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Hass in Hessen
Marburg: Proteste gegen Homo-"Heiler"
Eine evangelikale Organisation, die Homosexuelle "heilen" will, breitet sich in Marburg immer mehr aus – und will nun eine "Kindererlebniswelt" eröffnen. Dagegen gibt es Widerstand.

Bei einer Pride-Veranstaltung in Florida zeigt ein Aktivist das Protestschild "Born This Way" (Bild: Mike Smith)
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15. August 2017, 10:55h 4 Min.
In der hessischen Universitätsstadt Marburg mehren sich Proteste gegen den evangelikal-fundamentalistischen "Christus-Treff", unter anderem weil dieser die "Heilung" von Homosexuellen propagiert. Anlass ist der geplante Einzug der Aktivisten in das historischen Werkstattgebäude "Lokschuppen", das gerade renoviert wird. Die Organisation, die eigenen Angaben zufolge mehr als 250 Mitarbeiter hat,will laut einem Schreiben der Investoren an den Marburger Magistrat das Gebäude für Kinder- und Jugendangebote nutzen – die Organisation spricht von einer "Kindererlebniswelt". Bereits jetzt betreibt der CT in Marburg ein Büro, einen Jugendtreff und ein Café.
Die Linkspartei hat laut einem Bericht der "Oberhessischen Presse" vom Montag eine Initiative in der Stadtverordnetenversammlung gestartet: Das Parlament solle den "Christus-Treff" auffordern, sich von den Verbindungen zur Bewegung "Offensive Junger Christen" und dem angeschlossenen "Institut für Jugend und Gesellschaft" zu distanzieren. Die Organisationen mit der Vorkämpferin Christl Vonholdt gelten als bekannteste Verfechter der "Heilung" Homosexueller in Deutschland (queer.de berichtete).
Der CT müsse "unmissverständlich klarmachen", dass in Marburg alle Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Identität gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und keiner Diskriminierung ausgesetzt sein sollten, heißt es im Antragstext der Linken.
Auf seiner Website nennt der "Christus-Treff" die "Offensive Junger Christen" als Partner-Organisation, von der man "viele entscheidende Impulse und Ermutigung" erhalten habe. Auch der Jugendkongress "Christival", der in der Vergangenheit mit Homo-"Heilern" paktiert hat, ist ein Partner des "Christus-Treff". Nun wird befürchtet, dass die Evangelikalen den "Lokschuppen" nutzen wollen, um junge Homosexuelle zu verunsichern und zu "bekehren".

Ausschnitt aus der Website des "Christus-Treffs"
Seit der Bekanntgabe der Übernahme des "Lokschuppen" gibt es Proteste. Ende Juni gingen bereits rund 200 Menschen auf die Straße, um gegen den "Christus-Treff" zu protestieren. Die Protestaktion wurde organisiert vom Bündnis "Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus". An dem Protest beteiligten sich unter anderem auch die Jusos.
Der "Christus-Treff" weist alle Vorwürfe zurück: "Die Unterstellungen zu Homophobie und Transgenderfeindlichkeit sowie zum angeblichen Absolutheits- und Missionsanspruch sind und bleiben falsch", erklärte Geschäftsführer Reinhard Schindler unlängst. Unterstützung erhält die Organisation auch von anderen Teilen der katholischen und evangelischen Kirche. So verteidigte die katholische Gemeinde "St. Peter und Paul" die Homo-"Heiler" gegen "pauschale Verurteilungen".
Evangelikale sehen sich als Opfer von "Diskriminierung"
Unterstützung kommt insbesondere von der "Evangelischen Allianz", einer evangelikalen Lobbygruppe, die Homo-"Heilung" immer wieder verteidigte. Die Marburger Ortsgruppe erklärte, Kritik am "Christus-Treff" sei "Diskriminierung". "Wir respektieren es natürlich, dass nicht jeder mit Stil, Inhalten oder auch Bauvorhaben des Christus-Treff einverstanden ist", sagte der Marburger Allianz-Chef Alexander Hirsch. "Aber wir wünschen uns gleichzeitig einen offenen und wertschätzenden Dialog, wie er zu Marburg als 'Stadt der Vielfalt' passt."

In den USA machten Homo-"Heiler" von Exodus bis zu ihrer Auflösung 2013 Werbung – in Deutschland sind derartige Aktivisten subtiler unterwegs
In der "Oberhessischen Presse" kritisierte die frühere linke Lokalpolitikerin Eva Christiane Gottschaldt, die die Proteste gegen den "Christus-Treff" mitorganisiert hat, bereits Ende Juni die subtile Homophobie der evangelikalen Aktivisten: "Schwulenhass-Aufrufe gibt es vom CT nicht, aber sie bestärken Schwule und Lesben auch nicht, ihre Sexualität zu leben, sie zeigen lieber Wege, Irrwege in Richtung Heilung auf. Der CT täuscht mit seinen Distanzierungen also die Öffentlichkeit, denn es gibt direkte Verbindungen zur Schwulenheiler-Szene", so Gottschaldt.
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"Christus-Treff" wurde von Homo-"Heiler" gegründet
Auch bekannte Figuren der sogenannten "Ex-Gay"-Bewegung sind offen im "Christus-Treff" aktiv: Einer der Gründer war mit Roland Werner der wohl aktivste deutschen Homo-"Heiler". Der heute 60-Jährige, der 15 Jahre lang die homophobe "Christival"-Veranstaltung leitete, schrieb mehrere Bücher, in denen er "praktizierte Homosexualität" als Sünde bezeichnete und erklärte, man könne seine "homosexuelle Neigung" überwinden. Homosexualität bezeichnete er wiederholt als Symptom einer Persönlichkeitsstörung. Von 2011 bis 2015 war Werner Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes – unter seiner Herrschaft lehnte das CVJM-Kolleg etwa die Segnung eines Studenten ab, weil dieser sich als schwul geoutet hatte (queer.de berichtete). Noch heute bestimmt Werner im Rat des "Christus-Treff" die Linie der Organisation mit.

Roland Werner wirbt seit Jahrzehnten für die "Heilung" von Schwulen und Lesben (Bild: Christliches Medienmagazin pro / flickr)
In Deutschland ist selbst die "Heilung" von Jugendlichen legal. Die Bundesregierung stellte erst im März klar, dass sie zwar derartige Versuche ablehne, diese aber nicht verbieten wolle (queer.de berichtete). Andere Länder sind in dieser Frage weiter: Als erstes EU-Land verbot Malta sogenannte Konversionstherapien generell (queer.de berichtete). Andere Länder verbieten zumindest die "Heilung" von Minderjährigen, darunter auch zehn US-Bundesstaaten (queer.de berichtete).
Psychologenverbände warnen bereits seit Jahren davor, dass Schwule und Lesben mit derartigen "Therapien" in den Selbstmord getrieben werden könnten. 2013 verabschiedete der Weltärztebund eine Stellungnahme, nach der Konversionstherapien "die Menschenrechte verletzen und nicht zu rechtfertigen" seien. "Es gibt [für diese Methoden] keine medizinische Indikation und sie stellen eine ernste Gefahr für die Gesundheit und die Menschenrechte von denen dar, die behandelt werden", so die Argumentation der internationalen Vereinigung, der mehr als 100 nationale Ärzteverbände angehören (queer.de berichtete).
















"Einer der Gründer war mit Roland Werner der wohl aktivste deutschen Homo-"Heiler"."
was würde passieren, wenn der gründer dieses jugendtreffs ein jahrelang aktiver nazi wäre?
aber ausgrenzende und fanatische evangelikale sind ja brave "christen"menschen.