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Tschetschenien

"Die Menschen verschwinden, sie werden getötet"

In einem Radio-Interview bestätigt der bekannte russische LGBTI-Aktivist Igor Koschetkow die Meldungen über die Verfolgungswelle gegenüber schwulen Männern.


LGBTI sind in Russland einiges gewohnt – das Bild stammt von einem kleinen Protest am Sonntag in St. Petersburg mit einer Regenbogen­flagge, die wie ihre Träger bei einem früheren Protest in der Stadt angegriffen wurde. Doch die Situation in Tschetschenien ist dramatischer, es fehlt an Bildern und an Stimmen.

Einen Tag nach der Meldung der russischen Zeitung "Novaya Gazeta", in der autonomen russischen Republik Tschetschenien hätten Sicherheitskräfte in den letzten Tagen eine Verfolgungswelle gegen Männer wegen angeblicher Homosexualität durchgeführt, bei der über 100 Personen verschleppt und mehrere getötet wurden (queer.de berichtete), hat der russische LGBTI-Aktivist Igor Koschetkow am Sonntag den Bericht in Grundzügen bestätigt.

Der Aktivist mit Sitz in St. Petersurg ist einer der Sprecher des russischen "LGBT Network", das inzwischen eine Hotline zur "Evakuierung" von Betroffenen aus der Region im Nordkaukasus eingerichtet hat. Die folgenden Zitate Koschetkows stammen aus einem Interview mit "Echo Kaukasus", einem aus Prag sendenden Kanal, der zu "Radio Free Europe" gehört.

Über die letzten zwei Wochen haben wir Informationen von diversen unabhängigen Quellen erhalten, dass es eine echte Kampagne (Feldzug) in Tschetschenien gibt, Menschen, die der Homosexualität verdächtigt werden, zu fassen und zu entführen. Und diese Menschen verschwinden, sie werden getötet.

Zunächst waren das nur Gerüchte und wir haben begonnen, ihnen nachzugehen, nach zusätzlichen Quellen zu schauen. Wir haben Menschenrechtsaktivisten befragt und Journalisten. Und jetzt kommen mit jedem Tag mehr Beweise, dass das alles wahr ist. Wir haben eine Hotline eingerichtet, auf der wir Nachrichten erhalten von den direkt Betroffenen oder ihren Angehörigen, und ich kann bestätigen, dass die Kampagne tatsächlich durchgeführt wird. Es handelt sich nicht um isolierte Taten, sondern um ein System. Die Menschen sind in Gefahr. (…) Was in der Zeitung stand, stimmt.

Für schwule Tschetschenen gab es nur das Internet


Koschetkow vor einigen Jahren in St. Petersburg bei einem Protest gegen das Gesetz gegen Homo-"Propaganda"

Koschetkow wollte in dem Interview nicht sagen, wieviele Leute aus der Region man berate, und auch in vielen weiteren Dingen nicht in Details gehen, um die Arbeit nicht zu gefährden. Man habe es mit Menschen zu tun, die Angst hätten und misstrauisch seien.

In Tschetschenien gibt es keine LGBT-Aktivisten. Es gibt da absolut keine Möglichkeit, offen seine Homosexualität auszudrücken. Es sind keine Aktivisten [die verfolgt werden], sondern einfach Menschen, die leiden und einem großen Risiko ausgesetzt sind.

Die "Novaya Gazeta" hatte berichtet, die Behörden hätten die Kontakte der schwulen Männer in sozialen Netzwerken ausgewertet. Die Radio-Journalistin Katerina Prokofiewa wollte daher von Koschetkow wissen, ob die homo­sexuellen Menschen es vor Ort wirklich wagen, soziale Netzwerke zu nutzen.

Sehen Sie, was sollen sie denn sonst tun? Menschen haben ein natürliches Bedürfnis nach Kommunikation. Sie kommunizieren, auch im Internet, und leider ist das nicht sicher. Wir wissen, dass viele, nachdem die Kampagne in Tschetschenien begonnen hat, die Netzwerke verlassen haben. Das ist zugleich eine zusätzliche Komplikation, weil es nun schwieriger ist, an sie heranzutreten, ihnen unsere Informationen zu geben und ihnen Unterstützung anzubieten. Aber es gibt weiter solche Gruppen, Orte, an denen sie kommunizieren.

Die Zeitung "Novaya Gazeta" hatte in ihrem Bericht den Moskauer CSD-Organisator Nikolai Alekesejew kritisiert, weil dieser mit plakativen Anmeldungen von LGBTI-Demonstrationen in der Region (wie seit Jahren in anderen Regionen Russlands) für Verstimmungen gesorgt habe – die Zeitung zitierte tschetschenische Sicherheitskreise, die die Morde als "präventive Säuberungen" bezeichneten.

Ich kann sagen, dass es diese Situationen, inklusive Ehrenmorde, in Tschetschenien schon immer gegeben hat. Aber das ist eine entschlossene Kampagne, und das ist etwas Neues. Ich kann nicht sagen, was der Auslöser für sie war. Ich kann aber natürlich sagen, dass die Schuldigen die tschetschenischen Behörden sind.

