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Hirschfeld-Tage 2016
Was verbindet "Refugees and Queers"?

Im Rahmen der Hirschfeld-Tage 2016 lud die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld am 26. November zum Fachtag "Refugees and Queers" in das Dresdner Hygiene-Museum. Ibrahim Mokdad (re.) sprach dort u.a. über die Situation in den Erstaufnahmestellen (Bild: BMH)
- 2. Dezember 2016, 11:42h 7 Min.
Die Hirschfeld-Stiftung lud Ende November zu einem Fachtag über LSBTTIQ-Emanzipation und Migration nach Dresden. Im Interview zieht Organisatorin Carolin Küppers Bilanz.
Von Micha Schulze
queer.de: Der Paragraf 175, Homophobie im Sport und die queere Wissenschaft waren bislang die großen Themen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Was hat sie bewogen, sich nun erstmals intensiv mit Flüchtlingsthematiken zu beschäftigen?
Carolin Küppers: Mit der bewussteren Wahrnehmung von Fluchtbewegungen nach Europa allgemein wurde auch die spezifische Gruppe von LSBTTIQ-Geflüchteten stärker in die Diskussion gerückt, also lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen auf der Flucht.
In der LSBTTIQ-Community entstand dadurch ein zunehmendes Bewusstsein über Flucht und Migration und das Bedürfnis, sich hier politisch und unterstützend einzubringen. Aber es wurden auch Sorgen um emanzipatorische Errungenschaften laut, die zum Teil jedoch in rassistische Zuschreibungen abgleiten. Hierfür ist meines Erachtens ein differenzierter und emanzipativer Diskurs notwendig, der potentielle Herausforderungen, aber auch Chancen und Möglichkeiten an der Schnittstelle von emanzipatorischen Politiken zu LSBTTIQ und Flucht/Asyl/Migration in den Blick nimmt, jenseits von Verallgemeinerungen und Paternalismus.
Diesem Diskurs wollten wir uns als Bundesstiftung gerne stellen, da wir es als unsere Aufgabe erachten, gegen die Diskriminierung aller in der Bundesrepublik lebenden LSBTTIQ Stellung zu beziehen, ungeachtet von deren Hintergrund und Herkunft. Wir greifen das Thema Rassismus und Asyl bereits seit einigen Jahren kontinuierlich in unserer Bildungs-Arbeit auf. Es war daher fast unabdingbar, einem so aktuellen Thema wie den derzeitigen Debatten über LSBTTIQ und Flucht/Migration/Asyl ebenfalls die notwendige Aufmerksamkeit zu widmen, um hier einen Diskurs mit queeren Geflüchteten zu führen statt über oder für sie.
Wieviele Menschen aus welchen Bereichen kamen am 26. November ins Dresdner Hygiene-Museum zusammen?
Wir waren ehrlich gesagt überwältigt über das große Interesse am Thema. Es hatten sich über 130 Menschen zum Fachtag angemeldet und ca. 100 waren dann vor Ort anwesend – aus sehr unterschiedlichen Bereichen: queere Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen, Beratungsstellen, Migrant_innen-Selbstorganisationen und Bildungsinitiativen.
Ich werte das als ein deutliches Zeichen für die Aktualität und die gesellschaftliche Relevanz des Themas. Auch, dass es so viele (Selbst-)Organisationen und Initiativen gibt, die sich explizit für die Belange von queeren Geflüchteten einsetzen oder sich anderweitig mit dem Thema befassen, belegt das. Viele davon waren anwesend und haben uns einen Einblick in ihre Arbeit gegeben.

