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Kleine Anfrage der Linksfraktion in Bremen
LGBTI-feindliche Delikte: Gravierende Lücken in der Polizeistatistik

Selbst wenn man auf einer Bremer Wache eine homophobe Straftat anzeigt, findet sie nicht automatisch ihren Weg in die Polizeistatistik (Bild: Metropolico.org / flickr)
- 18. November 2016, 05:58h 2 Min.
Seit 2011 wurden in Bremen nur sieben aus Homophobie begangene Straftaten dokumentiert – dabei gab es seit 2015 allein fünf Anschläge auf das "Rat&Tat"-Zentrum.
Eigentlich wird im rot-grünen Bremen eine ganze Menge unternommen, um Gewalt- und andere Straftaten gegen LGBTI zu bekämpfen. Bei Polizei und Staatsanwaltschaft gibt es eigene Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen und eine zentrale Bearbeitung der Fälle, es gibt eine offizielle Handlungsanleitung "Bekämpfung homophober Straftaten" sowie ein Polizei-Merkblatt "Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung". Doch in der Polizeistatistik tauchen LGBTI-feindliche Straftaten fast nicht auf.
Das offensichtlich noch immer mangelnde Problembewusstsein brachte jetzt die Kleine Anfrage "Homo-, trans- und interfeindliche Straftaten in Bremen" der Linksfraktion in der Bürgerschaft ans Licht. Seit 2011 wurden in der Hansestadt nur sieben "Straftaten gegen die sexuelle Orientierung" erfasst, heißt es in der Antwort des Senats vom 8. November (PDF) – davon eine in diesem und drei im vergangenen Jahr.
Eine völlig unrealistische Zahl: Seit 2015 gab es allein fünf Angriffe auf das Bremer "Rat&Tat"-Zentrum. Zuletzt war es im September zu zwei Buttersäure-Attacken auf den queeren Treffpunkt gekommen (queer.de berichtete). Die Vorfälle hatten die Kleine Anfrage der Linksfraktion ausgelöst.
Polizei hat Probleme bei "Erkennung einer homophoben Straftat"
"Ich weise bei jeder Anzeige die Polizei auf den homophoben Hintergrund hin", erklärte "Rat&Tat"-Vorstand Reiner Neumann gegenüber der "taz" – dennoch wurde in der Statistik nur eine der Sachbeschädigungen den "Straftaten gegen die sexuelle Orientierung" zugeordnet. Insgesamt ist das Zentrum erstaunt über die angeblich so geringe Zahl der Delikte: "Allein wir vom 'Rat&Tat'-Zentrum kennen mehr Fälle als die, die in dieser Statistik stehen."
Dass die Statistik das tatsächliche Ausmaß nicht widerspiegelt, räumt allgemein auch der Senat ein: "Probleme liegen in der Erkennung einer homophoben Straftat", heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage, verursacht "durch unzureichende Hinweise beim Anzeigenden" oder Fehler bei der Anzeigenaufnahme. Bei LGBTI gebe es "fehlendes Vertrauen in die Polizei" und "Angst vor ungewolltem Outing", auf den Polizeidienststellen "Unkenntnis über die Handlungsanleitung homophobe Straftaten". Auch eine "falsche Steuerung innerhalb der Polizei" könne der Grund sein, dass homophobe Delikte nicht an die zentrale Ermittlungsstelle gemeldet werden.
Bessere Schulungen zum Umgang mit LGBTI-feindlichen Straftaten soll es in Bremen vorerst jedoch nicht geben, heißt es in der Antwort des rot-grünen Senats: "Nachdem die Funktion des Ansprechpartners für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (AgL) in der Polizei eingerichtet wurde und eine Verzahnung im Bereich der Fortbildung erfolgt, wird derzeit keine Notwendigkeit von weiteren Fortbildungsmaßnahmen in der Polizei gesehen." (cw)
Links zum Thema:
» Antwort auf die Kleine Anfrage als PDF












Auf dem rechten Auge absichtlich blind, seit Jahrzehnten.