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Virtueller Pride mit Einschränkungen

Facebook feiert sich für Regenbogen-Button, zensiert ihn in Russland

Pünktlich zur CSD-Saison kann man auf Beiträge in dem sozialen Netzwerk mit einem Regenbogen reagieren.


Bei Facebook kann man seit einigen Stunden auf Beiträge auch mit einer Regenbogen­flagge reagieren – dass die nähere Intention anders als etwa bei einem Herz nicht immer klar ist, gehört zum Spaß dazu. "Du drückst damit Deinen 'Pride' zu dem Posting aus", erklärt Facebook die Funktion.

  • Von Norbert Blech
    11. Juni 2017, 10:48h 23 4 Min.

Das soziale Netzwerk Facebook hat in den letzten Tagen weltweit zum "Pride Month" mehrere Funktionen freigeschaltet, um die CSD-Saison zu begehen. So lassen sich Profilfotos mit einer Regenbogenschleife versehen:


Facebook wird in den nächsten Wochen ein Meer aus Regenbogen werden

Die Kamerafunktion, der Messenger und auch das zum Konzern gehörende Instagram bieten zudem in den nächsten Wochen diverse Icons, Sticker und Filter-Effekte im Zeichen des Regenbogens. "Zum Zeitpunkt, an dem Pride-Feierlichkeiten auf der ganzen Welt beginnen, ist Facebook stolz, unsere vielfältige Community zu unterstützen", heißt es in der Presseerklärung des Konzerns, die die zeitlich begrenzten Funktionen im Detail vorstellt.


Regenbogen-Filter im Facebook-Messenger

Begeistert und überrascht zeigten sich viele Facebook-Nutzer vor allem über die befristete Ausweitung der Reaktionsmöglichkeiten unter Beiträgen: Neben "Gefällt mir", "Liebe", "Haha", "Wow", "Traurig" und "Wütend" bietet das Netzwerk seit einigen Stunden auch einen runden Regenbogen an – da Facebook diesen Bereich äuerst selten ändert und etwa einen "Gefällt mir nicht"-Button verweigert, ist hohe Aufmerksamkeit und ein gewisser Spaß garantiert.

Regenbogen mit Freischaltung

Während die Regenbogen-Reaktion für alle sichtbar ist, scheint man den Button nur nutzen zu können, wenn man zuerst die offizielle Facebook-LGBTQ-Seite mit einem "Like" versieht (und dann noch ein wenig wartet) – auf ihr feiert sich das Unternehmen für die Vielfalt seiner Mitarbeiter und zeigt diese etwa bei Pride-Festivals.



Im Laufe der letzten Stunden stieg die Zahl der Anhänger der Seite bereits von rund 2 Millionen auf knapp unter 10 Millionen. Was für die Datenkrake, die leider auch bei Hasskommentaren eine große Vielfalt zulässt, natürlich ganz praktisch ist: Queere Medien weltweit beschweren sich schon heute, dass immer mehr der wenigen speziellen Werbekunden zu dem Unternehmen abwandern.

"Über 12 Millionen Menschen auf der ganzen Welt sind Teil von mindestens einer von 76.000 Facebook-Gruppen zur Unterstützung der LGBTQ-Community, und mehr als 1,5 Millionen Menschen planen, an einer oder mehreren der über 7.500 Pride-Veranstaltungen teilzunehmen", weiß so auch das Unternehmen in der Pressemitteilung zu berichten. Die stolze Big Sister weiß alles.

Dennoch ist der Button ein nettes Zeichen – und wer will, kann ihn sogar zum Trollen homophober Leute und Bewegungen nutzen:


Ein Regenbogen für die "Demo für alle". Mehr zu Protest und Gegenprotest in Wiesbaden hier, zum Aktionsplan hier

Aber auch das hat seine Nachteile: Jede Reaktion unter einem Beitrag signalisiert Facebook eine höhere Wichtigkeit und kann so eine größere Verbreitung zur Folge haben. Unklar ist auch noch, ob und wie die Reaktion angezeigt wird, wenn der Pride-Monat wieder vorbei ist.

