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Griechenland

LGBTI-Flüchtlinge entführen Documenta-Kunstwerk

Mit der Aktion wollen die Geflüchteten auf ihre miserable Lebenssituation aufmerksam machen. Der in Athen gestohlene Stein sollte im Juni in Kassel zu sehen sein.


Die Gruppe "LGBTQI+ Refugees in Greece" posiert mit dem verschwundenen Stein des spanischen Künstlers Roger Bernat (Bild: LGBTQI+ Refugees in Greece)
  • Von Markus Kowalski
    24. Mai 2017, 05:03h 20 4 Min.

Seit April ist in Athen die Documenta-Ausstellung zu sehen, zum ersten Mal im Ausland. Doch das gefällt nicht allen: Die Gruppe "LGBTQI+ Refugees in Greece", in der Geflüchtete und griechische Aktivisten zusammenarbeiten, hat am Sonntag ein Ausstellungsstück der Documenta entführt.

Bei dem Kunstwerk handelt es sich um einen Monolithen des spanischen Künstlers Roger Bernat. Dieser Stein war Teil der Performance "The Place of the Thing" und sollte zunächst zu mehreren Orten in Athen wandern und dann nach Kassel reisen, um dort vom 10. Juni an als Teil der Documenta zu sehen sein. Es handelt sich um die Replik eines Steins aus der Agora, dem antiken Marktplatz in Athen, an dem der Prozess gegen den Philosophen Sokrates im Jahr 399 vor unserer Zeitrechnung stattgefunden haben soll.

"Euer Stein wurde vielleicht in die Türkei deportiert"

Doch am vergangenen Wochenende entführten die Geflüchteten das Stein-Kunstwerk, welches auf einer Veranstaltung der Athener Polytechnischen Universität ausgestellt war, und machten den Raub in einem Video auf Facebook öffentlich. "Wir haben euren Stein gestohlen und wir werden ihn nicht zurückgeben", heißt es darin. "Euer Stein wurde vielleicht in die Türkei deportiert", erklärt die Gruppe weiter. Oder: "Euer Stein sitzt womöglich in einem Flieger nach Schweden mit seinem 2.000 Euro teuren Fake-Reisepass."

Flüchtlings-Schicksal von der Documenta ausgenutzt?

Die Gruppe, die im Video mit maskierten Gesichtern auftritt, will mit der Aktion auf die miserable Situation von queeren Flüchtlingen aufmerksam machen. Erst im vergangenen Jahr hatte sie sich gegründet, um mit Spenden den LGBTI-Flüchtlingen direkt zu helfen (queer.de berichtete). Viele von ihnen sind seit Monaten im Land gestrandet und warten auf eine Asylentscheidung.

Die deutsche Documenta-Ausstellung, die nun in Athen zu sehen ist, setze dabei nach Ansicht der Gruppe die falschen Signale. Es werde bei der Kunstausstellung eine "Fetischisierung von Flüchtlingen" betrieben, schreibt sie in einer Pressemitteilung. Man "verachte die Verwendung riesiger Ressourcen für eine prominente Kunstveranstaltung, während hunderttausende Flüchtlinge in Griechenland und ganz Europa darben".

Konkret hatte sich die Gruppe darüber empört, von den Documenta-Künstlern quasi gekauft zu werden: Die Geflüchteten sollten am Wochenende als Teil der Documenta-Inszenierung von Roger Bernat in Athen mit dem Stein interagieren. Dafür haben sie vom Künstler nach eigenen Angaben 500 Euro erhalten. Daher fühlen sich die Geflüchteten mit ihrem Schicksal von der Documenta ausgenutzt und wollen stattdessen selbst handeln: "Regierungen und Nichtregierungsorganisationen haben viel zu lange Entscheidungen für uns getroffen und die Fäden gezogen", heißt es in der Erklärung. "Jetzt schneiden wir diese Fäden durch, tanzen zu unserer eigenen Musik und sprechen lauter als irgendein Stein."

Auf die Kritik reagierte der Künstler auf queer.de-Anfrage mit Unverständnis. "Das Kollektiv wurde nie 'gekauft'. Da wir ein Budget für das Projekt hatten, haben wir uns entschieden, das Geld zu teilen", sagte Bernat. Damit sollte die Gruppe die Unkosten für die Interaktion mit dem Stein bezahlen können. Auch sei das Kunstwerk nie gestohlen worden: "Wir haben den Stein persönlich angeliefert, die Gruppe hat ihn nur nie zurückgegeben." Tatsächlich hatte der Künstler mit einer Entführung des Steins gerechnet und deswegen zwei weitere Exemplare produziert, so dass in Kassel im Juni wohl mindestens ein Exemplar zu sehen sein wird.

Weitere Aktionen mit dem Stein-Kunstwerk geplant

Die Flüchtlings-Gruppe will die vom spanischen Künstler gespendeten 500 Euro nun direkt an hilfsbedürftige Geflüchtete weitergeben. Der zwei Meter lange Monolith wiederum soll für weitere Aktionen herhalten. Unter dem Namen "Rockumenta" soll der Stein zum Symbol für die gestrandeten Geflüchteten werden.

"Wir wollen die Leute daran erinnern, dass dieser Stein ebenfalls in der langen Schlange vor dem Büro für Asylentscheidungen warten könnte, oder im Gefängnis schmachten, wie manche Flüchtlinge hier, einfach weil sie keinen Ausweis haben", sagte Moira Lavelle, eine Aktivistin der Gruppe gegenüber queer.de. "Geflüchtete warten hier jahrelang auf ihre Ausweispapiere, eine Unterkunft oder einen Behördentermin. Ich denke, das ist für den Stein jetzt auch passend."

-w-

#1 SebiAnonym
  • 24.05.2017, 08:37h
  • Ich finde es nach wie vor skandalös, dass bei Gewalt gegen LGBTI in Flüchtlingsheimen immer die Opfer in andere Einrichtungen verlegt werden, während die Täter keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben.

    Damit signalisiert man den Tätern, dass ihr Verhalten absolut akzeptabel ist. Mehr noch: dass es sogar auf Zustimmung trifft, weil ja die LGBTI danach weg müssen, sie also im Unrecht sind und was verbotenes getan haben.

    Damit züchtet man sich Homohasser heran, die dann später weiterhin meinen, LGBTI angreifen zu müssen. Das wird noch für massive Probleme sorgen...

    Stattdessen sollte man allen Flüchtlingen von vornherein klar machen, dass LGBTI, Frauen, Juden, etc. gleich viel wert sind wie jeder andere auch und dass Gewalt gegen diese Gruppen nicht akzeptiert wird. Und wenn sich dann jemand nicht daran hält, sollte derjenige auch konsequent abgeschoben werden.

    Wer unsere freiheitliche Grundordnung nicht akzeptieren kann, kann halt nicht hier leben. Punkt.
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#2 PatroklosEhemaliges Profil
#3 FennekAnonym
  • 24.05.2017, 10:12h
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • #############
    Und wenn sich dann jemand nicht daran hält, sollte derjenige auch konsequent abgeschoben werden.

    Wer unsere freiheitliche Grundordnung nicht akzeptieren kann, kann halt nicht hier leben. Punkt.
    #############

    Ja, manche argumentieren ja, dass es auch deutsche Homohasser gibt und dass einige von denen auch gewaltbereit seien.

    Das stimmt natürlich. Aber das heißt ja nicht, dass man das Problem noch größer machen muss. Zumal die Homohasser dann irgendwann in der Überzahl sind und dann können wir selbst irgendwo Asyl beantragen...
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