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Jahresrückblick
Tiefpunkte des Jahres 2016
2016 wird nicht als glücklichstes Jahr in die Geschichte eingehen. Hier sind die zehn Tiefpunkte des Jahres aus LGBTI-Sicht.

2016 bewegte der Anschlag auf das "Pulse" die Szene. Zugleich nahm in Deutschland eine homophobe Gegenbewegung an Fahrt auf: Bischof Andreas Laun trat bei einer "Demo für alle" auf, auch die AfD machte Stimmung gegen Aufklärung über sexuelle Vielfalt (Bild: flickr / Daniel Ruyter / by 2.0, Norbert Blech, Facebook / AfD-Fraktion Thüringen)
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30. Dezember 2016, 09:34h 7 Min.
1. AfD mit homophober Kampagne
Die sogenannte Alternative für Deutschland hat in diesem Jahr einen kometenhaften Aufstieg in Landtagswahlen vorgelegt. Der wichtigste Programmpunkt scheint die Ablehnung von (muslimischen) Flüchtlingen zu sein. Zugleich positioniert sich die Partei aber immer deutlicher als Gegenpol zu praktisch allen Minderheiten, die nicht einem engen Ideal entsprechen. Dazu gehören auch Homo- und Transsexuelle.
Schon im Grundsatzprogramm, das im Frühjahr beschlossen wurde, zeigte die AfD, wo es langgeht: Die "traditionelle Familie" ist das Leitbild und die "Hervorhebung der Homo- und Transsexualität im Unterricht" führe dazu, dass man Kinder in ihrer sexuellen Identität "verunsichern" würde – das ist das alte, wissenschaftlich längst widerlegte Argument, dass Kinder durch alte Schwule oder Lesben in den homosexuellen Lebensstil "verführt" werden können.
Das ganze Jahr erfüllten führende AfD-Köpfe diese homo- und transphobe Ideologie mit Leben: Mal forderte ein sachsen-anhaltinischer AfD-Abgeordneter Haft für Homosexuelle, mal sprach eine anderer von der "Normabweichung" Homosexualität, mal bezeichnete ein (später aus der Fraktion ausgeschlossener) AfD-Politiker in Berlin Homosexuelle als "genetisch degeneriert", mal kündigte der Thüringer AfD-Fraktionschef Björn Höcke den Kampf gegen den "perversen Zeitgeist" an und mal beschwerte sich Parteichefin Frauke Petry, es gebe zu viele Schwule im deutschen Fernsehen. Es wurde teilweise sogar richtig albern: So startete die sächsische Fraktion einen Kampf gegen Dildos, weil diese die Zukunft gefährdeten.
Die Gruppe "Homosexuelle in der AfD" zeigte sich dabei als williger Vollstrecker: Statt gegen Homophobie in den eigenen Reihen zu kämpfen, wie es etwa die Lesben und Schwulen in der Union tun, erregt sich die Gruppe lieber über "linksgrüne Queeriban" und "Berufsfunktionäre" wie den LSVD.
2. Auch Grüne liebäugeln mit Homophobie
Eines vorweg: Die Grünen sind nach wie vor die LGBTI-freundlichste Partei. Weder Linke, SPD oder FDP, geschweige denn die Union, haben so viel für die Gleichstellung getan wie die Ökopartei. Gleichzeitig gibt es in der Partei aber offenbar ernsthafte Versuche, sich schick zu machen für die CDU – und dabei nicht mehr ganz so viel Wert auf die Gleichstellungspolitik zu legen.
Einen Versuchsballon startete Winfried Kretschmann, der mehr Politik für Heterosexuelle und mehr Toleranz für Homohasser forderte. Der Tübinger OB Boris Palmer, einer der Stars der Südwest-Grünen, sprang seinem Landesvater bei und warf Kritikern "überspannte Aggression gegenüber der Mehrheitsgesellschaft" vor, was auch bei QueerGrün scharfe Kritik auslöste. Dass der NRW-Landesverband gleichzeitig Volker Beck, den Star der grünen Queer-Politik, kaltherzig abservierte, passt ins Bild.
Natürlich ist es verständlich, dass eine mittelgroße Partei in Koalitionsverhandlungen kompromissbereit sein muss. Aber schon im Vorfeld die Segel zu streichen, wie Kretschmann und Palmer es zu fordern scheinen, ist prinzipienlos und dumm.
3. Orlando-Anschlag
Das Blutbad im LGBT-Club "Pulse" in Orlando schockierte die Community weltweit: Der Attentäter Omar Mateen tötete 49 Menschen und verletzte 53 weitere Personen, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Der Anschlag war damit die blutigste einzelne Gewalttat gegen Homosexuelle. In aller Welt kam es zu Gedenkveranstaltungen, auch in Berlin. Beschämend war aber, dass Kanzlerin Angela Merkel anders als andere westliche Regierungschefs vier Tage brauchte, um sich zu dem Vorfall zu äußern und vor Homo-Hass zu warnen.

