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Nachruf

Wolfgang Lauinger, 1918-2017

Daniel Baranowski, Referent der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, erinnert an einen lebensfrohen Mann, der für die Rehabilitierung der verfolgten Schwulen stritt – aber selbst von der Politik "vergessen" wurde.


Wolfgang Lauinger während einer Veranstaltung in der Oper Frankfurt im Mai 2015 (Bild: Lauingers / wikipedia)
  • Von Daniel Baranowski
    22. Dezember 2017, 09:15h, 2 Kommentare

Er wolle uns noch etwas zeigen und uns deshalb noch zum Parkplatz begleiten, sagte Wolfgang Lauinger zu Bettina Leder und mir, nachdem wir uns im Frühjahr 2015 in seinem Apartment getroffen hatten, um das am nächsten Tag stattfindende öffentliche Gespräch über sein Leben im Frankfurter Schauspielhaus vorzubereiten.

Ich hatte Wolfgang zuvor nur einmal gesehen und konnte mir nicht vorstellen, weswegen der damals 96-Jährige sich die Mühe machen und uns zu unseren Wagen bringen wollte. Bettina Leder, die langjährige Freundin, Autorin der Doppelbiografie über Wolfgang und seinen Vater Artur Lauinger und Organisatorin der zahlreichen Zeugengespräche, die er in den vergangenen Jahren absolviert hatte, war wohl nicht ganz so ahnungslos. Als wir gemeinsam an der Reihe der parkenden Autos vorbeiliefen, hielt Bettina plötzlich inne und deutete mit dem Finger auf ein Gefährt, dessen Bezeichnung mir in keinster Weise geläufig war: Zwischen den PKWs stand ein so genanntes Quad, ein "kleines Kraftfahrzeug für ein bis drei Personen mit vier Rädern und dicken Ballonreifen". Bettina drehte sich zu Wolfgang um, und ihr entfuhr ein ungläubiges "Nein!"

Ich erinnere mich, dass ich, ohne so recht zu verstehen, um was es eigentlich ging, ebenfalls zu Wolfgang blickte: Er stand bei strahlendem Sonnenschein an diesem schönen Frühlingssamstag hinter uns, lächelte spitzbübisch und freute sich wie ein Schuljunge. "Doch", sagte er, "den Wunsch habe ich mir erfüllt." Wir brachen alle in Lachen aus.

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Humorvoll, höflich und geduldig

Die Lebenszugewandtheit, die Jugendlichkeit und der Humor von Wolfgang Lauinger, Träger der Johanna-Kirchner-Medaille und des Bundesverdienstkreuzes am Bande, stecken für mich in diesem unscheinbaren Moment. Im April 2015 hatte er dem von mir betreuten "Archiv der anderen Erinnerungen" der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ein lebensgeschichtliches Interview gegeben und bereitwillig aus seinem langen Leben erzählt. Er sprach vor Schulklassen und bei öffentlichen Auftritten, begegnete jedem, der sich für seine Erfahrungen und die Auswirkungen des Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches interessierte, mit größter Höflichkeit und Geduld.

Er wurde nicht müde zu erklären, welch fatale Auswirkungen der Fortbestand dieses Paragraphen über das Ende des Nationalsozialismus hinaus für sein Leben gehabt hatte: Als so genannter "Halbjude", als Swingkid und als Homosexueller von den Nationalsozialisten verfolgt, wurde er 1950 wegen eines vermuteten Verstoßes gegen den Paragraphen 175 erneut verhaftet und saß fast sieben Monate ohne Anklage in Frankfurt am Main in Untersuchungshaft. "Nach 1945 habe ich erleben müssen, dass sich weder die Gefängniszellen noch die Richter in der jungen Bundesrepublik geändert hatten. Eindeutige Distanz zum so genannten Dritten Reich war also nicht zu erwarten." So äußerte sich Wolfgang gegen Ende des Interviews. Und er schloss mit dem Appell: "Mein persönliches Anliegen ist, dass niemand wieder Opfer eines menschenverachtenden Systems wird, dass die Menschen endlich begreifen, dass sie untereinander leben und sich gegenseitig helfen müssen."

