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Hessischer Lehrplan zur Sexualerziehung
Schülervertretung und evangelische Jugend für LGBTI-Akzeptanz

Die Teilnehmer der "Demo für alle" (hier in Stuttgart) wehren sich dagegen, dass an Schulen Homo- oder Transsexualität thematisiert wird (Bild: gk)
- 21. Oktober 2016, 09:59h 4 Min.
In Hessen formiert sich ein breiter Widerstand gegen die homophobe "Demo für alle": Gewerkschafter, Schüler und Christen sprechen sich für den neuen Lehrplan zur Sexualerziehung aus.
Immer mehr Organisationen wehren sich gegen die am 30. Oktober geplante "Demo für alle" in Wiesbaden: Ein breites "Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt – gegen Diskriminierung und Ausgrenzung", das bereits mehr als 50 Vereine und Initiativen aus Wiesbaden und der Rhein-Main-Region umfasst, hat zu einer gleichzeitigen Kundgebung gegen die Homo-Hasser aufgerufen.
Die euphemistisch genannte "Demo für alle", die einst als Widerstandsgruppe gegen den LGBTI-freundlichen Bildungsplan in Baden-Württemberg gestartet war, will am übernächsten Sonntag in der hessischen Hauptstadt gegen den von der schwarz-grünen Landesregierung initiierten Lehrplan zur Sexualerziehung protestieren, in dem die "Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen" zum offiziellen Unterrichtsziel erklärt wird.
SchülerInnenrat: "Demo für alle" schürt Hass gegen LGBTI
Zu den Unterstützern des Lehrplans zählt neben der Lehrergewerkschaft GEW unter anderem auch die Vertretung der Schülerinnen und Schüler aus Wiesbaden: "Der StadtschülerInnenrat befürwortet den neuen Lehrplan Sexualerziehung und steht für ein Weltbild, in dem niemand aufgrund seiner Sexualität oder seines Geschlechts diskriminiert wird", heißt es in einer Erklärung des Gremiums. Die Anhänger der "Demo für alle" würden Ängste und Hass gegenüber der LGBTI-Community schüren. "Dies werden wir nicht hinnehmen", so der Vorstand, der 19 Schulen vertritt und zur Teilnahme an der Gegenkundgebung aufruft.
Auch die Jugendorganisation der evangelischen Kirche stellt sich hinter den Lehrplan: "Die Ev. Jugend in Hessen und Nassau e.V. unterstützt den Aufruf vom Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt – gegen Diskriminierung und Ausgrenzung zur bunten Demonstration und möchte so gemeinsam mit vielen Organisationen ein Zeichen setzten!!!" teilten die jungen Christen am Donnerstag auf ihrer Facebook-Seite mit.
Lehrplan hilft Schülern bei Umgang mit "realer und gelebter Vielfalt"
Die Dachorganisation Landesjugendring gehört ebenfalls zu den Unterstützern. Für den Zusammenschluss mehrere Jugendverbände ist es unverständlich, warum Aufklärung über Homo- und Transsexualität den Jugendlichen schaden zufügen solle: "Die frühe und altersgerechte Thematisierung verschiedener Familienmodelle, Lebensentwürfe, geschlechtlicher und sexueller Identitäten ist richtig, weil sie Kindern und Jugendlichen dabei hilft, mit der realen und gelebten Vielfalt in unserer Gesellschaft umzugehen."
Die vorgeschobene Befürchtung der "Demo für alle", dass Aufklärung über sexuelle Vielfalt zu "Frühsexualisierung" führen werde, war bereits vor Wochen vom Landeselternbeirat entkräftet worden. Die Organisation distanzierte sich "eindeutig von den Äußerungen ultrakonservativer Christen und nationalistischen Kräften, die eine 'Frühsexualisierung der Kinder' befürchten. Dafür bietet der Lehrplan keinerlei Anhaltspunkte und dies war auch nicht Gegenstand der Diskussion" (queer.de berichtete). Der Elternbeirat hatte sich allerdings an der Verwendung des Begriffs "Akzeptanz" gestört.
CDU-Generalsekretär verteidigt Begriff "Akzeptanz"
CDU-Generalsekretär Manfred Pentz hatte die Nutzung des Begriffes "Akzeptanz" statt "Toleranz" in Briefen an Kritiker verteidigt: "Unser Ziel ist, dass wir in den Schulgemeinden einen wertschätzenden und diskriminierungsfreien Umgang miteinander pflegen. Und daher ist es von Bedeutung, dass die Vielfalt eben nicht nur 'erduldet' oder 'ertragen' wird, wie es der Begriff 'Toleranz' meint, sondern dass Vielfalt 'akzeptiert' wird in dem Sinne 'Du bist okay, so wie du bist'. Niemandem wird dabei eine Ideologie aufgezwungen, niemand wird in eine Rolle gedrängt."
Behauptungen über eine "Frühsexualisierung" oder der Einführung einer "Gender-Ideologie" seien falsch und die Sorgen von Eltern "unbegründet", so der Politiker, der wie das Kultusministerium eine Flut von Empörungsbriefen von Homo-Hassern erhalten hat. Eine Petition der "Demo für alle" ("Indoktrinierende Sexualerziehung sofort stoppen!") hat inzwischen fast 20.000 Unterschriften erzielt.
Die Frankfurter Aids-Hilfe äußerte bereits die Befürchtung, dass der "Demo für alle" die "Etablierung einer homophoben Bewegung in ganz Deutschland" gelingen könne. Daher sei es wichtig, Flagge gegen die Homo-Hasser zu zeigen: "Wir müssen uns gegen die Diffamierung der zur Sprache stehenden Lehrplanänderungen zur Sexualerziehung wehren", so Aids-Hilfe-Sprecher Florian Beger. (dk)
Links zum Thema:
» Aufruf "Für Akzeptanz und Vielfalt"
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Die GEW ist dabei. Aber wie positioniert sich in dieser Frage eigentlich die andere Lehrergewerkschaft, der Philologenverband? Die hatten in BaWü ja herzlich wenig Berührungsängste mit der "Demo für alle" und treffen sich in Rheinland-Pfalz fleißig zu Kamingesprächen mit der AfD. Wie sieht's in Hessen aus - weiß das jemand?