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Projekt im Schwulen Museum*
Naive weiße Narrative: Warum wir keine "Refugee Artists" sein wollen
Mit der Ausstellung "The Lightest Shade of Aflatoon" kritisieren zoya. und Hasan Aksyagin den Umgang deutscher Kultureinrichtungen mit dem Thema "queere Flüchtlinge". Ein Interview.

Kurator Hasan Aksyagin, einer unserer beiden Interviewpartner, mit Projektleiterin Uta Stapf (Bild: Schwules Museum*)
- 13. Mai 2017, 06:29h 6 Min.
Ursprünglich hieß das Projekt "What's Your Story?": queere Flüchtlinge sollten über ihre Erfahrungen berichten. Der Berliner Senat stellte dem Schwulen Museum* dafür Mittel zur Verfügung. Ihr beide habt das geförderte Konzept radikal verändert. Warum wolltet ihr keine Ausstellung machen, die sich explizit mit Geflüchteten beschäftigt?
Wir sind davon überzeugt, dass Kunst eine Praxis des Empowerments darstellt. Davon ausgehend sollte man ein künstlerisches Medium aus eigenem Antrieb praktizieren, um zu lernen, affektiv und effektiv zu arbeiten. Denn Kunst ist besonders im westlichen Kontext als Sprache zu verstehen.
Was heißt das konkret?
Das Projekt begann mit einer Reihe von Workshops in Unterkünften für queere Geflüchtete. Die Workshops wurden zunächst nicht von uns gegeben, sondern von jemand anderem. Das Ziel war, den Teilnehmer_innen zu vermitteln, wie sie sich mit selbst gezeichneten Comics künstlerisch ausdrücken können. Später sollten die Arbeiten im musealen Rahmen ausgestellt werden.
Allerdings waren wir der Meinung, dass das Ausstellen von unprofessionellen Zeichnungen, angefertigt von erwachsenen Menschen ohne künstlerische Erfahrung, ein paternalistisches Narrativ erzeugen würde.
Die Konnotation des Projekts durch den Titel "What's Your Story?" erzeugt zudem nur eine Geschichte: die Erzählung von der Erfahrung zwischen "hier" und "dort". Aber wer kann schon behaupten, die Erinnerung an diese Erfahrungen mittels künstlerischer Praxis könnte die Wunden der Seele heilen? Die Effektivität solcher Projekte, von denen in den letzten Jahren viele in EU-Ländern finanziert wurden, sollte dringend überdacht werden. Wir verstehen zwar die Intention hinter solchen Projekten, doch reproduzieren sie nur "Othering" und weiße Narrative auf eine naive Art und Weise.

Der syrische Künstler Michael Dahoud während seiner Tanzperformance "Mirrors of Gnosis" im Rahmen der Ausstellung (Bild: Schwules Museum*)
Was habt ihr stattdessen getan?
Wir haben die Gruppe der Geflüchteten gefragt, was sie wirklich wollen. Wir bekamen nur eine einzige deutliche Antwort von einem iranischen Schriftsteller namens Murtaza, der einen Text beisteuern wollte. Die anderen sechs Teilnehmer_innen haben das Projekt wegen dringlicherer Angelegenheiten oder mangelndem Interesse wieder verlassen.
Murtaza wollte ursprünglich eine Arbeit über seine Abneigung gegen den Islam und dessen religiöse Repräsentanten machen, durch welche er aus seinem Heimatland vertrieben wurde. Stattdessen ist er jetzt mit einer (berührenden) Liebesgeschichte in Comic-Form vertreten. Warum wolltet ihr seine Religionskritik nicht im Schwulen Museum* zeigen? Immerhin ist es eine Institution, wo einiges an Material zu Menschen liegt, die gegen religiöse Unterdrückung gekämpft haben. Wäre es nicht passend gewesen, etwas über eine spezifisch muslimische Perspektive zu lernen, im Kontrast zu den zahlreichen christlichen Erfahrungen?
Es ging nicht darum, keine Kritik am Islam zeigen zu wollen, sondern eher Islam und Homosexualität nicht als Gegensätze darzustellen, wie es in der Vorstellung vieler Weißer existiert, besonders in dieser Zeit des "Homonationalismus" und "Pinkwashing". Murtaza hat uns eine Vielzahl von möglichen Themen für die Ausstellung genannt. Als queere Menschen mit muslimischem Background, die schon eine Weile in der westlichen Welt leben, wissen wir, dass dieses Thema einem mehrheitlich weißen Publikum mit Vorsicht präsentiert werden muss, um nicht rassistische, islamophobe Ideologie zu reproduzieren. Deshalb haben wir uns entschlossen, seine Liebesgeschichte für die Ausstellung zu wählen, in der Murtaza erzählt, wie er seinen Partner in einer fremden und abschreckenden Umgebung trifft.

