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Sachbuch "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität"
Warum schwule Sichtbarkeit nicht grundsätzlich gut ist
- 9. Oktober 2016, 11:29h 7 Min.
In einem neuen Buch beschreiben Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß, wie sich homosexuelle Männer Präsenz verschafften – und was das mit eigener Unterdrückung und der anderer zu tun hat.
Von Ulrike Kümel
Ich habe als Lesbe gern die Rezension des neuen Buchs "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven" übernommen. Es wendet sich gegen die gängigen Ansichten (wie sie auch vom LSVD vertreten werden), und das ist auch für mich interessant.
Die Hauptthese steht bereits im Klappentext: "Vorangetrieben von 'Schwulen' selbst wurde seit dem 19. Jahrhundert das Konzept schwuler Identität durchgesetzt. Noch heute gelten 'Sichtbarkeit' und 'Identität' weithin als Schlüsselbegriffe politischer Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt". Im Buch wird der Entstehungsgeschichte des Konzepts "Homosexualität" nachgegangen und wie es von Anfang an von den Schwulen selbst gemacht wurde und mit Rassismus und deutschem Kolonialismus verbunden ist.
Weil mir die meisten Konzepte zur schwulen Homosexualität vertraut sind und ich sie noch nie unter diesen Gesichtspunkten reflektiert habe, finde ich das Buch für mich interessant. Besonders hat mir gefallen, dass die beiden Autoren Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß mit ausführlichen Zitaten Material zur Verfügung stellen, mit denen mensch die Deutungen überprüfen und sich eine eigene Meinung bilden kann. Auch wird von beiden immer wieder darauf verwiesen, wie unberechtigterweise Ergebnisse von Schwulen immer auf Lesben übertragen worden sind.
Der gleichgeschlechtliche "Sex der Anderen"

Das Buch "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven" ist Anfang Oktober im Psychosozial-Verlag erschienen
Das Buch ist in vier Teile mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegliedert. Das erste Kapitel ist eine Einführung für die beiden folgenden Kapiteln. Aber nicht nur das. So erläutern die Autoren, wie seit dem 19. Jahrhundert und selbst von den als "emanzipatorisch" bezeichneten Protagonisten Karl Heinrich Ulrichs und Magnus Hirschfeld das Konzept "Homosexualität" als Beschreibung für Sex in Deutschland und gegen den Sex von Männern untereinander in Süditalien und der Türkei entwickelt wurde.
Wir lernen, dass Italien und die Türkei um das Jahr 1900 Wohlfühlorte für Schwule aus Deutschland und England waren. Sie entkamen dem Strafgesetz im eigenen Land und fanden Männer, die für Sex zu haben waren. Aber während Hirschfeld die Männer aus Deutschland und England als "homosexuell" und "echt homosexuell" bezeichnet, sagt er ganz strikt, dass die Männer aus Italien und der Türkei nicht "homosexuell" seien, obwohl sie Sex mit Männern haben. Sie würden es nur für Geld oder Vorteile oder weil sie Sex machen wollten, seien aber nicht innerliche, richtige Homosexuelle.
Hier erläutern Çetin und Voß, die das Einleitungskapitel gemeinsam verfasst haben, wie sich schon in der Gründung der Homosexuellen-Bewegung zeigt, dass die Schwulen an den nationalen und kolonialen Bestrebungen ihres Landes teilnehmen. "Homosexualität" richtet sich von Anfang an gegen den gleichgeschlechtlichen "Sex der Anderen", wie die Autoren formulieren.
Der Streit um das Maneo-Kiss-In Kreuzberg
Neben dem historischen Punkt wird in der Einleitung auch eine aktuelle Perspektive vorgeschlagen. So stellen sich die Autoren hinter die Kritik des Vereins Gays and Lesbians aus der Türkei (GLADT) an einem Kiss-In des von weißen Männern betriebenen Projekts Maneo in Berlin-Kreuzberg. Sie nehmen einen Kommentar von Elmar Kraushaar, der sich gegen die Kritik von GLADT gewendet hatte, auseinander und fragen ihn, ob ihm nicht auffalle, dass es etwas anderes sei, wenn einmal Aktivist_innen 1973 sich öffentlich treffen und küssen, um auf sich aufmerksam zu machen, als wenn 2015 ein staatlich finanziertes Projekt aus ganz anderen Gründen küssen lässt. Einmal ging es gerade gegen Staatlichkeit, das andere Mal arbeitet ein staatliches Projekt gegen Migrant_innen.
Diese Fragen werden später im dritten Kapitel, das von Zülfukar Çetin geschrieben ist, sehr gründlich verfolgt. Er erklärt, wo Rassismus unter Schwulen der weißen Dominanzkultur zu finden ist und wie Schwule sich an staatlichem Rassismus und Nationalismus – also "Homonationalismus" – beteiligen. Er geht auch auf zwei Beispiele ein – Daniel Krause und Jan Feddersen.
