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Vandalismus, Kundgebung, Flugblätter und Online-Hetze
Neonazis halten "Aktionstag" gegen "Homo-Propaganda" ab
In Siegen beklebten Aktivisten der Partei "Der III. Weg" zum CSD an diesem Samstag das Parteibüro der Linken und schrieben "No Homo" an die Tür. Weitere Aktionen u.a. in Berlin, Zwickau und Erlangen.

Mitglieder der Neonazi-Partei "Der III. Weg" mit homofeindlichen Flugblättern kurz vor dem CSD in Berlin am letzten Wochenende
- 29. Juli 2017, 09:57h 5 Min.
Im Rahmen eines "Aktionstags gegen Homo-Propaganda" mit angeblich geplanten Handlungen in mehreren Städten haben mutmaßliche Aktivisten der rechtsextremen Kleinpartei "Der III. Weg" am heutigen Samstag das Parteibüro der Linken in Siegen mit einem Plakat "Gesunde Familien Statt Homo-Propaganda" verziert und dazu auch den Spruch "No Homo" an der Tür angebracht. Das Plakat zeigt, wie eine gezeichnete Familie aus Mann, Frau und vier Kindern mit einem Regenschirm mit dem Logo der Partei vor einem Regenbogen, dem Symbol der queeren Bewegung, geschützt wird.
Am Samstag werde Siegen in "einen bunten Zirkus der Abartigkeiten verwandelt", beklagte die Partei bereits am Donnerstag auf ihrer Webseite. "Beim alljährlich stattfindende[n] CSD werden wieder sämtliche Sexualitäten in völlig sinnloser Art und Weise zur Schau gestellt." Den "immer absurder werdender Förderungen" und der "Propagandierung sexueller Randminderheiten" werde man "Aufklärungsarbeit" entgegen stellen.
Die sah bislang so aus: An einer Fußgängerbrücke in Siegen wurde am Donnerstag ein Transparent angebracht, mit der Aufschrift "Homopropaganda stoppen. Gesunde Familien sind die Zukunft" und einem Link zur Webseite der von mehreren Verfassungsschutz-Behörden beobachteten Partei. Im Umfeld der Martinikirche, an der am Freitag der CSD-Gottesdienst abgehalten wurde, fanden sich mehrere Propaganda-Aufkleber der Partei ("National. Revolutionär. Sozialistisch.").
Ein Aktivist der Partei posierte zudem vor dem mit Regenbogenflaggen verzierten Unteren Schloss mit dem "Gesunde-Familien"-Plakat. Laut "Alerta Siegen" tauchten in der Nacht zum Samstag weitere Plakate in der Stadt auf, die alarmierte Polizei werde den CSD mit mehr Beamten als üblich schützen.
Aktionen in Berlin, Erlangen und Zwickau
Für diesen Samstag planen die Rechtsextremen offenbar einiges: "In den letzten Tagen fanden bereits an zahlreichen Orten in Deutschland Aktionen gegen die allgegenwärtige Homo-Propaganda statt", schreibt die Partei auf ihrer Webseite. Nun heiße es für "viele Aktivisten" erneut, auf die Straße zu gehen. Öffentlich bekannt wurde die Anmeldung einer Kundgebung "Homo-Propaganda stoppen" in Erlangen (das queere Nürnberger Zentrum Fliederlich ruft zu einer Gegenkundgebung auf).
Am Samstagmorgen startete die Partei einen "Live-Ticker" zum "Aktionstag" und zeigte u.a. ein Bild, wie homofeindliche Flugblätter in Briefkästen in Zwickau geworfen wurden – angeblich "tausende". Auch die Aktion am Parteibüro der Linken in Siegen wurde dort bereits kommentiert: "Mitglieder der Linkspartei sehen sich mit Widerstand am Tag des CSD in Siegen konfrontiert und heulen auf Twitter."
Bereits den CSD in Berlin am letzten Wochenende hatten Aktivisten der Partei für ihre Propaganda genutzt: Ein kurzes Video im vermeintlichen Jugend-Aktionismus-Stil der "Identitären Bewegung", in dem zum "Widerstand" aufgerufen wird, zeigt, wie von der Siegessäule Aufkleber der Partei mit einer heterosexuellen Familie geworfen wurden oder ein Mülleimer am Tiergarten mit einem Plakat gegen "Homo-Propaganda" verziert wurde.
Gegen die "Homosexualisierung der Gesellschaft"

