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Ab Donnerstag im Kino
Ein Sommer zwischen Mord und schwuler Liebe
Jules Herrmanns ebenso irritierendes wie faszinierendes Kinodebüt "Liebmann" ist eine Mischung aus Sozialdrama, queerem Liebesfilm, Thriller und Kunstperformance.

Der mysteriöse Deutsche Antek Liebmann (Godehard Giese) zieht in einen kleinen Ort in Nordfrankreich und beginnt dort eine Liebschaft mit enem Mann (Bild: missingFILMs)
- 24. Januar 2017, 04:41h 3 Min.
Was den Deutschen Antek Liebmann aus seiner Heimat in ein kleines französisches Kaff geführt hat, bleibt lange rätselhaft. Dem Vermieter seines kleinen Apartments sagt er zwar, er wolle Ferien machen, aber der schweigsame Lehrer scheint doch mehr vor seiner Vergangenheit flüchten zu wollen als bloß den warmen Sommer zu genießen.
An eine Rückkehr denkt Liebmann jedenfalls nicht: Er nimmt eine Aushilfsstelle in einer Trödelhalle an und wird rasch Teil der Nachbarschaft. Besonders die alleinerziehende Genèvieve fühlt sich von dem mysteriösen Deutschen angezogen. Der scheint von den Avancen seiner Verehrerin zwar angetan, aber flirtet doch zugleich ausgiebig mit Sébastien, einem Kunden.
Liebmanns Verhalten wirkt undurchschaubar, genau wie seine nächtlichen Besuche im Wald, wo ein Mörder sein Unwesen treiben soll. Erst als unerwarteter Besuch aus Deutschland vor Liebmanns Tür auftaucht, beginnt sich der Schleier, der seine Existenz umgibt, langsam zu lüften.
Stimmiges Porträt einer zerrütteten Seele

Poster zum Film: "Liebmann" startet am 26. Januar 2017 im Kino
Im Prolog zu "Liebmann" wird die anschließende Handlung mit dem Gefieder eines Pfaus verglichen. Denn, so erklärt eine Stimme aus dem Off, so unterschiedlich die Federn des Vogels in Farbe und Textur seien, dass man sich kaum vorstellen könne, sie stammen alle von ein und demselben Tier, so vielfältig schimmere auch die erzählte Geschichte.
Das ist eine durŕchaus passend gewählte Analogie, denn Jules Herrmans Spielfilmdebüt schwankt munter zwischen Stilen und Genres. Dazu mag auch beigetragen haben, dass das Drama anhand einer knappen Drehbuchskizze improvisiert wurde und die Filmemacher sich so viele Freiheiten nehmen konnten.
Dieser künstlerische Ansatz, der mehr Wert auf eine dichte Atmosphäre als einen konsequent entwickelten Plot legt, zahlt sich durchaus aus. Während Herrmann sich als Regisseur austoben kann, darf sich das Publikum auf einige Überraschungen gefasst machen. Diese sind dabei allerdings weniger inhaltlicher Natur: Denn auch wenn das Rätsel um den Protagonisten gelöst wird, macht diese Enthüllung doch nicht den Reiz von "Liebmann" aus. Es ist vielmehr die Möglichkeit, sich im Nebeneinander von Einfällen treiben zu lassen, die den Film sehenswert macht.
Dass Herrmanns Erstling nicht in seine Einzelteile zerfällt, ist dabei in erster Linie dem großartigen Hauptdarsteller Godehard Giese zu verdanken. Der Schauspieler bleibt stets das ebenso greifbare wie glaubwürdige Zentrum dieses neugierig in alle Richtungen ausströmenden Films. Ob Sozialdrama, schwuler Liebesfilm, Thriller oder Kunstperformance – all diese unterschiedlichen Tonarten finden in dem von Giese stoisch gespielten Liebmann letztlich auf stimmige Weise zusammen und überzeugen als ebenso irritierendes wie faszinierendes Porträt einer zerrütteten Seele.
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Liebmann. Drama. Deutschand 2016. Regie: Jules Herrmann. Darsteller: Godehard Giese, Adeline Moreau, Fabien Ara, Bettina Grahs, Alain Denizart, Denise Lecocq, Morgane Delamotte. Sprache: deutsch-französische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. Laufzeit: 82 Minuten. FSK 6. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 26. Januar 2017
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