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Last-Minute-Aktionen
Gegner der Ehe für alle bombardieren Unions-Abgeordnete mit Protest-Mails
Zu einer weit geteilten Online-Petition der "Demo für alle" rufen neurechte Seiten ebenso auf wie ein Bischof. Aber auch Befürworter der Ehe-Öffnung machen mobil – im Netz und am Freitag auf der Straße.

"Demo für alle" im Herbst 2015 in Stuttgart. Links Anette Schultner von den "Christen in der AfD", am Megaphon Organisatorin Hedwig von Beverfoerde.
- Von Norbert Blech
29. Juni 2017, 15:26h 7 Min.
Die kurzfristig für Freitagmorgen einberaumte Abstimmung zur Ehe für alle im Bundestag hat nach einer Phase der Überraschung und des Entsetzens noch einmal die Gegner von LGBTI-Rechten auf den Plan gerufen.
So hatte die "Demo für alle" zunächst per E-Mail an ihre Unterstützer zur "Blitzaktion 'Ehe bleibt Ehe'" aufgerufen. "Wir lassen die Zivil-Ehe nicht kampflos kapern und umdefinieren!", schrieb Organisatorin Hedwig von Beverfoerde an ihre Unterstützer. "Diesmal haben wir ein scharfes Schwert: unsere Erst- und Zweitstimme bei der Bundestagswahl im September. Rufen wir heute noch unsere eigenen Bundestags-Abgeordneten an, und machen wir ihnen klar, dass wir unsere Wahl im September von ihrem Abstimmungsverhalten in der Ehe-Frage abhängig machen werden. Nichts ist wirkungsvoller!" Denn nach der Ehe für alle "wäre der Weg frei zur Legalisierung der menschenunwürdigen Leihmutterschaft, ebenso wir für Polygamie und Kinder'ehe'."

Praktischerweise hat die Aktion dazu auf ihrer Webseite eine Liste der Telefonnummern und eMail-Adressen aller Unionsabgeordneten im Bundestag veröffentlicht.
Inzwischen hat die Kampagne allerdings auch ihre Petition "Ehe bleibt Ehe!" beim europaweiten Fundi-Petitionsportal CitizenGo hervorgekramt, die sie vor zwei Jahren nach einer kurzzeitigen Ehe-für-alle-Debatte in Deutschland nach den Ehe-Öffnungen in den USA und Irland angelegt hatte. Bis vorgestern kam diese auf 45.000 Unterschriften.

Nach einiger Verteilung auf neurechten Seiten, in vielen Accounts der AfD in sozialen Netzwerken sowie in christlich-fundamentalistischen Kreisen ist die Zahl der Unterstützer der Petition, die an das Bundeskanzleramt geht, binnen 48 Stunden allerdings um 100.000 Stimmen angestiegen. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der schon einmal zu einer Unterschriftenaktion Beverfoerdes aufgerufen hatte (queer.de berichtete) und sich gestern öffentlich gegen die Ehe-Öffnung äußerte (queer.de berichtete), bewirbt die Petition inzwischen auf der Webseite seines Bistums und ruft wie die "Demo für alle" dazu auf, den Petitionstext an alle Abgeordneten der Union zu verschicken – worüber inzwischen auch Medien wie der Bayrische Rundfunk berichten.
Katholische Kirche schreibt Abgeordnete an
Das Kommissariat der Deutschen Bischöfe hat mit Datum vom Mittwoch derweil ein Schreiben an alle Bundestagsabgeordneten verschickt, in dem Prälat Dr. Karl Jüsten ein Nein zur Ehe-Öffnung einfordert. Er bezieht sich zum einen auf angebliche verfassungsrechtliche Zweifel, zum anderen auf das Schreiben "Amoris Laetitia" von Papst Franziskus, das zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft unterscheide. Auch habe der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Marx, sein Bedauern ausgedrückt, wenn der geltende Ehebegriff "aufgelöst" würde (queer.de berichtete).
Die versteckte Einflussnahme der AfD
Extra-Newsletter gleich an zwei Tagen hintereinander verschickte auch die "Initiative Familienschutz", aus der heraus früher die "Demo für alle" organisiert wurde und die wie viele andere Projekte aus dem Haus der AfD-Europaabgeordneten Beatrix von Storch stammt.
"Ein großer Teil der CDUler im Bundestag will für die 'Ehe für alle' stimmen", lügt ihr Ehemann Sven von Storch so auch. Die Angeschriebenen sollen ebenfalls eine Petition unterzeichnen und die Bundestagsabgeordneten kontaktieren: "Machen Sie deutlich: Kommt die 'Ehe für alle', werden Sie in der kommenden Bundestagswahl Ihre Kreuze nicht bei der CDU machen."