Zwei Werke aus der "Aflatoon"-Ausstellung. Rechts sieht man Textzitate aus der Liebesgeschichte von Murtaza, auf Persisch (Bild: Schwules Museum*)
Wie hat das Schwule Museum* auf eure Neuausrichtung des Projekts reagiert?
Nachdem klar war, dass der ursprüngliche Plan mit Workshop-Comics nicht funktionieren würde, haben wir grünes Licht bekommen, stattdessen queere Künstler mit "Flüchtlingshintergrund" aus unserem eigenen Bekanntenkreis zu kontaktieren, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Werke im Schwulen Museum* auszustellen und ihnen dafür ein Honorar anzubieten. Das war eines der wichtigen Gespräche, die wir mit den Leuten im Museum geführt haben: Solidarität heißt nicht, Menschen einfach nur einen konzeptionellen Rahmen zu geben und sie aufzufordern, ohne Vergütung zu arbeiten!
Sondern?
Es ist das Mindeste zu fragen, was die Künstler_innen sich eigentlich von dem Projekt versprechen, und sich daran anzupassen, um sie nicht zu auszubeuten. Wir haben allen teilnehmenden Künstler_innen die problematischen Anfänge des Projekts und unsere eigene Position darin erläutert. Selbstverständlich hatten sie ein breites Spektrum an Werken und Themen, die sie im Museum ausstellen wollten. Einige sprachen sich explizit dagegen aus, als "Refugee Artist" bezeichnet zu werden. Was wir unterstützten.

Das dreiteilige Gemälde von Michael Dahoud, in dem er seine Reise aus dem Mittleren Osten nach Europa darstellt (Bild: Schwules Museum*)
In den kurzen drei Monaten, die uns dann noch blieben, war es nicht möglich, die verschiedenen Werke konzeptuell zu verbinden. Deshalb benutzen wir – mit dem Einverständnis und der Unterstützung der Künstler_innen – den Text zur Ausstellung nicht, um über ein etwaiges Konzept hinter den Werken zu sprechen, sondern um auf die gesamte Situation aufmerksam zu machen, in der das Projekt entstand.
Wie reagierten denn die Künstler_innen auf das Konzept eines "schwulen" Museums?
Bis auf eine Künstler_in, der/die erfreut war, jenseits der in Europa üblicherweise verkrampften und heterosexistischen Kunsträume zu arbeiten, gab es keine besondere Reaktion.
Zwischen all den Arbeiten, die ihr zeigt, finden sich auch Fotos von Petra Gall aus dem Archiv des Museums. Wie seid ihr auf diese Bilder gekommen, warum wolltet ihr sie in der Ausstellung haben?
Wir begegneten Galls Fotografien, als wir das Archiv des Schwulen Museums* durchsuchten, das hauptsächlich weiße Künstler umfasst. Uns war wichtig, sich der Erwartung von außen zu entledigen und uns mit der Geschichte des Museums selbst zu beschäftigen. Mit Petra Gall im Repertoire kann die Ausstellung auch definitiv nicht als reine "Flüchtlingsausstellung" abgestempelt werden.