Rechtsextremer Protest am Donnerstag in Siegen
Das Motiv gegen "Homo-Propaganda" lässt sich auch als Aufkleber auf der Webseite der Partei bestellen, zusammen mit einem ähnlichen Flyer, auf dem beklagt wird: "Erst sollten wir sie nur erdulden. Dann sollten wir sie akzeptieren. Jetzt sollen wir sie lieben. Kritisieren dürfen wir sie schon lange nicht mehr."
Im ganzen Land nehme "zunehmend die Propaganda über Homosexualität überhand", ärgern sich die Rechtsextremen auf dem Flyer: "Überall soll uns eingeredet werden, dass Homosexualität etwas Natürliches sei, das es zu fördern gilt." Das Flugblatt beklagt sich über Gender-Lehrstühle und "Thematisierung von Homosexualität im Schulunterricht", die "Homosexualisierung der Gesellschaft" durch "reichlich Steuergelder" und eine "völlig unproportionale Stellung" von LGBTI "in den Medien und der Öffentlichkeit".
Das alles klingt so, als habe man sich von der neurechten homofeindlichen Stimmungsmache der letzten Jahre von AfD bis "Demo für alle" inspirieren lassen, und in der Tat hatten Parteimitglieder zumindest an den letzten beiden Demonstrationen der homofeindlichen Bewegung in Wiesbaden teilgenommen. Im letzten Herbst hatte die Partei die "Demo für alle" vorab beworben, da man eine "gesunde Abneigung gegen Genderfetischisten" habe, und betont: "Gegen die herrschende Dekadenz der Volksverräter geben wir der Familie als Keimzelle der völkischen Gemeinschaft oberste Priorität beim Erhalt von Volk und Vaterland."
Homofeindlichkeit, Antisemitismus und Ausländerhass
Ein aktueller Text der Partei beklagt denn auch, unter ausführlicher Zitierung der Thesen des Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera über sexuellen Missbrauch durch Homosexuelle, einen "Vernichtungsfeldzug" der "heutigen Linken und der Homo-Lobby" gegen die Familie, gegen den "nur das konsequente Verbot derartiger Homo-Propaganda" und "die Abschaffung der 'Homo-Ehe'" helfe.

Ein aktueller Text der Partei befasst sich ausführlich mit Homosexualität
In dem "Hintergrund"-Text zum "volks- und lebensfeindlichen" Homo-"Lobbyismus" wird beklagt, dass sich Aktivisten nicht begnügten, ihre "Homosexualität straffrei im Diskreten praktizieren zu können", sondern immer aggressiver "ihre Forderungen zur Erlangung gleicher Rechte mit normal Veranlagten" stellten. Dabei nutzten sie den "Schuldkult mit der Vergangenheit der deutschen Geschichte" und suhlten sich "gern in der Rolle von Märtyrern, die in den letzten Jahrhunderten in Deutschland und der ganzen Welt immer nur Ungerechtigkeiten erlitten hätten."
Es sei so auch keine Überraschung, dass "der jüdischstämmige Arzt Dr. Magnus Hirschfeld als geistiger Ahnherr der Schwulen- und Lesbenbewegung gilt", die nach dem Krieg zu einem "Sumpf" der "Homo-Lobby" erwuchs, die, wie Bildungspläne zeigten, inzwischen "Institutionen der Gesellschaft von unten nach oben hin bereits erfolgreich durchwandert" hätten. Hirschfeld hätte auch "den im Kontext der Diffamierung von Weißen genutzten Begriff 'Rassismus'" etabliert.
Die Partei mit rund 350 Mitgliedern wird von dem ehemaligen NPD-Funktionär Klaus Armstroff angeführt, der selbst bei einer "Demo für alle" vorbeischaute. Der "III. Weg" umfasst etliche Mitglieder des verbotenen Neonazi-Dachverbands "Freies Netz Süd" und steht Medienberichten zufolge mit Brandanschlägen auf Asylbewerberheime in Verbindung. (nb)















