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Verschobene Machtverhältnisse
Retten Heterofrauen die Schwulenmedien?
In den Niederlanden ersetzt eine Frauenzeitschrift von Linda de Mol klassische schwule Printmedien. Folgt in Deutschland bald Barbara Schöneberger dem Vorbild?
- Von Kevin Clarke
22. Juli 2017, 09:52h 7 Min.
In den Niederlanden ist wieder eine Ausgabe von "L'HOMO" herausgekommen, des schwulen Sonderhefts "von den Machern der LINDA", der Frauenzeitschrift von Linda de Mol. Die wiederum dient aktuell als Vorbild für Barbara Schönebergers deutsche Version "Barbara".
Es ist nicht die erste "L'HOMO"-Edition, aber die erste, bei der ich mich als schwuler Leser ernsthaft gefragt habe: Für wen genau werden diesen Schwulenzeitschriften eigentlich gemacht, die nach dem Untergang der klassischen Blätter "Du & Ich" oder "Männer" den Markt erobern? Mein Eindruck ist, das sind Hefte für Heterofrauen, die sich gern hübsche Männer anschauen und ein bisschen in die "aufregende" Schwulenwelt reinschnuppern wollen. Was gleichen Trends anderswo folgt, etwa Heterofrauen als Abonnentinnen und neuerdings Produzentinnen von Schwulenpornos – siehe die "Pornomuttis" bei CockyBoys oder die Regisseurin Nico Noelle beim Studio Icon Male.
Claus Matthes, ehemaliger Kurator beim Pornfilmfestival Berlin, sagt dazu: "Grundsätzlich ist es ja so, dass heterosexuelle Frauen, ebenso wie Schwule, von Männerkörpern sexuell erregt werden. Das ist im Hetero-Mainstream-Porno ein Grund gewesen, warum Frauen keinen Spaß an diesen Streifen hatten, weil die Männer in diesen Filmen in der Regel kaum zu sehen sind. Und schwule Pornos zeigen nun mal Männerkörper im Überfluss, dazu in der Regel recht ansehnliche."
Männerkörper im Überfluss
Schwulenmagazine zeigten einst auch Männerkörper im Überfluss, ebenso wie die lange nicht ausgestellte pornografische Kunst von Zeichnern wie Tom of Finland, Blade, Etienne oder Bill Schmeling/The Hun. Neuerdings werden deren Arbeiten – als erregende Männerakte – von selbstbewussten Frauen mit Geld auf Auktionen gekauft und in Museen eingefordert.
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Der New Yorker Kunstberater und Kurator Thomas Knapp sagt: "Immer mehr Frauen dominieren das Feld, CEOs mit genug Geld, um Kunst zu kaufen. Die kaufen die Werke für sich selbst und zu ihrem eigenen Vergnügen, und was sie auswählen ist definitiv anders als was früher männliche Käufer erstanden haben." Diese neuen Powerfrauen haben – anders als Heteromänner – keine Angst vor Schwänzen und Muskelkörpern.
Sie haben auch keine Angst vorm "körperlichen Vergleich mit anderen Männern" und wehren diesen nicht ab, wie es Beate Hofstadler und Birgit Buchinger noch 2001 in ihrer Studie "KörperNormen, KörperFormen. Männer über Körper, Geschlecht und Sexualität" beschrieben. Stattdessen zelebrieren sie nackte Männerkörper und stellen sie aus in Pornofilmen, in Galerien, in Museen – so wie früher Männer nackte Frauenkörper ausstellten, um sich daran zu erfreuen.
Zur Erinnerung: Die Kuratoren von "Der nackte Mann" am LENTOS Museum 2012 waren drei Frauen, die Kuratorin von "Queer British Art" in der Tate Britain ist 2017 Clare Barlow, die Herausgeberin der schwulen Kunstbände beim Taschen Verlag ist Dian Hanson. Und die Kuratoren von "Homosexualität_en" am Deutschen Historischen Museum waren 2015 (lesbische) Frauen. Sie alle haben einen deutlich anderen Blick auf (schwule) Männer – und eine andere politische Agenda.
Der Coverboy ist 65 Prozent hetero
Wie äußert sich das nun in "L'HOMO"? Am auffallendsten ist es im Interview mit Coverboy Douwe Bob. Der 24-jährige Popsänger – ESC 2016 in Stockholm – wurde im Beefcake-Stil von Bob Mizer fotografiert, eine Hommage an die Geschichte der Schwulen, die aber nie zu explizit daherkommt und immer auch anders gelesen werden kann. Im Gespräch verrät Douwe, dass er zu 65 Prozent auf Frauen steht und zu 35 Prozent auf Männer.