Hillary Clinton besuchte nach den Anschlagsort
Obwohl Mateen sich offenbar selbst über das Internet radikalisiert hatte, brüstete sich der "Islamische Staat" in seinem Propaganda-Magazin "Dabiq" mit der Tat des "Gotteskämpfers" und bekräftigte den Kampf gegen "Sodomiten". In den von ihm besetzten Gebieten ließ er auch 2016 Dutzende Männer wegen mutmaßlicher Homosexualität hinrichten.
4. Alberner Widerstand gegen die Regenbogenflagge
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat offenbar panische Angst vor den Regenbogenflagge. Mit Händen und Füßen wehrt sich der Minister dagegen, dass das Banner an Bundesbehörden gezeigt wird. In dieser Frage zeigten die SPD-Minister in diesem Sommer aber Rückgrat und ignorieren das Verbot de Maizières einfach. Wenn die SPD beim Thema "Ehe für alle" ähnlich agieren würde, müssten wir nicht immer noch darauf warten. Ähnlichen Streit um die Flagge gab es landauf, ausgerechnet bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurde die Frage zur Posse.
5. CSU knickt vor Homo-Hassern ein
Eigentlich könnte man ja über die Eiferer der "Demo für alle" lachen, da sie auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Dass sie aber immer noch Einfluss bis in die Zentralen der Macht haben, macht schon Angst. So konnten sie 2016 die Schulpolitik mit beeinflussen. Die Machtdemonstrationen der LGBTI-Gegner begann, nachdem die bayerische Staatsregierung im Frühjahr angekündigt hatte, Schüler künftig auch über LGBTI aufklären zu wollen. Im Herbst erhielten die Homo-Hasser um Hedwig von Beverfoerde und Birgit Kelle dann eine Audienz beim Kultusminister. Und kurze später erfüllte der CSU-Politiker deren Wunsch und strich das Wort "Akzeptanz" aus den Richtlinien – die Partei hatte sich zuvor in ihrem neuen Programm gegen "Frühsexualisierung" und "Gender-Ideologie" ausgesprochen. Die "Demo für alle" beflügelt nicht nur die AfD.
Es geht allerdings auch anders in der Union: In Hessen, wo die CDU gemeinsam mit den Grünen regiert, erklärten die Christdemokraten trotz des Drucks der "Demo für alle" , dass homo- und transsexuelle Schüler nicht nur Toleranz, sondern Akzeptanz verdienten.
6. Guido Westerwelle gestorben
Er war der erste offen schwule Bundesminister in Deutschland: Guido Westerwelle ist im März im Alter von nur 54 Jahren an Leukämie gestorben. Der in Bad Honnef geborene Politiker war schnell aufgestiegen: 1994 wurde er FDP-Generalsekretär, 2001 Parteichef und schließlich nach einem Wahlsieg 2009 Außenminister. Seine Homosexualität war zunächst ein offenes Geheimnis – seit 2004 wagte er aber ein vorsichtiges Coming-out und setzte sich auch im Außenamt für LGBTI-Rechte weltweit ein.

