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Umfassende Sofortmaßnahmen vorgestellt

Philadelphia geht gegen Rassismus in der queeren Szene vor

Diskriminierung von Nicht-Weißen, Frauen und Transpersonen sei im Gayborhood seit Jahrzehnten ein Problem, beklagt eine Untersuchung der Stadt.


Das Gayborhood, das Szeneviertel Philadelphias, braucht Nachhilfe in der Vielfalt, die seine Regenbogen­farben zu repräsentieren scheinen, meint die Stadt

  • Von Norbert Blech
    24. Januar 2017, 11:19h 10 5 Min.

Die Szene gilt für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen nicht nur als Möglichkeit, Personen kennenzulernen, sondern auch als sicherer Rückzugsort, in dem jeder offen seine sexuelle Orientierung oder Identität ausleben kann. Auch deswegen waren Menschen weltweit erschüttert über den Anschlag auf das "Pulse" im letzten Jahr.

Doch ist die Szene wirklich ein sicherer, akzeptierender Rückzugsort für jeden? Der demokratische Bürgermeister von Philadelphia, Jim Kenney, hat am Montag eine Untersuchung über Rassismus und Diskriminierung im "Gayborhood" vorgestellt – samt einem Maßnahmenpaket, das die Einrichtungen des Viertels in die Pflicht nimmt.

"Das Gayborhood ist ein Gebiet, das Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und öffentliche Einrichtungen verbindet. Auch wenn die Erwartung ist, dass es sich dabei um einen 'sicheren Ort' für alle LGBTQ-Menschen handelt, erfahren viele People of Color, Frauen und Transpersonen Rassismus, Vorurteile und Diskriminierung in diesen Orten", heißt es in dem Bericht, der von der städtischen Kommission für Diskriminierungsfragen erstellt wurde.

Beschwerden seit über 30 Jahren


Bereits der Titel des Kommissionsberichts verlangt eine Durchsetzung von Maßnahmen gegen Diskriminierung

Das Gayborhood war als queeres Viertel im Laufe von Jahrzehnten durch Zuzug von LGBTI aus dem ganzen Land im Viertel Washington West der Innenstadt von Philadelphia entstanden, analog zu Greenwich Village in New York, Dupont Circle in Washington, Castro in San Francisco oder West Hollywood. 2007 erkannte die Stadt die Bedeutung des Viertels an, in dem sie 36 Straßenschilder mit einem Regenbogen versah, inzwischen sind es um die 70 Schilder.

Wie die städtische Kommission berichtet, hatten mehrere LGBTI-Gruppen der Stadt bereits 1986 einen kritischen Bericht über die Behandlung von nicht-weißen Gästen und Mitarbeitern des Viertels verfasst, dessen Empfehlungen aber offenbar auf taube Ohren stießen. Fast 30 Jahre später, im Mai 2015, verfasste ein Journalist einen Artikel über die anhaltende Diskriminierung von People of Color in der Szene. Wenig später berichteten mehrere schwarze Männer, ihnen sei unabhängig voneinander Einlass in die Bar "Woody's" und den Club "ICandy" verwehrt worden, was zu Debatten in sozialen Netzwerken führte.

Die Gruppen Philadelphia Black Pride und Black and Brown Workers Collective führten Befragungen ihrer Mitglieder durch und veranstalteten erste Proteste vor Unternehmen. Das Fass zum Überlaufen – und nationale Schlagzeilen – brachte dann im letzten September ein neu aufgetauchtes drei Jahre altes Video, in dem sich der Besitzer des Clubs "ICandy" über farbige Besucher ausließ und dabei das N-Wort nutzte. Seine öffentliche Entschuldigung und ein Bekenntnis, nicht rassistisch zu sein, konnte Protestaufrufe und weitere Anspannungen in der Szene nicht verhindern.

Die städtische Kommission für Diskriminierungsfragen erhielt zugleich etliche Beschwerden aus der Community und beschloss, im Oktober eine öffentliche Anhörung abzuhalten, an der fast 400 Menschen teilnahmen – darunter die Besitzer von elf Szeneeinrichtungen, die zur Aussage vorgeladen wurden.

Vernichtender Bericht

"Die meisten Gayborhood-Unternehmen werden betrieben von weißen Cisgender-Männern, die Umgebungen bevorzugt für weiße Cisgender-Männer schaffen", fasst der Bericht (PDF) nun zusammen. Das führe zu Diskriminierung und Ausgrenzung. "Farbige Transfrauen sind besonders anfällig für Diskriminierung, Belästigung und körperliche Gewalt."

Der Bericht hält fest, dass willkürliche Türsteherpraktiken, die formal mit Fragen wie Dresscode oder Ausweisen begründet würden, ein "Klima des Nichtwillkommenseins" geschaffen hätten. Viele People of Color, Frauen und Transpersonen hätten von Problemen am Einlass berichtet. "Auch wenn diese Beschwerden nie formell untersucht worden, verleiht ihnen ihre schiere Anzahl Glaubwürdigkeit."

