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Griechenland

Tanzen gegen die alltägliche Ausgrenzung

Wenn LGBTI-Geflüchtete in Europa ankommen, hoffen sie auf ein besseres Leben – doch in Griechenland ist es für sie weiterhin gefährlich. Eine Reportage von Markus Kowalski.


Eine eigene Dragshow von LGBTI-Flüchtlingen in Athen. Getanzt wird zu arabischer Musik (Bild: Sophia Zachariadi)
  • 26. Januar 2017, 07:40h 36 4 Min.

Einige recken die Arme in die Höhe und klatschen, als arabische Musik ertönt. Dicht gedrängt stehen rund hundert Leute, sie schauen auf rote und schwarze Kleider, silberne Ohrringe, schwarze Pailletten. Alles glitzert bei der Dragshow, die eine ganz besondere ist. Denn es sind junge Geflüchtete, die sich an diesem Abend verkleidet haben. Sie strahlen über das ganze Gesicht, als die Menge in der Mitte einen Kreis öffnet, um sie tanzen zu sehen.

"Wir brauchen solche Veranstaltungen, damit wir unter Leute kommen", sagt Samer Better (36) nach der Party. Denn normalerweise sind sie nur unter sich. "LGBTQI+ Refugees in Greece" heißt die Gruppe, in der sich junge Flüchtlinge seit einigen Monaten selbst organisieren, die meisten von ihnen sind schwul.

An einem kalten Januarabend treffen sie sich im Zimmer von Georg (22, Name geändert). Auf den vier Betten, die im Raum stehen, sitzen sechs junge Männer, dazu Sophia Zachariadi, eine griechische Aktivistin und Gründerin der Initiative. Gesüßter Schwarztee steht auf einem weißen Plastik-Stuhl in der Mitte, ein kleiner Elektro-Heizkörper spendet Wärme. Hier kommen sie regelmäßig zusammen, um gemeinsam zu kochen oder einfach Zeit miteinander zu verbringen.

Von den anderen Flüchtlingen ausgegrenzt


Bild: Sophia Zachariadi

LGBTI-Flüchtlinge leben in Griechenland in einer prekären Lage. Sie sind doppelt stigmatisiert, als Ausländer und als Nicht-Heterosexuelle. Durch ihr auffälliges Äußeres werden sie auf der Straße oft angestarrt, bedrängt und belästigt. "Gestern wollten wir auf dem Wochenmarkt Fleisch kaufen", erzählt Elliott Glitterz (30). "Da hat jemand direkt vor meine Füße gespuckt, wahrscheinlich wegen meinen blond gefärbten Haaren."

Wegen dieser alltäglichen Ausgrenzung bleiben viele Flüchtlinge normalerweise unter sich. Doch die Gruppe der LGBTI gehört dann nicht dazu. Insbesondere schwule Flüchtlinge aus Syrien werden von den anderen Syrern nicht akzeptiert. Deswegen bilden sie ihre eigene, ganz kleine Gruppe. "Wir unterstützen uns, wo es nur geht", sagt Better.

Sie teilen ein gemeinsames Schicksal: In ihrem Heimatland haben sie es nicht länger ausgehalten. "Ich wollte schon vor Beginn des Bürgerkriegs aus Syrien flüchten", erzählt Better. "Denn dort ist es ein Tabu, homosexuell zu sein." Wenn das herausgekommen wäre, würden sich meine Eltern dafür schämen, einen schwulen Sohn zu haben. "Ich will nicht mehr nach Syrien zurück. Ich habe in der Innenstadt von Aleppo gewohnt und war dort in ernsthafter Gefahr." Der Krieg sei eine gute Ausrede gewesen, um seiner Familie nicht sagen zu müssen, aus welche Grund er tatsächlich floh.

Es kommt immer wieder zu Überfällen

"Es gibt keinen sicheren Ort für LGBTQI+ Flüchtlinge im Nahen Osten", heißt es in der Erklärung der Gruppe. "Wir hatten gehofft, dass Europa anders sein würde. Wir haben uns getäuscht." Besonders in den vielen Flüchtlingslagern in Griechenland ist die Lage gefährlich. Zwar werden die Lager von den Behörden verwaltet, von Organisationen versorgt und von der Polizei abgeschirmt. Doch oft werden LGBTI von anderen Flüchtlingen diskriminiert und haben so keinen Schutzraum im Lager. Viele Asylbeamte sind nicht für die besondere Situation sensibilisiert.

