https://queer.de/?29550
Niedersachsen
Uelzen: Anwohner empört über Gruppenabend für Schwule und Lesben
Ein Bericht einer Lokalzeitung über ein neues Angebot eines Stadtteilzentrums sorgte für zahlreiche verschreckte Anrufe.
- 25. August 2017, 11:22h 3 Min.
In einer Stadt mit knapp unter 35.000 Einwohnern im nordöstlichen Niedersachsen scheint die Welt aus den Fugen geraten zu sein. Der Grund: Für den 5. September ist ab 19 Uhr im Zentrum "Treff am KÖ" im Uelzener Stadtteil Königsberg der erste "Regenbogentreff" geplant, eine offene Begegnungsmöglichkeit "für Lesben, Schwule and Friends".
Den Gruppenabend in dem Zentrum, das von der Gesellschaft für Wohnungsbau des Kreises Uelzen (gwk) gemeinsam mit den Johannitern betrieben wird, soll es danach einmal monatlich geben. "So ein Treff fehlt im Landkreis Uelzen", betonte die ehrenamtliche Mitarbeiterin Tinka Brandes dazu vor wenigen Tagen bei Facebook. "Viele Lesben und Schwule wissen nicht, wohin sie sich wenden können, und müssen daher nach Hamburg oder Hannover ausweichen." Beide liegen rund 100 Kilometer bzw. 90 Minuten Fahrstunden mit dem Auto entfernt.

In diesem Zentrum am Königsberg in Uelzen soll das Treffen im September weiter stattfinden. "So vielfältig wie die Menschen im Königsberg sind, so abwechslungsreich sind auch die Angebote des Treffs", betonen die Johanniter auf der Webseite des "Treffs am Kö".
In der Gruppe "Lesben, Schwule and Friends aus Uelzen und Umgebung", die bislang auf vier Mitglieder kommt, schrieb die verpartnerte Ehrenamtlerin weiter: "Wir aber wollen in der 'Provinz' sichtbarer werden und in und um Uelzen einen Raum für Erfahrungsaustausch, gemütliches Beisammensein und gemeinsame Aktivitäten bieten. Wir sind eine neue offene Gruppe und freuen uns über Gleichgesinnte."
"Das geht zu weit!"
Wie notwendig die Sichtbarkeit in Uelzen scheint, macht ein Bericht der örtlichen "Allgemeinen Zeitung" vom Freitag deutlich: Nachdem diese über das neue Angebot berichtete, habe das Telefon von Zentrums-Sozialarbeiter Karl-Heinrich Albers nicht mehr stillgestanden.
"Ich bin ja tolerant, aber…" hätten mindestens sieben Anrufer, dem Bericht zufolge wohl überwiegend ältere Frauen, in den Gesprächen gesagt. Der Tenor sei gewesen: "Ein Treff für Schwule und Lesben in unserem Stadtteil – das geht zu weit!" So habe es Sorgen um das Ansehen des Stadtteils ebenso gegeben wie "über den Austausch über Sexualpraktiken". Auch Angst vor "angelocktem 'Pack' bis hin zu Neonazis, die randalieren können", sei dabei gewesen.
Der Sozialarbeiter erinnerte sich gegenüber der Zeitung an erste Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen, durch Kommunikation und Integration sei viel zu erreichen. Doch bis aus "erst fremd (…) irgendwann normal" werde, könne es beim Regenbogentreff noch dauern: "[Albers] merkt in den Gesprächen aber auch, dass er in den Diskussionen mit Argumenten nicht weit kommt, dass die Vorbehalte viel Zeit brauchen werden, bis sie entkräftet sind", fasst die Zeitung zusammen. "Ihm schießt in diesem Zusammenhang ein lesbisches Pärchen in den Sinn, das schon seit vielen Jahren in einem anderen Uelzener Stadtteil lebt. Bis dieses als normaler Bestandteil der Nachbarschaft akzeptiert wurde, habe es auch lange gedauert."

Die Leser der "Allgemeinen Zeitung" unterstützen den schwul-lesbischen Gruppenabend
Tinka Brandes beklagt auf Facebook, mit diesen Reaktionen sei zu rechnen gewesen: "Bist du nicht in der Norm, bist du ein Mensch zweiter Klasse, [selbst] in einer so offenen Welt wie dieser". Bei dem Treff sei jeder "willkommen, der Gleichgeschlechtlichen eine Chance geben will", Orgien werde es natürlich nicht geben. Sie betont, dass auch homosexuelle Politiker gewählt, die Werke schwuler und lesbischer Künstler gekauft werden. "Gebt auch uns bitte eine Chance."
Immerhin: Im Facebook-Eintrag der Lokalzeitung zum Artikel herrscht recht deutlich Unverständnis über die Ablehnung des Gruppenabends. Ein Nutzer fasste die Haltung der besorgten Anrufer ironisch zusammen: "Ich habe kein Problem mit Gleichberechtigung! Nur halt nicht bei mir".
Mehr zum Thema:
» Wenn "besorgte Bürger" Olivia Jones debattieren (27.11.2016)
















Und zum Glück wird in diesen Umfragen nie nach der eigenen Familie, der eigenen Nachbarschaft, dem eigenen Dorf oder der eigenen Firma gefragt.
Sonst wären viele Schwule hier total traurig.