https://queer.de/?28253
Paragraf 175
Bundesdeutscher Staatsanwalt überführte Schwulen mit Gestapo-Akte
Der Zeitzeuge Wolfgang Lauinger berichtet in einem Video von einem skandalösen Verhör Anfang der Fünzigerjahre – und seiner mutigen Reaktion.

Wolfgang Lauinger ist der vermutlich letzte Überlebende der Frankfurter Homosexuellenprozesse (Bild: van-Tien Hoang)
- 19. Februar 2017, 02:39h 2 Min.
Wie wichtig es ist, Zeitzeugen der deutschen Schwulenverfolgung zu befragen und ihre Aussagen zu dokumentieren, zeigt ein kurzer Ausschnitt aus einem Video-Interview mit Wolfgang Lauinger. Der 1918 geborene Schwule gehörte zu Beginn der Fünfzigerjahre zu den über 200 Männern, die im Rahmen der Frankfurter Homosexuellenprozesse in der jungen Bundesrepublik wegen Verstoßes gegen den Paragraf 175 vor Gericht standen.
In dem Video erzählt Lauinger, wie er nach seiner Festnahme dem Staatsanwalt Fritz Thiede gegenüberstand. Der Jurist, der als ehemaliger Nationalsozialist bereits im Dritten Reich brutal gegen homosexuelle Männer vorgegangen war, gehörte zu den Hauptverantwortlichen der beispiellosen Verhaftungswelle.
Als Wolfgang Lauinger in dem Verhör schwule Kontakte abstritt, habe ihn Thiede überraschend mit seiner Gestapo-Akte konfrontiert – bereits im Nationalsozialismus war er als Homosexueller, sogenanntes Swingkid und "Halbjude" verfolgt worden. Als Reaktion bekam der homohassende Staatsanwalt von dem in Untersuchungshaft sitzenden Schwulen eine Backpfeife.
Das Interview mit Wolfgang Lauinger wurde bereits im August 2015 gedreht, damals gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe, dem Hamburg Pride und der Stiftung die schwelle. Es bildet die Grundlage für die abendfüllende Dokumentation "Das Ende des Schweigens", die der Dokumentarfilmer van-Tien Hoang über die Frankfurter Homosexuellenprozesse plant und über eine aktuelle Crowdfunding-Kampagne finanzieren will. (mize)
Das früher verlinkte Youtube-Video ist mittlerweile offline, da van-Tien Hoang die Nutzung untersagt wurde. Wolfgang Lauingers Agentin Bettina Leder legt Wert auf die Feststellung, dass es nicht zu einer Ohrfeige gekommen sei. Lauingers Äußerung sei "nicht ganz eindeutig" gewesen.
Mehr zum Thema:
» In zehn Monaten wurden über 200 Schwule verhaftet (10.02.2017)















Die Folgen sind bis heute spürbar.
Ein Beispiel ist auch der frühere NS-Richter Hans Filbinger, der Menschen in den Tod geschickt hatte, aber dennoch für die CDU von 1966 - 1978 Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und von 1973 - 1979 stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU.
Dieser Korpsgeist und die stramm rechte Gesinnung herrschen in weiten Teilen der Union bis heute.