Dr. Carolin Küppers ist wissenschaftliche Referentin der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld mit den Schwerpunkten Gesellschaft, Teilhabe und Antidiskriminierung (Bild: BMH)
Der Fachtag befasste sich laut Einladung mit den "Chancen und Herausforderungen, die aktuell entlang der Verschränkung von Geflüchteten- und LSBTTIQ-Emanzipationspolitiken entstehen". Wo liegen denn die Chancen?
Die Chancen liegen ganz klar in neuen und größeren Bündnissen. Nicht mehr jeweils nur die eigenen Betroffenheiten wie LSBTTIQ sein oder einen Flucht- bzw. Migrationshintergrund haben und die jeweils spezifischen Diskriminierungserfahrungen zu thematisieren, sondern in der intersektionalen Verschränkung von beidem auch neue Koalitionen bilden, Gemeinsamkeiten entdecken, Verschiedenheit und Diversität akzeptieren und leben. Aus der Verschränkung verschiedener Erfahrungen und politischer Vorstellungen ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit und insgesamt die Chance, für eine offenere Gesellschaft in jeglicher Hinsicht zu werben.
Und wo liegen die Herausforderungen?
Die Herausforderungen liegen zum einen auch im Verschiedensein und darin, diese sehr unterschiedlichen Kontexte anzuerkennen und nebeneinander stehen zu lassen ohne diese zu bewerten oder einen Erfahrungskontext vor einen anderen zu stellen.
Insgesamt ist ein sensibler Umgang mit dem Thema notwendig. Auch oder gerade weil die ohnehin schon länger köchelnde Debatte um (vermeintlich) verstärkten Sexismus und Homophobie innerhalb der Gruppe der Geflüchteten seit den Ereignissen in Köln in der Silvesternacht ausgesprochen verbittert geführt wird. Von diesen Zuschreibungen sind LSBTTIQ-Geflüchtete selbst zwar weniger betroffen, sie bewegen sich aber auch in einem diskursiven Feld, in dem abwertende Zuschreibungen qua Religion, Ethnizität, Geschlecht und sexueller Orientierung eher die Regel als die Ausnahme sind.
Wie würden Sie die derzeitige Situationen von queeren Geflüchteten in Deutschland beschreiben?
Zum einen stellen sich hier Fragen der Sicherheit in mehrfacher Hinsicht im Kontext neonazistischer Übergriffe oder rechtspopulistischer Propaganda – Stichwort Mehrfachdiskriminierung. Dann gibt es häufig Probleme in sensibler Kommunikation, wie beispielsweise diskriminierendes Verhalten von Professionellen und Dolmetscher_innen im Asylprozess und die Schwierigkeit, über die eigene Verfolgung aufgrund geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung zu sprechen.
Zudem häufen sich derzeit Berichte über Anfeindungen oder auch gewalttätige Übergriffe in den Erstaufnahmestellen und Sammelunterkünften durch das Sicherheitspersonal oder die Mitbewohner_innen vor Ort. Das Bekanntwerden eines LSBTTIQ-Hintergrunds kann hier zu einer Gefahr für die Betroffenen werden.

Beim Fachtag gab es eine Tombola. Die Erlöse gingen an die Organisation "Sea Watch", die Flüchtende in Seenot rettet (Bild: BMH)
Kamen bei dem Fachtag denn auch Geflüchtete selbst zu Wort? Welche konkreten Bedürfnisse haben sie geäußert?
Ja, einige unserer Referent_innen hatten einen Fluchthintergrund, zudem haben wir für sie die Reisekosten übernommen, so dass Menschen mit Fluchthintergrund etwa ein Fünftel der Anwesenden ausmachten.
Zentral war sicher die Forderung nach schneller dezentraler Unterbringung, da die Situation in den Erstaufnahmestellen insbesondere für queere Geflüchtete problematisch und teilweise auch gefährlich ist. Eine weitere Forderung war ein sensiblerer Umgang in der Befragung, da hier oft Themen angesprochen werden, die für die jeweiligen Personen sehr persönlich sind, häufig mit Diskriminierungserfahrungen verknüpft werden. Ein unsensibler Umgang kann hier schnell zu Retraumatisierung führen.
Zudem wurde sehr deutlich gemacht, dass sich der Zugang zu medizinischer Beratung und Behandlung für Trans*-Geflüchtete verbessern und erleichtert werden muss. Viele haben sehr lange auf die Möglichkeit zur Transition gewartet und sind hier mit immensen Hürden konfrontiert, die zu einem hohen Leidensdruck führen. Insgesamt müsste gesundheitliche Aufklärung verbessert werden und der Zugang zu LSBTTIQ-Communities in den Städten erleichtert werden. Eine Unterbringung in kleineren Dörfern ist insbesondere für LSBTTIQ-Geflüchtete nicht sinnvoll.
Brauchen wir in jeder Stadt eine eigene Unterkunft für queere Geflüchtete?
Es wäre auf jeden Fall schön, wenn es zumindest die Option der dezentralen Unterbringung gäbe. Ob und wie sehr sie dann in jeder Stadt genutzt würde, müsste sich zeigen. Aber mangelnde Strukturen sind derzeit ein großes Problem.
Welche Empfehlungen wurden auf dem Fachtag an die Politik ausgesprochen?
Unter anderem dass es sinnvoll wäre, wenn es für jedes Bundesland eine_n Landeskoordinator_in für die Belange von LSBTTIQ Geflüchteten gäbe. Bislang gibt es dies nur in Sachsen und Niedersachsen. Auch wurde die uneinheitliche Gesetzgebung angesprochen und dass bundesweite Richtlinien hier sicher hilfreicher wären.

