Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?29607

Reaktion auf queer.de-Interview

Linke wirft Martin Schulz "faktenfreie Geschichtsklitterei" vor

Der Kanzlerkandidat solle die "langjährige Beteiligung der SPD an der Diskriminierung Homosexueller" eingestehen, fordert der queerpolitische Landessprecher Jasper Prigge.


Wahlplakat mit Martin Schulz: Die Linke in NRW kritisiert "Halbwahrheiten" des SPD-Kanzlerkandidaten (Bild: Markus Spiske / flickr)

  • 4. September 2017, 06:33h 12 2 Min.

Die Linke in NRW hat dem "SPD-Vizekanzlerkandidaten" Martin Schulz vorgeworfen, in der Queerpolitik mit "Halbwahrheiten" zu agieren. Hintergrund ist das am Samstag auf queer.de veröffentlichte Interview mit dem ehemaligen Präsidenten des Europaparlaments.

Schulz hatte im Gespräch mit "Fresh"-Chefredakteur Dietrich Dettmann behauptet, dass der Paragraf 175 im Jahr 1973 unter dem SPD-Bundeskanzler Willy Brandt "in seiner nationalsozialistischen Ausprägung entschärft" worden sei. "Fakt ist, dass die NS-Fassung des Paragrafen 175 StGB in der Bundesrepublik bis 1969 galt und in jenem Jahr aufgrund zunehmenden politischen Drucks von der Großen Koalition unter Kurt-Georg Kiesinger (CDU) entschärft wurde", erklärte der queerpolitische Sprecher der NRW-Linken Jasper Prigge am Sonntag in einer Pressemitteilung.

"Das Totalverbot der mann-männlichen Homosexualität fiel weg. Diese Reform von 1969 war einer der Anstöße für die sich dann entwickelnden Schwulengruppen in der Bundesrepublik", so Prigge. "1973 wurde dann lediglich das 'Schutzalter' geändert, aber auch die SPD-Regierung Brandt hielt weiterhin an der strafrechtlichen Sonderbehandlung mann-männlicher Homosexualität fest."

SPD stimmte gegen Streichung des Paragrafen 175


Jasper Prigge engagierte sich für die Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer des Paragrafen 175 (Bild: Die Linke NRW)

Die Linke erinnerte daran, dass noch 1987 der damalige SPD-Kanzlerkandidat Johannes Rau in einer Radiosendung des WDR eine Abschaffung des Paragrafen 175 mit Verweis auf den "Jugendschutz" abgelehnt habe. 1989 habe die SPD im Bundestag auch als Oppositionsfraktion zusammen mit CDU/CSU und FDP gegen einen Grünen-Antrag zur ersatzlosen Streichung gestimmt, erklärte Jasper Prigge. "Die Aussage 'Die SPD stand immer für die volle Gleichstellung' von Martin Schulz ist in dem Interview von daher vor allem eins: Geschichtsklitterei."

Das Eingeständnis und die Aufarbeitung der "langjährigen Beteiligung der SPD an der Diskriminierung Homo­sexueller" hätte dem Kanzlerkandidaten gutgestanden, so die Linke. "Die Großspurigkeit, mit der Martin Schulz in dem Interview in Anspruch nimmt, die SPD habe sich immer schon konsequent für die Rechte von LGBT eingesetzt, ist nicht nur historisch falsch. Sie ist all denen gegenüber eine Unverschämtheit, die sich seit Jahrzehnten für Gleichstellung und Emanzipation einsetzen – und sich dabei oft genug auch an der SPD ihre Zähne ausgebissen haben."

Als Rechtsnachfolgerin der SED hat allerdings auch die Linke die Homo­sexuellenverfolgung in der DDR bislang nicht umfassend aufgearbeitet. Zwar blieben gleich­geschlechtliche Handlungen zwischen Erwachsenen im realsozialistischen Deutschland bereits ab Ende der Fünfzigerjahre straffrei, von 1968 bis 1989 gab es jedoch mit Paragraf 151 ebenfalls eine strafrechtliche Sonderbehandlung von Homo­sexuellen. Anders als in der Bundesrepublik wurde sogar Sex zwischen Frauen und Mädchen unter 18 Jahren geahndet. (mize)

-w-

#1 LinusAnonym
  • 04.09.2017, 09:19h
  • Die Linke hat natürlich grundsätzlich recht, dass die SPD jahrelang Schoßhündchen der Union gespielt hat und wohl ohne Merkels Schabowski-Versprecher immer noch spielen würde.

    ABER:
    ohne die SPD hätte auch die Linke nicht die Ehe öffnen können. Immerhin hat die SPD die Chance, die sich bot, dann auch sofort genutzt und dann auch geschlossen für die Eheöffnung gestimmt.

    SPD, Grüne und Linke haben alle drei geschlossen für die Eheöffnung gestimmt und deshalb gehört auch allen dreien unser Dank und alle drei sind wählbar (da sollte wohl für jeden was dabei sein).

    Statt sich gegenseitig zu bekriegen (das alte Problem der Linken), sollten die lieber zusammenarbeiten und die wirklichen Feinde (Union, FDP und AfD) bekämpfen. Denn dann wären weitere Fortschritte viel schneller möglich.
  • Direktlink »
#2 Frank LaubenburgAnonym
  • 04.09.2017, 09:24h
  • Gibt es irgendein Beispiel dafür, dass DIE LINKE das Thema Homosexuellendiskriminierung in der DDR nicht aufgearbeitet hat? Die Bundestagsanträge schon der PDS zum Beispiel zur Entschädigung der Opfer des §175 StGB aus der Nazi-Zeit weisen z.B. bereits explizit darauf hin, dass homosexuelle Opfer auch in der DDR nicht entschädigt wurden. und dies nachgeholt werden muss (das war im Jahr 2000). Und auch bei allen Initiativen der PDS bzw. der LINKEN zur Entschädigung in der Nachkriegszeit wird doch auch jeweils auf den §151 des Stafgesetzbuchs der DDR hingewiesen. Schon Hans Modrow hat als letzter Ministerpräsident der DDR, der der SED angehörte, das Gespräch mit dem damals neugegründeten Schwulenverband der DDR gesucht, mit Chris Schenk gehörte eine Vertreterin der unabhängigen Frauen/LSBT-Bewegung der DDR dem Bundestag von 1994 bis 2002 an (nachdem sie dort von 1990-1994 für Bündnis90/Grüne saß). Was fehlt denn nach Auffassung der queer.de-Redaktion zur Aufarbeitung?
  • Direktlink »
#3 goddamn liberalAnonym
  • 04.09.2017, 09:58h
  • Antwort auf #2 von Frank Laubenburg
  • Burka-Prigge könnte sich auch mal mit der mörderischen Homosexuellenverfolgung im Feudalsstaat Saudi-Arabien auseinandersetzen.

    Ansonsten gibt es erstaunliche Parallelen zwischen BRD und DDR in der Rechtsentwicklung der Nachkriegszeit.

    Im Gegensatz zum westdeutschen Postfaschismus ging es in Bezug auf uns in der DDR schon etwas milder zu.

    Erstaunlicher ist dagegen, dass in der DDR trotz aller KPD-Politik der 20er Jahre (Friedrich Wolfs 'Zyankali') die Fristenregelung bei Abtreibung erst 1972 eingeführt wurde.
  • Direktlink »