Homosexualität mal aus der Perspektive der Physik
Auch in der Einleitung wird schon kurz auf das zweite Kapitel des Buches verwiesen. Es ist von Heinz-Jürgen Voß geschrieben und geht der Entstehung des Konzepts "Homosexualität" auf andere Weise nach. So hätte ich nicht gedacht, dass frau beim Blick auf Homosexualität auch die Relativitätstheorie sinnvoll nutzen kann. Voß macht das. Er erklärt für die moderne Naturwissenschaft, dass die ganze Physik immer mehr prozesshaft denkt. Mit der Relativitätstheorie wurde bekannt, dass "Materie" und Energie äquivalent sind, dass es also nicht einfach einen festen Stoff gibt. Es geht um das berühmte "E=MC²" von Albert Einstein.
Während aber Physik immer mehr Bewegung und Prozess beschrieben habe, war es bei "Homosexualität" anders. Hier wurde alles immer fester und immer mehr als Identität gedacht. Kein Prozess, keine Entwicklung, nichts. Und dann können wir in diesem Kapitel lesen, wie die Naturwissenschaft versucht hat, das zu sehen, was eigentlich unsichtbar ist – "Homosexualität". Wir lesen von Untersuchungen am After auf nicht vorhandene Falten bis hin zu Untersuchungen unter dem Mikroskop und in Laboren – nach Genen, Hormonen, Proben aus dem Gehirn.
Es ist teilweise ganz gruselig, das zu lesen. Dann kann man sagen: Böse Wissenschaft! Aber nichts da! Heinz-Jürgen Voß zeigt, dass die Schwulen selbst damit begonnen haben, sich genau zu klassifizieren, abzubilden und "wie Insekten aufzureihen".
Die Sichbarkeit der einen macht andere unsichtbar
Jetzt sind wir schon durch die drei Kapitel durch. Wichtig ist noch zu sagen, dass wir auch viel über Michel Foucault lernen und über Eve Kosofsky Sedgwick. Auch viele andere wichtige Personen aus Geschlechter- und Queer-Theorie werden jeweils erläutert. Als besonders wichtig sehen die Autoren Andrea Mubi Brighenti an, der dazu gearbeitet hat, wann Sichtbarkeit gut ist und wann sie problematisch ist.
Im Moment sind zum Beispiel Leute, die geflüchtet sind, in Deutschland sehr sichtbar. Sie sind so sichtbar, dass es ihnen nicht hilft, sich selbst noch sichtbarer zu machen, um damit auf ungerechte Behandlung aufmerksam zu machen. Durch ihre Sichtbarkeit sind sie sogar körperlich bedroht, denken wir an die vielen Übergriffe in Bautzen und anderen Städten.
Schwule haben sich selbst sehr sichtbar gemacht – gegen Strafverfolgung half es teilweise, im Moment machen aber weiße Schwule andere Schwule unsichtbar oder wollen auch für diese sprechen. Sichtbarkeit hat also auch was mit Klasse zu tun, mit Rassismus. Wer kann wo reden?
Also: Sichtbarkeit ist nicht prinzipiell gut. Sichtbarkeit ist nicht immer die gleiche – eine Aktion im Jahr 1973 ist eine andere als eine im Jahr 2015. Sichtbarkeit führt nicht immer zu mehr Akzeptanz und zu Anerkennung – sie kann auch zum Gegenteil führen, zu Verfolgung und Verachtung.
Ganz am Ende des Buches ist ein Fazit, das wieder von beiden Autoren gemeinsam geschrieben wurde. Sie sagen dort, wie die Kapitel zuvor in aktuelle politische Diskussionen einzuordnen sind und warum es sinnvoll ist, ein Buch zu schreiben, obwohl frau eigentlich draußen ständig gegen Rechtsradikale demonstrieren müsste…
Wem nützt eine Ansicht, wem schadet sie?
Mein persönliches Fazit: Ich finde das Buch wichtig. Nach dem Lesen wissen wir, dass schwule Emanzipation viel mit der Unterdrückung anderer zu tun hat. "Homosexualität" als Konzept und Identität hat viel mit Rassismus und Kolonialismus zu tun – und damit auch Anteil an Gewalt gegen Menschen. Das ist wichtig zu wissen, damit heute sensibel gestritten werden kann.
Es geht nicht um unsere Geschichte mit ein wenig Kritik und einer Prise Marxismus. Nein, es werden umfassende soziologische Zusammenhänge vermittelt und nicht nur Geschichtliches mit einem kleinen Bezug zu heute. Und das Buch ist dabei gut lesbar. Besonders lesefreundlich ist das sehr gut verständliche Einleitungskapitel. Es ermöglicht uns, den großen Zusammenhang zu sehen und nicht nur, uns durch das Buch zu navigieren.
Ich habe viel über Foucault, Sedgwick und Brighenti gelernt, was ich eigentlich immer schon wissen wollte. Aber mensch kann das Buch auch ganz anders sehen: Am wichtigsten ist, immer zu überlegen, wem eine Ansicht nützt und wem sie schadet. Egal ob sie sich als emanzipatorisch bezeichnet oder nicht.
Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß: Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven. Sachbuch. 146 Seiten. Psychosozial-Verlag. Gießen 2016. 19,90 €. ISBN-13: 978-3837925494
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