Fotografiert im Beefcake-Stil: Coverboy Douwe Bob
Eine solche Versatility entspricht neuen Umfragen, die zeigen, dass viele jüngere Menschen sich nicht mehr festlegen wollen auf eindeutig homo oder hetero. Aber ich frage mich, ob mit den "65 Prozent Frauen" nicht den weiblichen Leserinnen signalisiert werden soll: Man kann sich Douwe zwar gern beim Sex mit anderen Männern vorstellen, aber letztlich stehen die Chancen, dass er bei einer Frau bleibt, doch am höchsten.
Dieser Eindruck, dass seine 35-prozentige Homo-Seite nur ein PR-Flirt ist, verstärkt sich im restlichen Interview. Er brauchte angeblich nie ein Coming-out, weil er nie "in the closet" war und schon seine Mutter zu ihm gesagt haben soll: "O Douwe, ich wünschte, du wärst Homo!" Praktischerweise lebt Douwe aktuell mit einer Frau zusammen und ist glücklich. Wir können uns alle mit ihm freuen. Von möglichen Problemen, die er in seinem Leben mit seiner Bisexualität hatte, wird im Interview nicht gesprochen. Und eine wirkliche Beziehung mit einem Mann hatte er auch nie, sagt er selbst.
Der Chefredakteur versucht sich auf Planetromeo

"L'HOMO" ist ein Sonderheft der niederländischen Frauenzeitschrift "LINDA" von Linda de Mol
Durchs Douwes Zusammenleben mit einer Frau bleibt ihm – vermutlich – auch der Online-Dating-Horror erspart, von dem der Chefredakteur des Sonderhefts, Iebele van der Meulen, in seinem Editorial berichtet. Da beschreibt er, wie es ihm ergangen ist in der digitalen Homowelt auf Planetromeo, wo er sich als "Daddy" klassifizieren musste – und sich schwer tat. Weil alles so mechanisch und unpersönlich sei, ein reines Abhaken von Kategorien, in denen er sich nicht wiederfand. Im Gegensatz zu früher, wo man sich noch in die Augen schaute, miteinander in einer Bar sprach und sich "richtig" kennenlernen konnte.
Bemerkenswert ist, dass niemand van der Meulen gezwungen hat, sich bei Planetromeo anzumelden und dort nach Dates zu suchen. Gleichzeitig erzählt er, dass er in einer glücklichen Dreierbeziehung lebt.
Was für Signale werden da an Leser und Leserinnen gesendet? Es folgen typische Modestrecken, die so aufwendig produziert sind wie es sich Magazine wie "Du & Ich" bzw. "Männer" mit ihren Mini-Budgets nie hätten leisten können. Und während diese Magazine lange probierten vom Image des "Schwanzhefts" wegzukommen, wegen der Anzeigenkunden (die sie dann aber doch nie gewinnen konnten), fügt "L'HOMO" eine achtseitige Fotostrecke mit Erektionen ein unter der Überschrift "Zo Groot", also "So groß".
59 steife Penisse
Man sieht da pro Einzelseite 59 Penisse, jeweils neben einer Rasierschaumdose, einem Feuerzeug, mit Münzen drauf, neben einem Energy-Drink usw. Solche Bilder bedeuteten fürs Hamburger Homoheft "Horst" vor einigen Jahren das Aus. Mal sehen, wie die Reaktionen der Anzeigenkunden bei "LINDA" ausfallen. Wird heute so argumentiert, dass neue selbstbewusste Frauen so etwas halt sehen wollen? Und sind Frauen dabei als wichtige Käufergruppe wichtiger als ehemals schwule Minderheiten? Werden die Karten neu gemischt? Profitieren Schwule davon?
Wenn man bedenkt, wie randvoll in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren Schwulenhefte wie "him" oder "The Advocate" (damals noch im Zeitungsformat) mit Informationen aus Politik, Gesellschaft, der aktivistischen Szene, Kultur und Sexmarkt waren, dann ist es erstaunlich, was heute in den neuen Schwulenheften steht: seitenlange Modestrecken, noch mehr Modestrecken, Pflegeprodukte, Buch-Tipps (zum Beispiel der neue Taschen-Band zu Bob Mizer/AMG von Dian Hanson), eine Interviewstrecke zu Dreierbeziehungen, ein Bericht über Truvada und PreP ("Die magische Pille" die zu angstfreiem Sex führt) – und ein Interview mit Aktivist und Rechtsanwalt Oscar Hammerstein.

