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TV-Reportage
ZDF: Flüchtlinge von Berliner Sicherheitsleuten in die Prostitution vermittelt
Junge Frauen und Männer würden in Flüchtlingsheimen gezielt auf Sexarbeit angesprochen, berichtet "Frontal 21".

In der Reportage berichtete "Omar", ein 20-jähriger Flüchtling aus Syrien, ein Sicherheitsmitarbeiter seiner Unterkunft habe ihn gefragt, ob er mit Sex Geld verdienen wolle (Bild: Screenshot ZDF)
- 26. Oktober 2017, 11:19h 5 Min.
Nutzen externe Sicherheitskräfte in Berliner Flüchtlingsheimen die Not der Refugees gezielt aus, um sie gegen Geld für Sexdienstleistungen zu vermitteln? Diesen Vorwurf erhob am Dienstagabend das ZDF-Magazin "Frontal 21" in einem Beitrag über die Prostitution von jungen Flüchtlingen beider Geschlechter in Berlin.
Die Reportage beginnt zunächst mit einer recht boulevardesken Aufbereitung der Stricher-Szene im Tiergarten – "ein dunkler Ort des Elends und der Kriminalität", "in den Büschen Kondome und Papiertücher", bemerken die Autoren. "Sie werden ausgenutzt für Sex", heißt es zu Bildern von "jungen südländisch aussehenden Männern", die in der Dämmerung im Tiergarten sitzen und offenbar auf Freier warten.
"Ältere deutsche Männer suchen Kontakt", bemerkt die Reportage, die mit der starken Betonung auf die männliche Prostitutionsszene kurz davor steht, in Homophobie abzugleiten – zumal ein direkter Zusammenhang mit der später beklagten Vermittlung durch Sicherheitskräfte nicht erkennbar ist.
Notlagen von Freiern ausgenutzt
Mit versteckter Kamera nimmt das ZDF-Team jedenfalls Kontakt auf zu einem Stricher, einem 20-jährigen Afghanen, dessen Asylantrag nach zwei Jahren in Deutschland abgelehnt worden sei: Er verlangt 100 Euro für Sex, 50 "für Französisch". Er geht mit dem Undercover-Reporter auf ein Hotelzimmer. Als dieser sich zu erkennen gibt, hastet er davon.
Auch ein ebenfalls teilweise unkenntlich gemachter Freier, ein 85-jähriger Ex-Polizist, kommt zu Wort: "Hier kriegt man alles, viele tun es auch ohne Kondome. Die Jungs wissen ja nicht, dass das krank macht. Mir sind die ganz jungen am liebsten, ich habe schon 16-Jährige gehabt." Das ZDF zitiert noch seine Wunschstellungen und Preisverhandlungen mit Strichern: "Wenn ich dich vögel, will ich 20 Euro", habe einer gesagt. "Ich muss ja auch was essen."
Viele Flüchtlinge seien verzweifelt, fühlten sich auch verantwortlich für ihre Familien in der Heimat, erzählt dem Sender Diana Henniges von der Hilfsorganisation "Moabit hilft": "Dieser Druck – ich bin hier abgelehnt, wie erzähle ich es meinen Eltern, ich komme hier nicht vorwärts, darf nicht arbeiten, (…) habe nur so wenig Geld, würde gerne mehr für euch tun – und diese ständige Angst vor dieser Perspektivlosigkeit" und einer unklaren Zukunft in Deutschland könnten dazu führen, dass Prostitution zur "Zwangshandlung" werde.
Notlagen von der Security ausgenutzt
Doch "wie geraten die Flüchtlinge ins Strichermilieu?" Die ZDF-Reportage wechselt den Ort in die Erstaufnahmeeinrichtung Berlin-Wilmersdorf und lässt anonym einen 20-jährigen Flüchtling, "Omar", aus Syrien zu Wort kommen, der Sex gegen Geld anbietet und sich dafür schämt. Ein Security-Mann habe ihn angesprochen: "Willst Du Geschäfte machen? (…) Für Sex mit einer Frau bekommst Du 30 Euro, vielleicht auch 40." "Frontal 21" betont: "Was Omar nicht wusste: Die meisten seiner Kunden waren schließlich Männer. Homosexuell sei er nicht." Der junge Mann in Geldnöten meint: "Meine Familie darf das auf keinen Fall erfahren. Ich weiß, dass das schlimm ist. Aber was soll ich tun? Ich hab' hier keine Chance."

