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"Gender-Gaga" im Landtag
CSU ließ sich von Birgit Kelle über "Gender" aufklären
Die Landtagsfraktion lobte danach die "engagierte und inspirierende Autorin".

Birgit Kelle bei einer "Demo für alle" in Stuttgart. "Ehe und Familie vor", hieß es auf dem von ihr mitgetragenen Banner, "Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder". (Bild: Norbert Blech)
- Von Norbert Blech
15. Februar 2017, 05:18h 4 Min.
Die homofeindliche Publizistin Birgit Kelle hat am Dienstag letzter Woche vor der CSU-Fraktion im Bayrischen Landtag einen Vortrag über Gender Mainstreaming gehalten. "Die engagierte und inspirierende Autorin" habe in einem "leidenschaftlichen Vortrag" vorgezeigt, "wie unter dem Schlagwort 'Gender' eine Politik betrieben wird, die Sprengkraft für unsere Gesellschaft in sich birgt", fasste die Partei den Auftritt danach auf Facebook zusammen.
Der Parlamentarische Geschäftsführer Josef Zellmeier habe eine "lebendige Diskussion über daraus resultierende Handlungsfelder" geleitet, heißt es weiter. Das lässt Schlimmes erahnen: Bereits im November hatte die CSU auf ihrem Landesparteitag ein neues Programm verabschiedet, das sich nicht nur gegen "Relativierungsversuche" der Ehe aus Mann und Frau richtet, sondern auch gegen eine "Gesellschafts- und Bildungspolitik, die Gender-Ideologie und Frühsexualisierung folgt" (queer.de berichtete).

Zur Vertiefung in die Anti-"Gender-Ideologie" verwies die CSU bei Facebook auch auf Artikel Kelles
Mit dem Kampfbegriff "Gender", oft gepaart mit "-Ideologie" oder "-"Wahn", belegen christliche Aktivisten und Politiker von konservativ bis ganz rechts so gut wie alle Aspekte einer modernen Gesellschaft: Fragen von Gleichstellung der Frau über LGBT-Rechte hin zu einer angemessenen Schulaufklärung über Homo- und Transsexualität sowie Sexualpädagogik, werden unter dem Begriff ebenso vermischt und bekämpft wie die jeweils sehr unterschiedlichen Verantwortlichen.
Kämpferin gegen die "Homo-Lobby"
Niemand verbindet dabei die ultraklerikale und die neurechte Szene so gut wie Kelle, die als CDU-Mitglied dennoch über gute Verbindungen in Massenmedien und in die Union hinein genießt: Sie schreibt in "Focus" und "Welt" ebenso wie in der "Jungen Freiheit", von der ihr ein Journalistenpreis überreicht wurde.
Die Politik ziehe gleichgeschlechtliche Paare "normalen Paaren" vor, behauptete die mehrfache Rednerin auf der homofeindlichen "Demo für alle" im "Presseclub"; in "Hart aber fair" sprach sie sich gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare aus. Im Buch "Gender-Gaga" beschwerte sie sich: "Nichts bringt die Gender-Szene mehr in Aufruhr als das Angebot, Menschen dabei zu helfen, beispielsweise ihre Homosexualität, also ihr Geschlecht, abzulegen, zu verändern, zu überdenken. Da werden aus Therapeuten dann böse 'Homoheiler'" (queer.de berichtete).
Im "Focus" kritisierte sie zum Bildungsplan in Baden-Württemberg, "dass der Schüler einen Transsexuellen jetzt ganz normal finden soll, obwohl dieser doch laut WHO auf der Liste der psychisch Kranken mit Geschlechtsidentitätsstörung steht". Der Bildungsplan, gegen den die "Demo für alle" wegen des vorgesehenen zeitgemäßen Umgangs mit LGBTI-Themen Front gemacht hatte, sei Beispiel der Ideologie des "Gender Mainstreaming", "die jetzt nach unseren Kindern greift" und "an der Verwirrung", der 'Entnaturalisierung' der Geschlechter arbeitet".

Kelle wurde im letzten Herbst zusammen mit weiteren Gegnern von LGBTI-Rechten von Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU, rechts) empfangen
Kelle, die mehrfach beklagte, von "Schreihälsen der Homo-Lobby" als homophob bezeichnet zu werden, schrieb in einer weiteren "Focus"-Kolumne: "Alle sind irgendwie 'queer' – das ist Gender für Fortgeschrittene. Wenn es so weitergeht, wird wohl in absehbarer Zeit in unseren Schulen das Wort 'Hetero' als Bezichtigung verwendet. Denn wer nicht wenigstens bisexuell ist, gerät angesichts der Gender-Offensive demnächst mit seinem traditionellen heterosexuellen Geschlechtstrieb unter Rechtfertigungsdruck" (queer.de berichtete).
Die CSU auf AfD-Kurs
Als auch Bayern seine Unterrichtspläne den modernen Zeiten und der Existenz von LGBTI anpassen wollte (queer.de berichtete), schrieb Birgit Kelle auch dagegen an – ihr Text bildete im letzten Sommer die Grundlage für eine Online-Petition der "Demo für alle" an Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle, die Pläne zu stoppen.
Genau in jenen Wochen trat Kelle zugleich mit einem Anti-"Gender"-Vortrag im Franz Josef Strauß-Haus auf, in einer Debatte mit der CSU-Bundestagsabgeordneten Katrin Albsteiger unter dem Titel "'Gender Mainstreaming' und seine Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft". Nach den Sommerferien empfing Spaenle dann "Demo für alle"-Organisatorin Hewdig von Beverfoerde und Birgit Kelle (queer.de berichtete) in seinem Ministerium, stellte die neuen Richtlinien zunächst auf Eis, um sie dann zu entschärfen: Statt mit Akzeptanz ist LGBTI nun etwa mit Respekt zu begegnen (queer.de berichtete).

Die CSU hat kürzlich den Wahlkampf begonnen und ließ sich dabei wohl auch von Kelle inspirieren
Im letzten Sommer hatte übrigens auch die AfD gegen die vermeintliche "Frühsexualisierung" durch die Pläne Spaenles Front gemacht. Darauf hat die CSU nicht nur mit ihrem neuen Programm reagiert, das solche Kampfbegriffe übernimmt, sondern auch mit einer beginnenden AfD-artigen Stimmungsmache in sozialen Netzwerken, etwa Anfang Januar gegen den "Genderwahn", der sich in Unisex-Toiletten zeige (queer.de berichtete). Und auch Kelles Gesprächspartnerin Albsteiger postete auf Facebook eine Grafik mit dem Spruch "Grün heißt: Den Gang zur Toilette regulieren, aber unsere Grenzen nicht".