Das Interview mit Rechtsanwalt Oscar Hammerstein gehört zu den Highlights der Ausgabe
Der bringt als Einziger, mitten in all dem glatten Glamour, einen Tonfall ins Heft, der an frühere Publikationen gemahnt, aber hier untergeht. Das gilt auch für eine interessante Interviewstrecke zum Thema Crystal Meth, wo vier Männer von ihren Tina-Erfahrungen sprechen. Das ist sehr lesenswert, etwa was der Ex-Pornodarsteller Rick Verhagen (49) erzählt ("Es ist in den Hauptstädten von Europa aktuell unmöglich mit jemandem ein Sex-Date auszumachen ohne Tina. Jeder benutzt das Zeug. Geh' mal nach Berlin, da entwickelt es sich genauso"). Verstörend ist dabei, wie diese Erfahrungsberichte mit den Bildunterschriften versehen sind wie "Hose on Levi's", "Hemd von Blue Ridge", "Hut von Stetson" usw.) Ist das angemessen? Passt das überhaupt zusammen? Am Schluss lächelt dann George Clooney in einer Omega-Uhrenreklame den Leser an.
Wann kommt "B'HOMO" in Deutschland?
Da ja "Barbara" dem "LINDA"-Modell folgt, wäre zu fragen, ob es dort auch bald eine Sonderedition zu Homothematiken geben wird, jetzt wo der deutsche Zeitschriftenmarkt bereinigt ist und keine ernstzunehmenden schwulen Printmedien mehr zirkulieren, außer "Mannschaft" aus der Schweiz? Gäbe es für eine "B'HOMO" genug Käuferinnen? Falls Barbara Schöneberger solch einen Impuls in der queeren Szene setzen sollte, wäre das überhaupt wünschenswert? Ist das die neue schöne schwule Welt?
Und: Schreitet dann die "Befreiung" der Schwulen an der Seite von Heterofrauen voran, während andere Teilnehmende der Queer Community wild auf Schwule als "dominante weiße Cis-Männer" schießen? Sagen wir mal so: Angesichts der momentanen Beißreflex-Debatte und des Beiseiteschiebens von klassischen Schwulenthemen durch Lesben (etwa in "Homosexualität_en", wo der Schlachtruf explizit lautete "Kein Tom of Finland mehr") wäre solch eine neue Allianz spannend, allein schon weil sie die Mengen- und damit Machtverhältnisse neu definieren würde.
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Links zum Thema:
» Mehr Infos zu "L'HOMO" auf der "LINDA"-Homepage
Mehr zum Thema:
» Ein Homo-Magazin von Linda de Mol (24.05.2014)
















Wer liest denn heute noch ernsthaft solche Magazine? Die meisten sind kostenlos erhältlich, weil sie eh keiner kaufen würden. In den 70er- und 80er-Jahren gab es immerhin einen Bedarf an "Exil-Literatur". Die wachsende Homoemanzipation, die sich ihre eigenen Medien aufbaute. Heute sind Homothemen im Mainstream angekommen und sogar die BILD hat mit Nina Queer ihren eigenen Homo-Kolumne. Da braucht man nicht mehr zwingend ein Magazin. Den Lifestyle sehen wir sogar im Fernsehen.
Das Internet bietet mittlerweile alles, was das schwule Herz begehrt.
Zwar ist schön zu sehen, dass ein Frauenmagazin dieser Entwicklung versucht entgegenzuwirken. Auf Dauer wird das aber nicht funktionieren.
Habe ich da übrigens Bi-Shaming herausgelesen?
Es ist doch nicht schwer zu verstehen, wie ein Mann Männer UND Frauen attraktiv finden kann. Hier wurde etwas zu viel schwarz/weiß gedacht. Wir müssen akzeptieren, dass es auch Männer wie Douwe Bob gibt, die trotz ihrer Bisexualität Frauen vorziehen. Bisexualität kommt in allen Präferenzen. Es ist schade, dass das Thema nicht ernst genommen wird und entweder belächelt oder als Provokation wahrgenommen wird. Vielleicht würden sich dann auch mehr outen.