Über Bundeskanzlerin Angela Merkel schreibt von Storch: "Lieber geht sie auf billigen Stimmenfang und folgt linken Ideologien, als dass sie sich für Familien einsetzte und deutlich Stellung nähme gegen diesen weiteren Abbau unserer christlichen Werte." Er verlinkt zu einer älteren Online-Petition auf dem eigenen Portal "abgeordneten-check"; jede der bislang über 66.000 Unterschriften löst dabei eine E-Mail mit dem Petitionsinhalt an ausgewählte Unionsabgeordnete aus.
"Eheähnliche Gemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern ('Ehe für alle') können aus sich heraus kein Leben erschaffen. Sie sind daher in ihrem Wesenskern etwas anderes als die Ehe", heißt es in der Petition, die auch eine "Frühsexualisierung" ablehnt: "Die verpflichtende Teilnahme am Sexualkundeunterricht darf nicht dazu missbraucht werden, Kinder zum Ziel der Akzeptanz mit einer randständigen Sexualpraxis vertraut zu machen."
Homophober Wahlkampf der AfD
Wie bereits in einem Vorartikel betont, nutzt die AfD die Debatte um die Ehe für alle schamlos aus, um durch Homophobie der Union Wähler abzustreiten. So hatte Frauke Petry betont, die AfD sei "offen für konservative Wähler". Inzwischen hat die Partei in ihren sozialen Netzwerken auf allen Ebenen mit etlichen Postings nachgelegt.

So betonte Alexander Gauland, zusammen mit Alice Weidel Spitzenkandidat zur Bundestagswahl, die Ehe für alle mache "gesellschaftlich keinen Sinn", da nur Familien mit Kindern die Zukunft der Gesellschaft garantierten. Nur die AfD stehe noch ein gegen eine "Wertebeliebigkeit", die "in letzter Instanz unsere gesellschaftlichen Strukturen und unser Fortkommen auflöst."
Zu teilst extremst homofeindlichen Kommentaren – und Einträgen, die für die Petition der "Demo für alle" warben – posteten etliche AfD-Accounts Bilder heterosexueller Familien, so etwa die Bundes-AfD:

Mit einem (leicht sektenartigen) Agenturbild einer "traditionellen" Ehe hatte die Berliner AfD dabei weniger Glück:
/ LarsWienandSo sad.
— Lars Wienand (@LarsWienand) June 28, 2017
Die Familie der @AfDBerlin war inzwischen auch beim Scheidungsanwalt #Ehefüralle pic.twitter.com/uEMlNNFjfG
Online-Petition FÜR die Ehe für alle
Aber auch Befürworter der Ehe für alle machen sich – freundlicher im Ton und deutlich entspannter – überall im Netz bemerkbar, in den Kommentaren unter Artikeln wie in vielen Kommentaren in Massenmedien. Direkt an die Unions-Abgeordneten im Deutschen Bundestag hat sich ein Offener Brief des LSVD gewandt, auch regionale Initiativen schrieben ihre regionalen Abgeordneten an (etwa der Hamburg Pride).

