https://queer.de/?28129
Fachtag in Bochum
"Wir gewinnen, wenn wir uns mit Rassismus auseinandersetzen"
Rund 140 Menschen diskutierten am vergangenen Wochenende unter dem Motto "Eine Community für alle?!" über Ausgrenzung in den queeren Szenen.

Saideh Saadat-Lendle vom Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin (LesMigraS) forderte eine Auseinandersetzung mit Mehrfachdiskriminierung in der LGBTI-Community (Bild: Javid Nabiyev / Queer Refugees for Pride)
- 1. Februar 2017, 13:29h 3 Min.
Am 28. Januar fand in Bochum der Fachtag "Eine Community für alle?! – Rassismus-Erfahrungen und LSBTIQ*" statt. Rund 140 Menschen trafen sich im Kulturzentrum Bahnhof Langendreer und sprachen über die unsichere Situation geflüchteter queerer Menschen, rassistische Ausgrenzungen innerhalb der Szene sowie über die Gefahren des Rechtspopulismus der AfD und mögliche Gegenstrategien. Zu den Veranstaltern gehörten u.a. die Akzeptanz-Kampagne "anders und gleich – Nur Respekt Wirkt", die Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben, Schwule & Trans* in NRW und die Fachstelle Queere Jugend NRW.
Der Fachtag stand unter dem Stern der kritischen Selbstreflexion. "Die Mehrheit unserer Community leidet unter Mehrfachdiskriminierung aufgrund von Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Trans*feindlichkeit, Armut, Behinderung und weiteren Aspekten. Wir werden viel gewinnen, wenn wir uns damit auseinandersetzen", fasste Referentin Saideh Saadat-Lendle vom Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin (LesMigraS) ein Ergebnis des Tages treffend zusammen. "Unsere Community hat emanzipatorische Ansprüche, deswegen wird es uns gut tun, dem auch tatsächlich gerecht zu werden. Es ist an der Zeit, sich als queere Community ernsthaft damit auseinanderzusetzen, nicht nur in Worten, sondern tatsächlich Strategien gegen Mehrfachdiskriminierung zu entwickeln und umzusetzen."
LGBTI-Geflüchtete erfahren vielfach Gewalt
Besonders bewegend war der Vortrag von Dzevad Burdalic von der Gruppe "Queer Refugee Support Bielefeld". Er berichtete über die Situation von schwulen, lesbischen und transgeschlechtlichen Geflüchteten in NRW. Sie erfahren vielfach Gewalt, während die zuständigen Strukturen wie Sozialarbeiter, Unterkunftsleitungen und Polizei allzu oft ihrem Schutzauftrag nicht nachkämen oder selbst rassistisch agierten. Die dringende Notwendigkeit von weiteren Aufklärungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen für diese Stellen wurde dadurch mehr als deutlich.
Gema Rodriguez Diaz von der Integrationsagentur im rubicon Köln sprach über Ausgrenzung und Feindlichkeit innerhalb der queeren Szenen: "Migrant_innen und Geflüchtete versuchen, Teil der vornehmlich weißen, deutschen Community zu werden, aber sie machen immer wieder mit Rassismus-Erfahrungen." Diese Ausschlüsse führten dazu, dass sich parallele Welten bildeten, wo durch Öffnung und Partizipation ein Miteinander möglich wäre.
Rechtspopulisten spielen Gruppen gegeneinander aus
Wie aus einer parallelen Welt wirkt auch die Sympathie mancher LGBTI für die AfD, von der Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung berichtete: "Der Rechtspopulismus mobilisiert die Community mit Rassismus. Er versucht, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen und beschädigt damit die Grundrechte und Gleichwertigkeit in Deutschland." Als Gegenstrategie schlug Simone Rafael die sachliche Argumentation vor, da sich die rechten Gruppen und Parteien, die LGBTI instrumentalisieren wollten, eben auch gegen deren Rechte einsetzten.

Als Strategie gegen Rechtspopulisten schlug Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung eine sachliche Auseinandersetzung vor (Bild: Javid Nabiyev / Queer Refugees for Pride)
Hintergrund des Fachtags waren die oft sehr populistisch, unsachlich und auch uninformiert geführten Diskussionen über Flucht, Einwanderung und Rassismus in den Medien und den sozialen Netzwerken. "Wir wollten dem etwas entgegensetzen, eine Veranstaltung, in der offen diskutiert wird und vor allem den von Rassismus Betroffenen Gehör geschenkt wird", erklärten die Veranstalter.
"Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so interessiert und konzentriert waren die Teilnehmenden des Fachtags", zogen sie eine positive Bilanz. "Die respektvolle Atmosphäre während der Beiträge und Diskussionen ließ eine konstruktive Auseinandersetzung mit Rassismus und Gegenstrategien zu – darüber sind wir sehr glücklich." Nun sei es an der Zeit, das Gelernte in den eigenen Netzwerken und Zusammenhängen umzusetzen, um weiter aktiv gegen die Spaltung und für ein solidarisches Miteinander zu arbeiten. (cw/pm)
Links zum Thema:
» Weitere Informationen zum Fachtag













