffnung der Ehe ganz ungrün und klassisch begründet. Über Gender hat der bei seinem Studium in den 50ern auch nichts gelernt. Er berief sich aber während der Verhandlung vor dem Supreme Court auch auf das klassische Griechenland.
Was zeigt das?
Wer hier als 'progressiv' gilt, ist anderswo der hinterletzte Hinterwäldler.