Nur eine der elf Einrichtungen habe ein Handbuch zur Frage des Dresscode vorzeigen können, berichtet die Kommission. "In Abwesenheit schriftlicher Richtlinien gilt das Ermessen der Mitarbeiter, was zu Ungleichbehandlungen führen kann." Entsprechende Probleme zeigten sich auch in der Einstellungspraxis von Szeneunternehmen und gar Organisationen wie dem Mazzoni Center und "Philadelphia FIGHT".

Viele Organisationen zeigten nur geringfügige Vielfalt in ihren Leitungsebenen und Vorständen, beklagt der Report weiter. Mitarbeiter der Gruppen und Organisationen, die Diskriminierung oder eine Fehlbehandlung erfuhren, seien zu eingeschüchtert gewesen, ihre Beschwerden öffentlich zu machen.

Zwar hätten Gruppen und Aktivisten immer wieder auf Mängel hingewiesen und Gegenstrategien entwickelt, die aber nie gänzlich implementiert worden seien, so der Bericht. Die Kommission halte daher einen klar definierten Erzwingungsplan für erforderlich.

Stadt greift hart durch


Philadelphias Bürgermeister Kenney hatte bereits im letzten Herbst Berichte über Rassismus in der Szene verurteilt (Bild: Philadelphia City Council / flickr)

Rassismus und Diskriminierung in der Szene seien vielleicht nicht mehr so fühlbar wie früher, sagte Bürgermeister Kenney am Montag, aber immer noch vorhanden. "Wir müssen als Verwaltung alles tun, um dagegen vorzugehen." Er hat die zahlreichen Empfehlungen der Kommission als Anweisungen aufgenommen.

Einrichtungen der Szene müssen innerhalb von 30 Tagen ihre klar definierte und nicht diskriminierende Tür- und Einstellungspolitik sowie städtische Anti­diskriminierungsregelungen aushängen. Leitung, Vorstand und Mitarbeitschaft der kommerziellen wie nicht-kommerziellen Einrichtungen müssen innerhalb von drei Monaten an Diversity-Trainings teilnehmen. Zudem wurde die Kommission beauftragt, die Unternehmen heimlich zu testen sowie Beschwerden ausführlich zu prüfen. Wer Richtlinien weiter verletzt, dem drohen Strafzahlungen oder der Verlust städtischer Fördermittel.

"In jeder Bewegung startet Veränderung in der Community selbst", sagte Rue Landau, die Direktorin der Kommission, zu Vertretern der Minderheiten innerhalb der Minderheit. "Wir wollen, dass ihr wisst: Wir haben euch gehört und die Zeit für Wandel ist gekommen."

Auch in Deutschland gibt es immer wieder Diskussionen über Diskriminierung in der Szene. So berichteten queere Flüchtlinge mehrfach, von Bars in der Kölner Schaafenstraße abgewiesen worden zu sein.

-w-

#1 PatroklosEhemaliges Profil
  • 24.01.2017, 12:22h
  • Gayborhood = für mich das Wort des Jahres!
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#2 olfwobAnonym
  • 24.01.2017, 12:39h
  • Ich werde wohl nie verstehen, wie es sein kann, dass Leute - die selber einer Minderheit angehören - anderen Minderheiten nicht die Akzeptanz entgegenbringen die sie für sich selbst verlangen.
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#3 JustusAnonym
  • 24.01.2017, 12:53h
  • "Diskriminierung von Nicht-Weißen, Frauen und Transpersonen sei im Gayborhood seit Jahrzehnten ein Problem"

    Das ist leider nicht nur in Philadelphia ein Problem, sondern auch hierzulande.

    Ich weiß nicht warum, aber unter LGBTI gibt es extreme Gruppenbildung und regelrechte Feindschaften zu anderen Gruppen.

    Da muss man als Schwuler gar nicht erst auf Lesben, Transmenschen, Schwule mit anderer Hautfarbe, o.ä. gucken. Es genügt schon, dass man zu "tuckig" ist oder optisch nicht dem Schönheitsideal entspricht (zu dick, zu wenig Haare, zu kleiner Schwanz oder was auch immer) und schon steht man außerhalb und ist Opfer von Lästerei und Mobbing, das Homohasser nicht besser hinkriegen würden.

    Es muss ja nicht jeder Schwule mit jedem anderen Schwulen ins Bett wollen, aber kann man nicht dennoch Kumpel sein? Und gemeinsam für unsere Sache kämpfen?

    Wie sollen andere uns akzeptieren, wenn wir uns nicht mal untereinander akzeptieren?

    Solange wir uns gegenseitig bekämpfen, statt GEMEINSAM gegen die GEMEINSAMEN Feinde zu kämpfen, wird das nie was mit Gleichstellung. Die Homohasser lachen sich derweil ins Fäustchen, weil wir deren Arbeit übernehmen und nur mit halber Kraft kämpfen können.
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