In den früheren Büros des Rathauses Wilmersdorf leben derzeit knapp über 900 Flüchtlinge
Eine Sozialarbeiterin und ein verantwortlicher Sicherheitsmitarbeiter für mehrere Flüchtlingsunterkünfte bestätigten dem Sender anonym, dass es diese Vermittlung von Frauen und vor allem "Jungs ab 16 Jahre aufwärts" gebe: "Umso junger, umso teurer". Jemand von außen telefoniere mit den Mitarbeitern dieser externen Dienstleister, die dann die Flüchtlinge vermittelten, auch Minderjährige.
Letztlich konfrontiert das ZDF-Team einen verdächtigen Mitarbeiter, der die Arbeit zugibt: "Für jede Vermittlung kriege ich 20 Euro. Dafür mache ich die Frauen klar." Es gebe viele Interessierte: "Die Flüchtlinge brauchen halt Geld." Minderjährige seien eher selten. "Das ist nicht oft bei uns. Es gibt Familien, wo der Vater Bescheid weiß. Der Junge ist schwul, 16 Jahre alt. Die machen das freiwillig." Die ZDF-Reporterin weist darauf hin, dass es sich nicht um Freiwilligkeit, sondern um eine Notlage handle. "Tja, das Leben ist halt scheiße", ist die Antwort. Er habe aber ein schlechtes Gewissen und wolle mit der Vermittlung aufhören.
Zweifel an Ausmaß und Details der ZDF-Vorwürfe
Die zuständige, nicht benannte Sicherheitsfirma schrieb an das ZDF, bei Treffen mit dem Bewohnerrat seien diese Vorwürfe nie thematisiert worden. Elke Breitenbach (Linke), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, meinte: "Wenn es um Zwangsprostitution geht, da werde ich immer dagegen vorgehen." Zum vorliegenden Fall müsse nun ermittelt werden, bisher hätten ihr keine konkreten Hinweise vorgelegen.
Später teilte die Senatsverwaltung für Soziales der "Berliner Morgenpost" mit, dass man nach ersten Gesprächen mit Trägern, Ehrenamtlichen und Sicherheitsmitarbeitern der Einrichtung in Wilmersdorf keine Indizien für organisierte Prostitution gefunden habe. Man nehme den Verdacht jedoch ernst und setze auch auf Sensibilisierung, durch die Auslegung von Flyern zur anonymen Kontaktaufnahme und durch Schulung des Personals.
Die Zeitung berichtete am Donnerstag ferner, der Arbeiter-Samariter-Bund als Träger der Einrichtung habe nach eigenen Angaben weder den belasteten Security-Mitarbeiter noch die gezeigte Sozialarbeiterin mit dem Haus in Verbindung bringen können. Das Sozialteam der Notunterkunft stritt ab, etwas von den Vorwürfen gewusst zu haben, und forderte "Frontal 21" zur Klarstellung auf, auf welche Unterkunft sich die Recherche beziehe. Sprecher von ASB und ehrenamtlichen Betreuern betonten, natürlich komme es auch zu einer vereinzelten Prostitution unter Flüchtlingen. Eine Ausnutzung ihrer Lage sei aber abzulehnen – und es sei fraglich, ob man ein angebliches Zuhälternetzwerk habe übersehen können.

Das ZDF zeigte diesen Mann, der angeblich Flüchtlinge vermittelt habe
Auch gegenüber der Berliner Zeitung hieß es von mehreren Seiten, der gezeigte Sicherheitsmitarbeiter sei unbekannt. Die Sicherheitsfirma GSO Security, für das Gebäude zuständig, wolle Strafanzeige gegen Unbekannt stellen. Diana Henniges von "Moabit hilft" sagte hingegen der "taz", sie kenne die Vorwürfe schon länger und es dürfte sich in den Unterkünften um ein offenes Geheimnis handeln: "Mir sind allein drei Unterkünfte bekannt. Das heißt, mindestens drei Firmen sind involviert".
Unklar bleibt auch der Zusammenhang zum Einstieg der Reportage mit der Prostitution im Tiergarten, die offenbar ohne zusätzliche Vermittlung geschieht – eine Zunahme von Prostitutionsangeboten an dem Ort vor allem durch Flüchtlinge, oft heterosexuell und nach einer Ablehnung der Asylanträge in großer Not, war zugleich in den letzten Monaten mehrfach in den Schlagzeilen (queer.de berichtete). Auch queere Refugee-Gruppen aus ganz Deutschland hatten immer wieder beklagt, dass manche ihrer Mitglieder aus Not auch auf Prostitution setzen müssten. Eine Reportage des britischen Senders Channel 4 über queere Flüchtlinge in Deutschland hatte vor einigen Monaten ebenfalls gezeigt, dass einige von ihnen sexuelle Dienstleistungen anbieten – oft schlicht über Grindr & Co. (cw)















de.wikipedia.org/wiki/Moabit_hilft
Das soll nicht bedeuten, dass es das geschilderte Problem nicht gibt. Es kann aber sein, dass man Dinge aus Aktionismus verfälscht und unwahr wiedergibt, und das läuft grundätzlichen journalistischen Standards zuwider.