Auch der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesjustizministerium Ulrich Kelber (SPD), Anya Mittnacht von der Bundeszentrale für politische Bildung und Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Hirschfeld-Stiftung, besuchten den Fachtag (Bild: BMH)
Inwieweit ist die Wissenschaft bei dieser Thematik gefordert?
Es gibt bereits einige sehr interessante Forschungsprojekte, die angelaufen sind. Zum Beispiel an der University of Sussex das Projekt "SOGICA. Sexual Orientation and Gender Identity Claims of Asylum (2016-2020)", das die sozialen und rechtlichen Erfahrungen von Geflüchteten untersucht, die in Europa aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität Schutz suchen. Ein Ziel des Projekts ist es, zu ermitteln, wie europäische Asylsysteme auf sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität beruhende Anträge gerechter behandeln können.
Aber alle diese Projekte stehen erst am Anfang. Auch in der BRD wären Projekte sinnvoll, die sich konkret mit den Debatten und der (rechtlichen) Situation hier beschäftigen. An diesem Punkt möchte auch die Bundesstiftung Maggnus Hirschfeld ansetzen und plant ein Forschungsprojekt an der Schnittstelle von LSBTTIQ und Flucht/Migration/Asyl.
Was kann unsere Community tun, um die Situation von queeren Geflüchteten zu verbessern und ihre Integration zu erleichtern?
Wichtig ist immer eine Zusammenarbeit, die auf gegenseitigem (Kennen-)Lernen beruht. Verschiedenheit als Gewinn und nicht als Bedrohung sehen oder die eigenen Privilegien zu reflektieren, wären da beispielsweise gute erste Schritte. Was nicht passieren sollte, ist ein einseitiges Verständnis von Unterstützung und Integration – denn dies kann immer nur ein wechselseitiger Prozess sein. Es sollte vor allem darum gehen, gemeinsam und kreativ darüber nachzudenken, wie für alle Teilhabe und Partizipation möglich ist, und was es dafür von den unterschiedlichen Seiten braucht.
Wird es eine Fortsetzung des Fachtags geben?
Das war jetzt ein erster, notwendiger Impuls, aktivistische und akademische Forschung zusammenzubringen; hier wollen wir auf alle Fälle weiter machen. Bevor es aber einen weiteren Fachtag geben kann, muss in der Stiftung zunächst eine Konsolidierungsphase des Projekts "LSBTIQ-Refugees welcome! Chancen einer emanzipatorischen Bildungs- und Vernetzungsarbeit" stattfinden und vertiefende inhaltliche Auseinandersetzungen mit weiteren Akteur_innen folgen.
Unter dem Motto "L(i)ebe die Vielfalt" stehen bis zum 19. Dezember bei den dritten Hirschfeld-Tagen 115 Veranstaltungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf dem Programm. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld als Veranstalterin kooperiert dabei mit neun regionalen Partnern aus der Community. Weitere Infos zum Programm auf hirschfeld-tage.de.















Carolin Küppers: Mit der bewussteren Wahrnehmung von Fluchtbewegungen nach Europa allgemein wurde auch die spezifische Gruppe von LSBTTIQ-Geflüchteten stärker in die Diskussion gerückt, also lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen auf der Flucht."
--> Ich halte diese Entwicklung bei der Hirschfeld-Stiftung oder auch im LSVD, wo im Frühjahr sich fast die ganze Tagung um das Thema Flüchtlinge drehte mit Einladung einer Lobbyistin von Pro Asyl und ebenso bei der Verbandssitzung des LSVD NRW dies Thema mit Einladung eines Referenten zu diesem Thema, FÜR FALSCH !!!
Wir haben in Deutschland echt genügend Organisationen, die sich um das Thema "Flüchtlinge" kümmern: Pro Asyl, Amnesty International, usw.
Mit dieser Verlagerung der Themen beim LSVD oder bei der Magnus Hirschfeld-Stiftung verliert die LGBT-Community in ihren Kernthemen der Vergangenheit massiv an Kraft und Bewegung, weil hierdurch die bisherigen Hauptthemen in den Hintergrund gedrängt werden. DIESE Hauptthemen sind mir aber am Wichtigsten und dafür zahle ich beispielsweise meine Mitgliedsbeiträge beim LSVD: wenn mir das Flüchtlingsthema am Wichtigsten wäre, würde ich meine Mitgliedsbeiträge bei Amnesty International oder Pro Asyl zahlen: diese Themen sind aber nicht vorrangig für mich.
Mir geht es um reine LGBT-Themen wie Eheöffnung, Reform des AGG, Artikel 3 GG, Reform des Transsexuellengesetz, Akzeptanzkampagnen gegen Homophobie, Reform der Bilduns- und Lehrpläne und Legalisierung homosexueller Handlungen in den Drittwelstaaten Afrikas/Asiens (wo insbesondere die Organisation ILGA gute Arbeit leistet).
Meines Erachtens missbrauchen LINKE/Grüne Menschenrechtsaktivisten bei Pro Asyl und Amnesty International und Leute wie Volker Beck und Co. mittlerweile die LGBT-Verbände für das allgemeinpolitische (!!!) Flüchtlingsthema und das finde ich nicht gut. Sollte dies so weitergehen, werden ich und eine Reihe mit mir gleichgesinnter schwuler Freunde, den LSVD verlassen und nicht mehr dort zahlen.