Wolfgang Lauingers Lebensdaten sind nachzulesen; hier ist nicht der Ort, eine Aufzählung seiner Lebensstationen zu wiederholen, das Buch "Lauingers. Eine Familiengeschichte aus Deutschland" von Bettina Leder sei dazu allen Interessierten ans Herz gelegt. Ich habe Wolfgang während der kurzen Zeit, die wir uns kannten, als einen engagierten und kämpferischen Demokraten erlebt, der sich nicht nur für "seine Sache" einsetzte, sondern dem es angelegen war, Ungerechtigkeiten im Namen von Anderen zu benennen und künftige Generationen darüber aufzuklären. Er war für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ein vertrauenswürdiger Partner, der unermüdlich für die Rehabilitierung der Personen stritt, die nach dem 8. Mai 1945 Opfer des Paragraphen 175 StGB wurden. Er zeigte sein Gesicht für Kampagnen und war für jede Presseanfrage offen.

Es betrübt die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und mich persönlich, dass ausgerechnet er, der sich wie kaum ein Zweiter als Betroffener für die Rehabilitierung eingesetzt hat, vom so wichtigen Aufhebungsgesetz nicht profitieren konnte, da er eben "nur" in Untersuchungshaft saß.

Zwischen Wagemut und Verzweiflung

Meinen Sommerurlaub habe ich 2017 im hinteren Paznauntal verbracht, in Galtür. Erst nach einigen Tagen Aufenthalt fiel mir plötzlich ein, dass auch Wolfgang einmal in Galtür gewesen ist, zum Jahreswechsel 1940/41. Mit einem Freund fasste er damals den unglaublichen Plan, mitten im Winter über die Berge vor den Nationalsozialisten in die Schweiz, ins Engadin zu fliehen. Ich blickte in Richtung Jamtal, zum Fluchthorn und zur Dreiländerspitze, in das auch im Sommer schneebedeckte Gebiet um den Piz Buin und musste nun meinerseits lächeln bei dem Gedanken, dass Wolfgang sich diesen im Winter völlig ungangbaren Weg zur Flucht auserkoren hatte. Im nächsten Moment jedoch wurden mir nicht nur der Wagemut und die innere Stärke klar, sondern auch die unglaubliche Verzweiflung und Angst, die hinter einem solchen, letztlich nicht ausgeführten Plan steckte.

"Nobody has ever measured, even poets, how much a heart can hold", schrieb Zelda Fitzgerald einst. Bekannte von Wolfgang erzählten, dass sein Herz nach so vielen Jahren nicht mehr viel tragen konnte und seine Kraft erschöpft war. Wolfgang Lauinger, Humanist, starb im Alter von 99 Jahren in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 2017.



#1 RobinAnonym
  • 22.12.2017, 21:48h
  • Wolfgang Lauinger war einer von ca. 140.000 Opfern deutscher Staats-Willkür. Und einer von Tausenden, für den das angebliche Rehabilitationsgesetz von Union und SPD keine Rehabilitierung vorsah.

    Aber er und all die anderen Opfer werden niemals vergessen werden. Und diese Schuld wird der deutsche Staat niemals wegreden können.

    Ich weiß gar nicht, worüber ich mehr kotzen könnte:

    1. Dass es überhaupt in Deutschland mal den §175 gab, und dass er noch bis 1969/1973 in der Nazi-Fassung existierte un danach noch in einer abgemilderten Form bis 1994.

    2. Dass es erst im Jahr 2017 eine Teil-Rehabilitierung gab und diese auch noch zig Opfer des deutschen Staats (wie z.B. Wolfgang Lauinger) ausschloss. Und die anderen Opfer des deutschen Staats mit Almosen abspeiste - wohl wissend, dass den meisten die Kraft für weitere Kämpfe fehlt.

    3. Dass der verantwortliche Justizminister Heiko Maas und die SPD diese erneute Diskriminierung und Bestätigung erlittenen Unrechts auch noch als Erfolg verkaufen will oder sich gar dafür feiern lässt.
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#2 JadugharProfil
  • 25.12.2017, 13:06hHamburg
  • Antwort auf #1 von Robin
  • Die Rehabilitation war meines Erachtens schon 1969 fällig. Man brauchte 48 Jahre, um dieses zu realisieren. Die Politik bezüglich zur Gleichberechtigung von Schwulen dauert immer ewig lange!
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