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Gericht hebt Verbot auf
Brasilien legalisiert Homo-"Heilung"
Schock für die LGBTI-Szene in Brasilien: Laut einem Gericht darf die "Heilung" von Homosexuellen nicht verboten werden.

Der Psychologenverband hatte die "Heilung" von Homosexualität bereits im Jahr 1999 untersagt – Brasilien war damit das erste Land der Welt mit einem derartigen Verbot
- 20. September 2017, 10:00h 3 Min.
Ein brasilianisches Bundesgericht in der Hauptstadt Brasilia hat am Montag das 18 Jahre alte Verbot von sogenannten Konversionstherapien für verfassungswidrig erklärt. Richter Waldemar Carvalho gab damit der Klage der evangelikalen Psychologin Rozangela Justino statt, die vergangenes Jahr ihre Lizenz verloren hatte, weil sie die "Heilung" von Homosexualität angeboten hatte. Nach Ansicht des Richters verstößt das Verbot gegen die in der Verfassung garantierte Forschungsfreiheit.
Für Justino ist Homosexualität eine "Krankheit", die mit "religiöser Beratung" besiegt werden müsse. In einem Interview sagte sie, Gott persönlich habe sie dazu aufgefordert, Homosexuellen zu "helfen".
Das Verbot der Homo-"Heilung" war 1999 vom nationalen Psychologenverband "Conselho Federal de Psicologia" erlassen worden. Der Verband hatte damals entschieden, dass Homosexualität keine Krankheit sei und die Versuche der "Heilung" zu erheblichen psychologischen Schäden bei den "Patienten" führten. Brasilien war das erste Land der Welt mit einem derartigen Verbot. Einziges EU-Land, das ebenfalls die "Heilung" von Homosexualität verbietet, ist Malta (queer.de berichtete).
Der brasilianische Psychologenverband kritisierte die Entscheidung scharf und kündigte an, rechtlich dagegen vorzugehen. "Man kann nicht etwas heilen, das keine Krankheit ist", so Verbandschef Rogèrio Giannini gegenüber dem "Guardian". Er stritt ab, dass das Verbot die Forschungsfreiheit einschränke. Schließlich handle es sich bei der Homo-"Heilung" nicht um eine medizinische Angelegenheit, sondern um eine religiöse.
"Konservative Welle"
LGBTI-Aktivisten zeigten sich schockiert über das Urteil: "Die Entscheidung ist ein Rückschritt nach vielen Siegen in den letzten Jahrzehnten für die LGBT-Community", erklärte der Aktivist David Miranda, der auch im Stadtrat von Rio de Janeiro sitzt. "Wie viele andere Länder in der Welt leidet Brasilien unter einer konservativen Welle."
In den letzten Jahren beklagen LGBTI-Aktivisten eine immer mehr gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten gerichtete konservative Gegenreaktion im Land, das bereits 2013 die Ehe geöffnet hatte. Sie machen dafür insbesondere die steigende Zahl evangelikaler Kirchen und Organisationen verantwortlich, die sich auch politisch gegen Homo- und Trans-Rechte engagieren. Das zeigt sich etwa an Protesten gegen die öffentliche Sichtbarkeit von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten: Im vergangenen Monat schloss die Santander-Bank eine queere Kunstausstellung in ihrem Kulturzentrum, nachdem evangelikale Aktivisten dagegen protestiert hatten.
In Brasilien bekennt sich inzwischen rund ein Viertel der Bevölkerung zum evangelikalen Protestantismus. Missionare, die oft aus den USA finanziert werden, melden wegen der anhaltenden Wirtschaftsmisere insbesondere in Favelas Bekehrungserfolge.
"Curagay" wird Twitter-Hashtag
Nach der Entscheidung war im brasilianischen Twitter der Hashtag "#curagay" (Homo-Heilung) besonders populär. Unter diesem Stichwort kritisierten viele Nutzer die Entscheidung des Bundesgerichts.
| Ein Twitter-User zitiert einen Amy-Winehouse-Song, um die Aufhebung des Verbots zu kritisierenThey tried to make me go to rehab
— Ubiratan (@ubimalanconi) September 19, 2017
I said, no, no, no #curagay 🌈 pic.twitter.com/maqS4B0MMu
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Psychologenverbände in aller Welt warnen bereits seit Jahren davor, dass Lesben und Schwule mit "Therapien" in den Selbstmord getrieben werden können. Vor fünf Jahren verabschiedete der Weltärztebund eine Stellungnahme, nach der Konversionstherapien "die Menschenrechte verletzen und nicht zu rechtfertigen" seien. "Es gibt [für diese Methoden] keine medizinische Indikation und sie stellen eine ernste Gefahr für die Gesundheit und die Menschenrechte von denen dar, die behandelt werden", so die internationale Vereinigung (queer.de berichtete).
Trotz der Kritik der Psychologen dürfen in Deutschland Homo-"Heiler" weiterhin aktiv sein: Die Bundesregierung hat erst im Frühjahr erklärt, dass sie "Konversionstherapien" zwar ablehne, aber keinen Grund dafür sehe, diese zu verbieten (queer.de berichtete). (dk)















Skandalös.