Und wenn die Geflüchteten in normalen Wohnungen leben, sind sie im Athener Stadtleben ständig potentiell gefährdet. "Vor einigen Monaten kam es zu einem Überfall in einer Metro-Station", erzählt Allah S. (25). "Ich war mit meinem Freund unterwegs. Er ging alleine nach Hause, als er von mehreren Männern verfolgt und dann zusammengeschlagen wurde." Hassverbrechen werden von der griechischen Polizei nicht gesondert behandelt. Stattdessen kommt es auf Seiten der Polizisten selbst immer wieder zu diskriminierenden Übergriffen.

Integration ist selbst bei den Partys schwer


Bild: Sophia Zachariadi

Um der Isolation zu entkommen, organisieren sie Partys in Athen, um dort mit Griechinnen und Griechen in Kontakt zu kommen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn die Mehrheit der Flüchtlinge aus Syrien spricht nicht ausreichend Englisch, um auf einer solchen Feier dann mit anderen Leuten sprechen zu können.

Und auch die Integration in das Leben vor Ort ist nicht einfach. "Jetzt gibt es hier zwar genug Hilfsprogramme, sodass die Flüchtlinge erstmal eine Unterkunft bekommen", sagt Zachariadi. "Doch um hier arbeiten zu können, muss man Griechisch können. Und seit der Finanzkrise gibt es sowieso keine Jobs." Deswegen wollen viele von ihnen in anderen EU-Staaten leben. Doch im Relocation-Programm können sie sich das Zielland nicht aussuchen. Im schlimmsten Fall werden sie nach Rumänien geschickt, wo es um die Homosexuellenrechte kaum besser steht. So passierte es Glitterz, der daraufhin seinen Antrag zurückzog. "Da bleibe ich lieber hier in Griechenland."

Weil ihnen staatliche Stellen wenig dabei helfen, ihr Leben im Alltag zu bewältigen, muss sich die Gruppe vorerst selbst helfen. Die Aktivistin Zachariadi hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Mit dem Geld will sie mit den Geflüchteten öfter in der Stadt ausgehen, Museen besuchen oder das gemeinsame Essen einkaufen.

Ihre nächste Veranstaltung hat die Gruppe bereits für Anfang Februar geplant. "Am Freitagabend kochen wir zusammen syrische Gerichte", sagt Samer, "und am Samstagabend machen wir wieder eine Party."

-w-

#1 MarekAnonym
  • 26.01.2017, 11:30h
  • "Von den anderen Flüchtlingen ausgegrenzt"

    Das werde ich niemals kapieren...

    Die sitzen alle in einem Boot. Die heterosexuellen Flüchtlinge irren ganz gewaltig, wenn sie meinen, sie stünden über LGBTI-Flüchtlingen.
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#2 LinusAnonym
  • 26.01.2017, 12:01h
  • Antwort auf #1 von Marek
  • Wobei das ja auch durchaus gefördert wird:
    es kommt ja immer wieder in Flüchtlings-Heimen zu Übergriffen gegen LGBTI.

    Aber dann müssen jedes mal die Opfer gehen, statt dass die Täter gehen müssen.

    Somit signalisiert man den Tätern, dass ihr Verhalten nicht nur geduldet, sondern sogar gewünscht ist: sobald sie einen LGBTI enttarnen, wird der entfernt.

    So konditioniert man die darauf, in Zukunft genauso weiterzumachen.
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#3 Julian SAnonym
  • 26.01.2017, 12:33h
  • Antwort auf #2 von Linus
  • Mir ist jeder Mensch, der hier leben möchte, herzlich willkommen.

    Aber dann kann und muss man umgekehrt auch die Achtung einiger Regeln und die Respektierung gewisser Werte erwarten können.

    Dazu gehört u.a. die Akzeptanz von:

    - der freiheitlich-demokratischen Grundordnung

    - der Gesetze und Grundrechte

    - der Stellung der Religion, die nicht über dem Gesetz steht

    - der Gleichheit der Frau

    - der Gleichheit der Juden

    - der Gleichheit der GLBTI

    - etc.

    Wer das nicht akzeptieren will, ist in Deutschland fehl am Platz. Punkt.

    Wir können nicht Menschen (und auch der Mehrheit der friedlichen Migranten) massivsten Schaden zufügen, nur weil einige Leute diese Regeln und Werte nicht akzeptieren wollen und meinen, hier einen Gottesstaat oder was auch immer errichten zu müssen...

    Oder wie sagte mal der (muslimische) Bürgermeister von Rotterdam:
    "Wer unsere Regeln und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht akzeptiert, dem helfe ich persönlich beim Kofferpacken."
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