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Redaktionelle "Maulkörbe"?

"In unserer Region gibt es keine Lesben und Schwulen"

Die Hirschfeld-Tage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden von den regionalen Medien nahezu komplett ignoriert.


Thüringens Ministerpräsident und Schirmherr Bodo Ramelow (Die Linke) am 5. November bei der Eröffnungsgala der Hirschfeld-Tage in Erfurt (Bild: Christian Fischer / Bild13.com)

Am 19. Dezember sind die dritten Hirschfeld-Tage zu Ende gegangen, nach Berlin 2012 und NRW 2014 fanden sie in diesem Jahr gleich in drei Bundesländern statt. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld als Veranstalterin kooperierte dabei mit neun regionalen Partnern aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Über 100 Veranstaltungen standen flächendeckend auf dem Programm, von Apolda bis zum Zwickauer Land, doch wenn man nach "Hirschfeld-Tage" googelt, findet man fast nur Berichte von queer.de. Die lokalen und regionalen Medien haben die einmalige LGBTI-Veranstaltungsreihe nahezu komplett ignoriert.

Selbst von der Eröffnungsgala am 5. November im Theater Erfurt, zu der immerhin Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) und Sachsens Gleichstellungsministerin Petra Köpping (SPD) als Schirmherren und Marianne Rosenberg als Stargast kamen, berichtete kein einziger Sender und keine einzige Tageszeitung.

An mangelnder Öffentlichkeitsarbeit habe es nicht gelegen, versichert Jörg Litwinschuh, der geschäftsführende Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, gegenüber queer.de. Mit Holger Wetzel Kommunikation habe er im Vorfeld der Gala ein PR-Büro bauftragt, um direkten Kontakt mit Redaktionen in allen drei Bundesländern aufzunehmen.

Aus den Redaktionen hagelte es vielfältige Absagen

Der vorläufige Abschlussbericht des Medienprofis liest sich ernüchternd. "Unser Eindruck: Journalist_innen sind derzeit verunsichert und berichten deshalb lieber gar nicht", schreibt Holger Wetzel. "Die Bandbreite der Absagen war vielfältig: 'Bei uns passiert so viel, da kann ich Ihnen nicht versprechen, ob ich das Thema noch unterbringen kann', 'Ich weiß gar nicht, wer bei uns für solche Themen zuständig ist', 'Ich habe Urlaub und keine Vertretung'." . Der Chefredakteur einer Tageszeitung habe ihm sogar am Telefon erklärt: "In unserer Region gibt es keine Lesben und Schwulen."

Wetzel stellt die Frage, ob es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen redaktionelle "Maulkörbe" gebe: "Denn oft war die erste Reaktion überaus positiv und sah nach der Redaktionssitzung ganz anders aus. Zumindest scheinen LSBTTIQ-Themen intern schwer durchzubringen zu sein oder werden nur allzu gern vom Treffen des örtlichen Taubenzüchterverbands verdrängt."


Mit diesem Facebook-Post machte Björn Höcke, Partei- und Fraktionsvorsitzender der AfD in Thüringen, Stimmung gegen die Hirschfeld-Tage

Jörg Litwinschuh hat den Verdacht, dass die Attacken der AfD gegen die Hirschfeld-Tage für die Zurückhaltung der Medien mit verantwortlich sein könnten – so hatte Thüringens AfD-Chef Björn Höcke mehrfach einen sexualpädagogischen Workshop zum Thema Analverkehr mit angeblichen Kürzungen bei Klassenfahrten in Verbindung gebracht (queer.de berichtete). "Die AfD hat die Hirschfeld-Tage missbraucht, um Stimmung gegen die Thüringer Landesregierung zu machen und um die Vielfaltspädagogik zu diskreditieren", so der Vorstand der Hirschfeld-Stiftung gegenüber queer.de. "Ob die Journalisten Angst vor unseren Themen haben oder sich einfach nicht die Mühe machen wollten oder konnten zu berichten, da bin ich mir noch unsicher."

Vernetzung der queeren Community verstärkt

Dennoch sei es ein "großer Erfolg, dass neun Vereine in drei Bundesländern gemeinsam mit uns eine so breite und hochaktuelle Veranstaltungsreihe umgesetzt haben", zieht Jörg Litwinschuh ein ingesamt positives erstes Fazit: "Die Hirschfeld-Tage haben die Vernetzung der LSBTTIQ-Vereine in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gestärkt und auch zu mehr Sichtbarkeit deren Arbeit beigetragen. Erstmals wurden die beteiligten Vereine auch von säschischen und thüringischen Landesprogrammen gefördert, und wir konnen durch eine Spende der VP Bank auch Stellen schaffen, wenn auch nur Minijobs."

Wenn sämtliche Auswertungen vorliegen, werde die Bundesstiftung ein endgültiges Resümee ziehen und entscheiden, wann und wo die nächsten Hirschfeld-Tage stattfinden sollen. Im Gespräch sei etwa Bayern.

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-w-

#1 schwarzerkaterEhemaliges Profil
  • 26.12.2016, 10:32h
  • alle zwei jahre finden die "hirschfeld-tage" statt ... nicht gerade ein ereignis, an das sich die hetero-medien erinnern. dann eine veranstaltung auf 3 bundesländer aufgeteilt - was für ne schnappsidee.
    dann 100 veranstaltungen ... mit so ner aufgeblasenen veranstaltungsserie tut sich die schwule gemeinde wirklich keinen gefallen.
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#2 OrthogonalfrontAnonym
  • 26.12.2016, 11:24h
  • Antwort auf #1 von schwarzerkater
  • Vielleicht wäre es ja besser lokale LGBTTIQ Projekte und Vereine besser zu fördern? Ich denke schon! Mir kommt es langsam so vor als würde die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld eher zu einer Alibi Veranstaltung. Da fließen dann mal ein paar Euro von ansonsten eher ignoranten Politikern hin, damit sich diese ganz wunderbar homo-freundlich fühlen können. Kritisiert man sie dann ob ihres ansonsten mangelnden Einsatzes für LGBTTIQ kommt dann ganz schnell mal ein "Was wollt ihr denn noch?" von denen. Also ich halte eher weniger von dieser Bundesstiftung, solange lokale LGBTTIQ Projekte und Vereine so wenig gefördert werden und die Einzel-Entschädigung von Opfern des Paragraphen 175 darunter leidet.
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#3 TheDad
  • 26.12.2016, 11:37hHannover
  • Antwort auf #2 von Orthogonalfront
  • ""solange lokale LGBTTIQ Projekte und Vereine so wenig gefördert werden und die Einzel-Entschädigung von Opfern des Paragraphen 175 darunter leidet.""..

    Eine Entschädigung von Opfern des § 175 hat noch gar nicht stattgefunden, und die Stiftung besteht schon seit Oktober 2011..

    Hier eine Verbindung zwischen der Stiftung und der mangelhaften Aufarbeitung der Verfolgung von Schwulen Männern oder LGBTTIQ* zu konstruieren ist absurd..
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