Viel verbreitet wird zudem eine Online-Petition, die das inzwischen weltweit agierende LGBTI-Petitions-Projekt "All Out" in Zusammenarbeit mit der Initiative Ehe für alle und der Smartphone-App Grindr eingerichtet hat. Mit einem Klick lässt sich ein Schreiben an alle Unions-Abgeordneten verschicken, in der diese mit einem vormulierten und änderbaren Schreiben aufgefordert werden, "auf der richtigen Seite der Geschichte" zu stehen und für die Ehe-Öffnung zu stimmen.
Ob sich die Unions-Abgeordneten, die Medienberichten zufolge zu vielleicht Zwei Dritteln gegen die Ehe-Öffnung stimmen wollen, von dieser oder den gegnerischen Petitionen in letzter Sekunde beeindrucken lassen, ist ungewiss. Wer die Ehe für alle, mit deren Verabschiedung gerechnet wird, direkter auf der Straße unterstützen oder auch feiern will, hat dazu am Freitag in etlichen Städten Gelegenheit. Eine Übersicht gibt es im Kasten unten.
Die Debatte im Bundestag zum Gesetzentwurf aus dem Bundesrat (Details dazu hier) beginnt bereits um 8 Uhr, eine Abstimmung könnte gegen ca. 8.45 Uhr erfolgen. queer.de begleitet den Tag mit einem Liveblog.
Für Freitag sind zudem einige Kundgebungen und Feiern geplant:
Berlin
- Ab 8 Uhr: Große Community-Kundgebung und Feier zur Ehe für alle ab 8 Uhr vor dem Kanzleramt, organisiert u.a. von Margot Schlönzke und Ryan Stecken
- Tagsüber: Zu diversen Zeiten an diversen Orten Flaggenhissungen im Rahmen des "Aktionstags für die Ehe für alle" vom LSVD Berlin/Brandenburg
Darmstadt
- 19 Uhr: Pride Parade durch die Innenstadt ab Luisenplatz
Dortmund
- 16 Uhr: Feier oder Protest zur Ehe für alle, Katharinenstrasse neben der Sparkasse
Düsseldorf
- ab 18 Uhr: Der CSD Düsseldorf, KG Regenbogen, die Transberatung und die Grünen laden zu einer Kundgebung am Schadowplatz
- ab 18 Uhr: Der Pride Düsseldorf lädt zur Kundgebung "Der Juni ist unser: CSD 1969 – Eheöffnung 2017"
Frankfurt
- Donnerstag (!) ab 18 Uhr: Der Freundeskreis Frankfurt Engel feiert die Ehe für alle vorab
Hamburg
- 19 Uhr: Feier des LSVD im Hein & Fiete
Köln
- 16 Uhr: Die Grünen Köln laden zum "Sturm aufs Standesamt", zum Schwenken von Regenbogenfahnen, Hochhalten von Schildern und Trinken von Sekt ist jeder eingeladen
- Ab 20 Uhr: "Hochzeitsnacht" auf der Schaafenstraße. Der CSD, das Community-Bündnis und Szenebars laden ein zu einer politischen Kundgebung und anschließender Party.
Die Jungs und Mädchen auf der Schaafenstraße bereiten schon ganz fleißig vor, um mit euch und uns gemeinsam morgen Abend…
Posted by ColognePride on Donnerstag, 29. Juni 2017
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München
- 19 Uhr: Der CSD München mit seinen Veranstalter-Vereinen LeTRa, Sub e.V., Münchner Aids-Hilfe e.V. und Rosa Liste e.V. lädt zu einer Kundgebung auf dem Gärtnerplatz ein.
Potsdam
- ab 18 Uhr: Ein Sekt für die Ehe für alle. Katte e.V., UPride, die Jusos Potsdam und SPD Queer Potsdam laden ein zum Treff am Rathaus Potsdam mit kurzer Kundgebung und Anstoßen; danach Picknick und Party am Luisenplatz
Trier
- ab 20Uhr: Sekt für alle vor dem SCHMIT-Z
Weitere Termine bitte an termine@queer.de.
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Es ist doch wohl egal , ob man einen Mann oder eine Frau liebt und ne Ehe eingehen möchte .
Möchte Deutschland Schlusslicht für die Ehe für Alle sein ?
Partner - und Gesellschaftsmodelle ändern sich im Laufe der Zeit . Vielleicht sollten DIE das mal kapieren .
Und Kinder erziehen können Homos sowie Heteros :
Das kenne ich / wir selber sehr gut .
Denn Liebe und Fürsorge können für Kinder alle Partnerschaftsmodelle geben !