Petra Gall in Jordanien, Bild aus dem Petra-Gall-Archiv des Schwulen Museum*
Wir haben zwei Gall-Fotos aus Ostberlin ausgewählt, außerdem Fotos, die Gall während ihrer Reisen in Jordanien, Ägypten und Tunesien aufnahm. Sie erzeugen eine interessante Beziehung zwischen Weiß-Sein, Voyeurismus sowie Tourismus zu "ge-otherten" Völkern und Landschaften. Die Arbeiten wurden neben einem Bild von Keith King aus der Serie "I Am Other – Uganda" gehängt, das den westlichen Blick direkt konfrontiert. Keith King wird übrigens am 17. Mai im Schwulen Museum* einen Vortrag halten.
Die Ausstellung will sich vom "White Cube"-Konzept befreien. Stattdessen wurden die Wände in einem zarten Lila gestrichen – dem "Aflatoon" des Titels. Warum?
Es gab keinen Versuch, das Konzept des "White Cube" zu durchbrechen. Vielmehr wollen wir Aufmerksamkeit auf den "Cube" und dessen Ideologien ziehen – und diese in Frage stellen. Das zarte Rosa an den Wänden (kaum mit bloßem Auge erkennbar) ist eine Anspielung auf die "Colour", die das Schwule Museum* versucht in die Institution und die Ausstellungsplanung einzubringen. Wir bitten die Betrachter_innen darüber nachzudenken, was diese Änderungen bewirkt haben könnten und wie effektiv, sichtbar und permanent sie sind.
Ihr habt es gerade erwähnt: das Schwule Museum* versucht sich für neue Perspektiven und Gruppen zu öffnen. Welche Erfahrungen habt ihr bei eurer Arbeit im Museum gemacht?
Die Projektmanagerin, Uta Stapf, hat sich sehr engagiert und aufrichtig unsere Kritiken angehört und so viel wie möglich getan, unseren Wünschen innerhalb der bereits gesetzten Grenzen entgegenzukommen. Wir glauben allerdings, dass sich in der Institution Schwules Museum* selbst strukturell etwas ändern müsste, um mehr Diversity auf allen Ebenen zu erzeugen: es sollten dort mehr Schwarze, PoC, Migrant_innen, Trans*Menschen, Frauen etc. arbeiten, besonders auf Führungsebene. Wir sehen, dass sich das Museum dieser Aufgabe langsam stellt, besonders durch die Ausstellungen, die es dieses Jahr präsentiert hat. Wir hoffen, dass diese Öffnung – auch auf Personalebene – fortgesetzt wird.
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The Lightest Shade of Aflatoon. Ausstellung noch bis zum 5. Juni 2017 im Schwulen Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin. Öffnungszeiten: So, Mo, Mi, Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr, Di geschlossen.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Schwulen Museums*
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















Das ist faktenfreie antisemitische Ideologie.
Es ist nun einmal so, dass die Staaten dieses Planeten, die heute Homosexualität unter Todesstrafe stellen islamisch geprägt sind.
Nicht weil der Islam der Islam ist, sondern weil der Islam eine abrahamische Religion ist und weil man dort den Säkularismus ablehnt.
Pinkwashing ist ein Kampfbegriff von Antisemiten, die den jüdischen Staat, den Staat der Hauptopfergruppe der NS-Genozide, ablehnen und unterstellen, die aus ihrer Sicht schmutzigen Juden wollten sich waschen, indem sie LGTBI-Menschen leben lassen.
Das ist schon deshalb faktenfrei, weil es in Israel die völlige rechtliche Gleichstellung gar nicht gibt.
Wenn ein Iraner die brutalen Menschenrechtsverletzungen in seinem Land thematsiert, dann ist das sein gutes Recht.
'Unsere' Exilanten haben das in den 30er Jahren auch getan. Unter anderem in der damals säkularen Türkei Atatürks.
Also: Was soll das?