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"Bogen der Vielfalt"
Kiew: Neonazis stoppen Eurovision-Regenbogen
Aktivisten des "Rechten Sektors" störten die Bemalung des Bogens der Völkerfreundschaft zum Song Contest und beklagten "LGBT-Propaganda".

Die rechten Störer riefen die Polizei, um die Werbung für Vielfalt zu unterbinden. In einer Online-Umfrage des Portals nv.ua fand die ESC-Version des Regenbogens allerdings rund 90 Prozent Zustimmung
- Von Norbert Blech
28. April 2017, 01:26h 3 Min.
Als hätte man sie bestellt: Neonazis des "Rechten Sektors" und der Partei "Swoboda" haben am Donnerstag in Kiew die Umwidmung des Bogens der Völkerfreundschaft zu einem Symbol für Vielfalt vorübergehend stoppen können. Erst am Vortag hatten die Arbeiten an dem Wahrzeichen der ukrainischen Hauptstadt begonnen.
Anlass für die Verkleidung des 1982 errichteten Symbols der ukrainisch-russischen Völkerfreundschaft in Regenbogenfarben ist der Eurovision Song Contest, der Mitte Mai in Kiew abgehalten wird und unter dem Motto "Celebrate Diversity" steht. Eine mit PR für den Wettbewerb beauftragte Firma wollte das Motto mit dem vorübergehenden "Bogen der Vielfalt" umsetzen, der mit rund 60 Metern Durchmesser der größte Regenbogen der Welt sein soll.
Am Donnerstag erschienen dann allerdings mehrere Neonazis, forderten einen Stopp der Aktion, riefen die Polizei und stellten Strafanzeige wegen einer angeblich illegalen Nutzung. Die "versteckte Propaganda für LGBT-Menschen" sei nicht mit der Bevölkerung abgesprochen, sondern eine Entscheidung des Bürgermeisters, um Europa zu gefallen, meinte Artem Skoropadsky, Sprecher des "Rechten Sektors".

Der Regenbogen war am Donnerstag schon fast fertig gestellt und von weitem zu sehen. Bild: Gennadiy / facebook
Skoropadsky empörte sich weiter: "Wir sind nicht glücklich über diese LGBT-Propaganda, wenn eine große Anzahl von Menschen aus ganz Europa hierher kommt. Die Behörden von Kiew wollen die Ukraine und die Hauptstadt der Ukraine als Hauptstadt der Ausschweifung positionieren. (…) Wir werden das nicht zulassen. Hier werden keine LGBT-Symbole verbleiben." Wenn die Behörden den Bogen zum ESC schmücken wollen, sollten sie Volksornamente zeigen.
Die mit der Regenbogen-Verzierung beauftragte Firma stoppte am Donnerstag zunächst die Arbeit und will sie am Freitag nach Rücksprache mit der Stadtverwaltung wieder aufnehmen.
Drohungen gegen CSD
Der absurde Auftritt ist nicht das erste Mal, dass sich der "Rechte Sektor" und Skoropadsky mit der Vielfalt anlegen. So drohte der Neonazi im Vorfeld des letztjährigen CSD in Kiew den Teilnehmern mit einem "Blutbad": Es gelte, den Marsch "unmoralischer Freaks" und eine "sodomitische Ansteckung der Ukraine" zu verhindern (queer.de berichtete).
Auch hatte der "Rechte Sektor" Bürgermeister Vitali Klitschko angeschrieben mit der Forderung, den CSD zu verbieten. Nachdem er in den Vorjahren die Veranstalter mehrfach aus Sicherheitsgründen um eine Absage gebeten hatte, setzte er 2016 auf ein mit den Veranstaltern erarbeitetes Sicherheitskonzept: Tausende Polizisten schützten einen weitgehend friedlichen Pride, an dem erheblich mehr Menschen teilnahmen als erwartet – auch viele Heterosexuelle wollten ein Zeichen gegen die rechte Hetze und Gewalt setzen (queer.de berichtete).

Das Logo des diesjährigen KyivPride
Der "March of Equality" ist in diesem Jahr für den 18. Juni geplant – mit einem Logo, das ebenfalls den Bogen der Völkerfreundschaft in Regenbogenfarben zeigt (anders als die Kunstinstallation auch in den korrekten sechs Farben). Bei seinem Auftritt am Donnerstag beschuldigte Skoropadsky mehrere CSD-Organisatoren namentlich, hinter dem Regenbogenprojekt zum ESC zu stecken.
Der Vorfall lässt rechtsextreme Störaktionen auch beim Song-Festival befürchten, dessen Proben an diesem Wochenende beginnen und das bis zum Finale am 13. Mai zehntausende Fans nach Kiew lockt, viele davon schwul – der Pride hat für sie einen eigenen Stadtplan aufgelegt.
Rechtsextreme und Hooligans hatten in den letzten Jahren in der Ukraine immer wieder LGBT-Veranstaltungen gestört, verhindert oder angegriffen, im letzten Oktober etwa eine Filmvorführung in Czernowitz (queer.de berichtete) und ein "Equality Festival" in Lwiw (queer.de berichtete). 2015 hatten Aktivisten des "Rechten Sektors" mehrere CSD-Teilnehmer und Polizisten verletzt (queer.de berichtete), ein Jahr zuvor hatten nationalistische Jugendliche am Wochenende des abgesagten CSD einen Schwulenclub an zwei Abenden hintereinander überfallen (queer.de berichtete).
Nicht immer ist dabei eine Fremdsteuerung auszuschließen: So kam es vor der Revolution zu gefälschten CSD-Demos mit bezahlten Schauspielern, die ganz im pro-russischen Propagandasinn den Eindruck verstärken sollten, dass eine EU-Annäherung dem Land LGBT-Rechte aufzwinge (queer.de berichtete).
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