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Vorauseilender Gehorsam statt Stolz

Und in mindestens einem Land wird der Button gar nicht angezeigt: In Russland. Das berichtet die amerikanisch-russische Journalistin Masha Gessen (u.a. "New York Times"). Natürlich in einem Eintrag bei Facebook schreibt die lesbische Autorin:

Heute morgen hat mich meine Tochter an den Jahrestag des Massakers im Pulse erinnert. Facebook bietet mit zugleich ein Foto-"Gedächtnis" von vor vier Jahren: Ein Bild aus der Polizeiwache, zu der ich gebracht wurde, nachdem ich von Schlägern bei einem Protest vor dem russischen Parlament verprügelt wurde. Drinnen verabschiedete das Parlament das Gesetz gegen 'Homo-Propaganda', während es draußen die Demonstranten und nicht die Schläger waren, die in die Polizeibusse geladen wurden. Und heute morgen habe ich herausgefunden, dass Facebook die Mühe auf sich genommen hat, den Regenbogen-"Like"-Button nicht in Russland anzuzeigen.

Man könne ihn dort nicht nur nicht nutzen, sondern die Reaktion werde komplett ausgeblendet, auch bei Beiträgen aus dem Ausland. Gessen führt das auf eine Angst des Unternehmens vor dem Gesetz gegen "Homo-Propaganda" zurück (man kennt das u.a. schon von Ikea).

Um es deutlich zu sagen: Das Gesetz ist so vage formuliert und wird so selten angewendet, dass dieser Schritt von Facebook mit viel Großzügigkeit als Übermaß an Vorsicht interpretiert werden kann. Ich fühle mich allerdings nicht sonderlich großzügig: Diese Art von übermäßigem, unnötigen Gehorsam ist widerlich und gefährlich und sollte als Warnung auch an diejenigen dienen, die Facebook in den USA verwenden.

-w-

#1 Mohammed AbdulAnonym
  • 11.06.2017, 13:09h
  • Anregungen für die Nutzung von Facebook, falls ein völliger Verzicht nicht möglich ist.

    1. Den Real-Life-Account so clean halten und so selten bespielen wie möglich. Alle Sicherheitseinstellungen auf Maximum setzen. Diesen Account zeigst Du Mutti, der Krankenversicherung, dem Arbeitgeber, den Arbeitskollegen!

    2. Für Spiel und Spass macht man sich neue Accounts. Andere Accounts liken, in drei, vier Tagen ist der neue Account erstellt. Da kannst Du posten und spielen, so oft Du willst. Nach einiger Zeit solltest Du den Account wegschmeissen und durch einen neuen ersetzen.

    3. Gefahrlich könnte der Wechsel zwischen den Accounts sein, da Facebook sehr umfangreiche technische Sicherheitsmassnahmen nutzt.

    Faustregeln dafür:

    - Facebook IMMER im Incognito- bzw. Pornomodus Deines Browsers nutzen.

    - Cookies regelmässig (einmal pro Woche mindestens) KOMPLETT löschen.

    Und schon funktioniert es...
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#2 PierreAnonym
  • 11.06.2017, 14:44h
  • Das ist mal wieder typisch Facebook.

    Dort, wo so eine Maßnahme gut fürs Image ist, macht man das und reitet darauf rum, wie liberal man ist. Aber dort, wo sowas nicht ankommt, wird es einfach zensiert.

    Die machen das nicht aus Überzeugung, sondern nur fürs Business... Echtes Engagement zeigt sich dagegen dort, wo es auch mal auf Widerstände trifft.

    Im übrigen sollte dieses Symbol nicht nur in der Pride-Saison, sondern immer verfügbar sein.
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#3 GerritAnonym
  • 11.06.2017, 15:07h
  • Einer der verlogensten und scheinheiligsten Konzerne der Welt will einen auf tolerant machen...

    Und dann wird das auch nur dann freigeschaltet, wenn man explizit erklärt, dass man sich davon nicht gestört fühlt... Das passt wieder zur Scheinheiligkeit und Doppelmoral von Facebook.

    Übrigens:
    bei Google, Apple, etc. gibt es das Regenbogenflaggen-Emoji standardmäßig.
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