Bild: Westerwelle Foundation
7. Viele Idole sind verstorben
2016 war ein Jahr, in dem viele Liebllinge und Vorbilder von uns gegangen sind. Zu den Szenegrößen, die in diesem Jahr gestorben sind, gehören George Michael, Prince, Pete Burns, Alexis Arquette, Denis Reed, David Bowie und zuletzt Schwulenikone Debbie Reynolds.
8. Homophobie in der katholischen Kirche
Ja, es wird langsam langweilig für ein queeres Portal, immer wieder über Homophobie in der katholischen Kirche berichten zu müssen. Aber angesichts der Haltung von Mainstream-Medien, die Papst Franziskus oft als großen Öffner der Kirche bezeichnen, müssen wir darauf hinweisen, dass unter ihm so gut wie nichts besser geworden ist. Neben dem anhaltenden Verbot homosexueller Priester kam es 2016 wie jedes Jahr zu homophoben Ausbrüchen von ranghohen Katholiken, die innerkirchlich meist unwidersprochen blieben. Da wird die homosexuelle Liebe schon mal als "pervers" bezeichnet oder vor einem stalinistischen "Homo-Reich"gewarnt. Papst Franziskus persönlich heizt die Atmosphäre an: Der Pontifex spricht etwa von einem "Weltkrieg" gegen die Hetero-Ehe oder attestiert, dass Homosexualität "kein Grund zum Jubeln" sei. Immerhin gab es einige kleine positive Entwicklungen, darunter den Besuch von queeren Flüchtlingen durch den Berliner Erzbischof Heiner Koch.
9. Gefahr durch Trump
Die Wahl von Donald Trump schockierte viele in der Szene: In den USA könnte der neue Präsident Errungenschaften der Obama-Regierung wieder rückgängig machen – international wird mit großer Wahrscheinlichkeit der vorbildliche Einsatz der USA für LGBTI-Rechte aufhören. Nun droht ein Rückschlag in längst überwunden gedachte Zeiten eines George W. Bush. Zwar gilt Trump als notorisch unberechenbar und könnte uns positiv überraschen. Wenn man aber das Grusel-Kabinett des Milliardärs anschaut, schwinden die Hoffnungen.

Donald Trump zeigte sich während des Wahlkampfes mit der Regenbogenfahne
10. Die Homophobie von Fürst Hans-Adam II.
Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein findet, dass es "verantwortungslos" sei, dem Homosexuellen an sich "irgendwelche Knaben" zum Adoptieren zu geben. Diese Aussage rüttelt an der Überzeugung vieler aus Mitteleuropa, dass wir mit der Überwindung von Vorurteilen weiter gekommen sind. Dass Anfang des Jahres gerade wieder ein mitteleuropäischer Monarch die bösartige Legende hervorbringt, dass alle Schwulen eine Gefahr für kleine Kinder seien, zeigt, wie viel noch zu tun ist.
Mehr zum Thema:
» Höhepunkte des Jahres 2016 (29.12.2016)















8. Homophobie in der katholischen Kirche
Ja, es wird langsam langweilig für ein queeres Portal wie queer.de, immer wieder über Homophobie in der katholischen Kirche berichten zu müssen. Aber angesichts der Haltung von Mainstream-Medien, die Papst Franziskus oft als großen Öffner der Kirche bezeichnen, müssen wir darauf hinweisen, dass unter ihm so gut wie nichts besser geworden ist.
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Genau das ist der Punkt.
Viele Menschen halten den neuen Papst für den großen Reformator und Erneuerer. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall.
Herr Bergoglio geht nur taktisch raffinierter vor als seine Vorgänger.
Dort, wo Homohass nicht gut ankommt, frisst er gerne Kreide. Aber wo das nicht nötig ist, zieht er dann so richtig vom Leder. Und auch bevor er Papst wurde, hat er munter gegen Gleichstellung gehetzt.