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Historischer Beschluss
Die Homo-Lobby wird euch weiter nerven!
Die beschlossene Ehe für alle ist Grund zu großer Freude – sie war nach über 25 Jahren Kampf aber überfällig. Die LGBTI-Bewegung ist damit noch lange nicht am Ziel, kommentiert Micha Schulze.

Die Schilder können in den Keller, auf die Straße müssen wir aber weiterhin (Bild: LSVD Berlin-Brandenburg)
- 30. Juni 2017, 07:19h 3 Min.
Vergast, verpönt, verheiratet – Deutschland ist im Umgang mit seinen homosexuellen Bürgern zweifelsfrei enorm vorangekommen. Nach der (Teil-)Rehabilitierung der "175er" feiern wir heute den zweiten historischen Tag innerhalb einer guten Woche. Lesben und Schwule werden rechtlich nicht mehr anders behandelt als die heterosexuelle Mehrheit, wir sind so gleich wie es das Grundgesetz vorsieht. Unsere Menschenrechte werden endlich anerkannt.
Mit der Ehe für alle wird Homophobie in der Bundesrepublik nicht plötzlich verschwinden, vielleicht gibt sie den Beverfoerdes und Kelles sogar neuen Auftrieb. Aber das Ende des Eheverbots für Lesben und Schwule ist eine wesentliche Voraussetzung für die Akzeptanz sexueller Vielfalt, weil die Gleichbehandlung nun, man verzeihe mir das Wort, zur deutschen Leitkultur gehört. Die Ehe für alle erleichtert jungen Menschen das Coming-out, rettet sogar Leben, wie Studien zeigen, und weist die Homohasser in ihre Schranken. Ob am Stammtisch, in der Kirche, in der Flüchtlingsunterkunft oder im Parlament.
Die Gleichbehandlung hat viel zu lange gedauert
Der heutige Beschluss des Deutschen Bundestags ist deshalb ein Grund zu großer Freude und ein riesiger Erfolg für die LGBTI-Bewegung. Vor Dankbarkeit müssen wir den Politikern 25 Jahre nach der "Aktion Standesamt" aber nicht wirklich um den Hals fallen. Viel zu lange hat die Gleichbehandlung gedauert, zu peinlich war der Eiertanz der SPD in der Großen Koalition, zu wenig überzeugend das Verplappern der Kanzlerin auf dem "Brigitte"-Sofa, zu ärgerlich der Versuch einer letzten Blockade aus der Union. Selbst den Grünen, die die Ehe-Lawine ausgelöst haben, waren in Hessen und Baden-Württemberg Koalitionsverträge wichtiger als unsere Menschenrechte. Zur Ehe für alle kam es jetzt nicht aus Einsicht und tiefer Überzeugung, sondern aus wahltaktischen Gründen und einer Kette glücklicher Zufälle.
Wer glaubt oder hofft, dass die Homo-Lobby nun am Ziel ist und verstummt, der irrt gewaltig. Die Ehe für alle wird die LGBTI-Bewegung vielmehr beflügeln, ihre Forderungen gegenüber dem Deutschen Bundestag noch selbstbewusster zu vertreten – vor allem diejenigen Forderungen, die von der Ehe für alle bislang in den Hintergrund gedrängt wurden.
An einem umfassenden Diskriminierungsschutz im Grundgesetz auch aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität führt nun kein Weg mehr vorbei. Die Lücken im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz gehören geschlossen. Der Nationale Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie, den Union und SPD trotz Vereinbarung im Koalitionsvertrag vergeigt haben, muss mit Leben gefüllt, das Trauerspiel um die Reform des diskriminierenden Transsexuellengesetzes endlich beendet werden.
International überzeugend für LGBTI-Rechte eintreten
Mit der Ehe für alle kann Deutschland nun auch in der Außen- und Entwicklungspolitik überzeugend für LGBTI-Rechte eintreten und hätte die Chance, die Lücke zu füllen, die die USA unter Präsident Trump hinterlässt. Länder, die Homosexualität bestrafen, sind keine "sicheren Drittstaaten", verfolgte LGBTI haben ein Recht auf Asyl.
Auch das Thema Rehabilitierung der Opfer des Paragrafen 175 ist noch lange nicht abgeschlossen. Es fehlt eine kollektive Entschädigung, die bei der betroffenen Generation ankommt, und auch die Abschaffung des diskriminierenden Schutzalters müssen wir weiter vom Bundestag einfordern. Ebenso rechtliche Absicherungen für Menschen, die sich für Lebensgemeinschaften jenseits der Zweierkiste entscheiden und dies wünschen.
Vollständig ist diese Liste noch lange nicht, liebe Abgeordnete, wir werden euch weiter nerven! Ehe ist nicht alles!















Heute ist ein Tag zum Feiern.
Morgen und übermorgen auch noch.
Aber wir müssen jetzt die Dynamik nutzen, um die anderen, genauso wichtigen Punkte anzugehen.
Z.B.:
- Erweiterung Art. 3 GG
- Verbot von sog. "Homo-Heilungs-Therapien" (hier geht es schließlich um Menschenleben)
- Streichung der Ausnahmen und Schließen der Lücken im AGG
- umfassende Reform des Transsexuellen-Gesetzes
- Verbot von Zwangs-Operationen an Intersexuellen
- mehr Aufklärung an Schulen
- nationaler Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie
- etc.
- etc.
- etc.
Man sieht ja, was alles machbar ist, wenn man hartnäckig bleibt und auf dem Richtigen besteht (und das zur Koalitionsbedingung macht).
So muss das weitergehen!