Gestern haben offizielle Vertreter der tschetschenischen Führung offen gesagt, dass die Ermordung Homo­sexueller normal sei in Bezug auf nationale Traditionen. Es ist klar, dass das nichts mit Traditionen zu tun hat, sondern mit diesen Menschen, die in ihren eigenen Worten damit bestätigen, dass sie verantwortlich dafür sind. Daher ist es notwendig, sie zu beschuldigen.

Russische Behörden müssen ermitteln, um nicht mitschuldig zu sein

Koschetkow bezeichnete die Pläne von Aleksejew dann doch als "undurchdacht", da es unmöglich sei, die Reaktionen der Führung der Republiken im Kaukasus und die Reaktionen der Bewohner einzuschätzen.

Das ist eine sehr komplexe und abgeschlossene Region. Wir bekommen oft nicht mal Informationen, was dort im Alltag passiert. Aber ich möchte erneut betonen, dass die Verantwortung und die Schuld für die Entführungen und Morde, die derzeit in Tschetschenien passieren, nicht bei Aktivisten liegt, sondern bei den Personen, die diese Taten ausführen. Es ist wichtig, diese aufzufinden, eine Untersuchung durchzuführen. Wenn die russischen Behörden, auch die landesweiten, das nicht machen, trifft auch sie die Verantwortung für die Toten und Entführten.

Ich habe noch keine Reaktion der Bundesbehörden gesehen. Wir sind das russische LGBT-Netzwerk. Wir haben heute ein Statement verbreitet, in dem wir betonen, dass keine nationalen oder religiösen Traditionen Entführungen und Morde rechtfertigen können. Jede Rechtfertigung dieser Taten mit Traditionen ist nicht nur unmoralisch, sondern kriminell.

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Sadismus, nicht Tradition als Antrieb

Wie bereits in einem Update zum vorherigen queer.de-Artikel erwähnt, will das Netzwerk am Montag Anzeigen sowohl wegen der in der Zeitung erwähnten Taten als auch wegen zweier Äußerungen einreichen. Ein Sprecher von Präsident Ramsan Kadyrow hatte gesagt: "Du kannst keine Personen verhaften oder unterdrücken, die in der Republik nicht existieren. Falls solche Menschen in Tschetschenien existieren würden, hätten ihre Verwandten sie zu einem Ort geschickt, von dem sie nicht zurückkehren können." Heda Saratow vom Menschenrechtsrat der Republik hatte gemeint: "Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch in Tschetschenien, der Traditionen und sich selbst achtet, alles tun wird, damit wir keine solche Menschen (LGBT) haben."

Aus meiner Sicht schützen die Äußerungen die Täter und 'rechtfertigen' die Taten. Das ist absolut inakzeptabel, schlicht ekelhaft, und wirklich kriminell.

Menschen werden für ihre Homosexualität verantwortlich gemacht. Es ist einfach, das zu tun: Jede Person kann damit 'beschuldigt' werden, es ist unmöglich, das zu beweisen. Was das Statement der Frau betrifft, die Sie zitiert haben, gibt es da einen interessanten Widerspruch: Einerseits sagt sie, es gibt keine Homosexuellen in Tschetschenien, andererseits sagt sie, es gebe diese Traditionen, wonach man sie töten kann. Wenn es keine Schwulen gibt: Wo kommen dann die Traditionen her?

Es ist klar, dass das, was hier passiert, nichts mit Traditionen zu tun hat. Diese Menschen erfüllen ihre sadistischen Triebe, ihre dunklen Leidenschaften – ich weiß wirklich nicht, wie ich das charakterisieren soll. Für mich steht jedenfalls zweifelsfrei fest, dass die Verweise auf eingebildete Traditionen nur der Rechtfertigung der eigenen Greueltaten dienen.

-w-

#1 BuntUndSchönAnonym
  • 02.04.2017, 23:44h
  • Wo kommt nur dieser Hass her??
    Wirklich beängstigend.
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#2 SebiAnonym
  • 02.04.2017, 23:59h
  • Das muss harte Konsequenzen und internationale Sanktionen zur Folge haben!!!

    Das ist nichts anderes als die Massaker und "ethnischen Säuberungen" im früheren Jugoslawien.
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#3 markusbln11Anonym
  • 02.04.2017, 23:59h
  • Tschetschenien ist ein Teil von Russland. Russland wiederum ist ein Mitglied des Europarates. Und der Europarat ist eine Wertegemeinschaft.

    Wie kann der Europarat dieses Regierungshandeln in einer russischen Region und mithin eines seiner Mitglieder wortlos hinnehmen?

    Wer verteidigt hier unsere Wertegemeinschaft, andere Mitglieder des Europarates? Dessen Sekretariat? Auch Deutschland ist Mitglied dieser Wertegemeinschaft.

    Und was sagen die deutsche Regierung, das Aussenministerium, die aussenpolitischen Sprecher der Parteien.

    Nichts, bisher!

    Da erwarte ich mehr.
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