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Tschetschenien

Verschwundener Sänger: Kadyrow deutet Ehrenmord durch Familie an

Der Präsident beschuldigt Angehörige, Selimchan Bakajew wegen angeblicher Homosexualität ermordet zu haben. Es ist das erste Eingeständnis, dass der junge Sänger tot sein könnte – und ein makaberes Abstreiten, dass er Opfer der Schwulenverfolgung wurde.


Der verschwundene und möglicherweise ermordete Selimchan Bakajew (r.) vor einiger Zeit mit dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow

Rund neun Monate nach den ersten Berichten über eine Welle von Verfolgungen schwuler Männer in der teilautonomen russischen Republik Tschetschenien hat Präsident Ramsan Kadyrow erstmals indirekt zugegeben, dass Schwule in seiner Region existieren und ermordet werden könnten – um im international beobachteten Fall eines verschwundenen Sängers jede Schuld von sich zu weisen. Erstmals sprach damit ein tschetschenischer Offizieller auch dessen möglichen Tod an.

Selimchan Bakajew war im August nach einem Besuch in Grosny verschwunden. Gegenüber dem TV-Sender Doschd berichteten Augenzeugen, der 25-Jährige sei in der Innenstadt von Sicherheitskräften festgenommen worden. Der Tschetschene lebte seit Jahren in Moskau und sollte kurz nach seinem Verschwinden an einer populären russischen TV-Castingshow teilnehmen. Im Oktober hatte das russische LGBT Network die Berichte über sein Verschwinden erstmals in Verbindung mit der Schwulenverfolgung in der Region gebracht (queer.de berichtete).

In einer vom regionalen Fernsehen übertragenen und sprachlich teilweise wirren und von Medien unterschiedlich transkribierten Ansprache vor Sicherheitskräften beklagte sich Kadyrow am Mittwoch: "Seine Verwandten, die nicht auf ihn aufgepasst haben und sich schämten, dass er einer von ihnen war, sagen nun, dass Kadyrow ihn genommen habe." Dabei gebe es keinerlei Beweise für eine Beteiligung des Staates: "Habt ihr gesehen, dass ich einen solchen Befehl gegeben hätte?"


Das Verschwinden von Selimchan Bakajew hatte zu einer großen Berichterstattung in Russland und auch international geführt

Kadyrow, der für den Sänger teilweise einen abwertenden verweiblichenden Begriff benutzte, beschuldigte stattdessen seine Familie: "Sie haben ihn zurück nach Hause gerufen, und seine Brüder, so scheint es, haben ihn beschuldigt, 'einer von denen' zu sein." Nach dieser Anspielung auf Homosexualität meinte Kadyrow weiter: "Gibt es denn niemanden in dem Dorf, einen Mann in der Familie, der gesteht: 'Wir haben das getan'?"

Beweise für die These führte der Präsident keine an. In einem Radiointerview sagte der Vater von Bakajew am Donnerstag, niemand aus seiner Familie habe den Sohn umgebracht. Auch stritt er ab, dass dieser homosexuell gewesen sein könnte. Freunde des Sängers betonten, sie glaubten ebenfalls nicht an eine Beteiligung der Familie.

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Verschleppung und Tötung durch Sicherheitskräfte vermutet

Die Familie Bakajews hatte sich bereits kurz nach dem Verschwinden des Sängers an die Öffentlichkeit sowie an den tschetschenischen und russischen Präsidenten mit der Bitte um Aufklärung gewandt. Tschetschenische Medien wiesen später auf ein nach dem Verschwinden des Sängers auf Instagram veröffentliches Video hin, das ihn angeblich in Deutschland zeige – die Behörden in Grosny lehnten deswegen Ermittlungen ab. Während die EU betonte, dass es zu keinem Grenzübertritt gekommen sei, hatten Familie und Freunde geäußert, dass sie das Video für erzwungen hielten: Möbel und Lebensmittel ließen auf einen Aufenthalt in Russland oder Tschetschenien schließen, auch zeige der Sänger ein für ihn ungewöhnliches Verhalten.

Igor Koschetkow vom LGBT Network, das betroffenen Männern und ihren Familien aus der Region bei der Flucht hilft, hatte im Oktober betont, im Rahmen einer neuen Verfolgungswelle, die vor allem der Homosexualität verdächtigte Männer aus dem Bereich Kultur und Showbiz betreffe, seien mehrere der Verschleppten bei ihrer Folter zu sexuellen Kontakten zu Bakajew befragt worden. In einer Pressemitteilung vom Donnerstag meinte Koschetkow, man habe Zeugenberichte, dass der Sänger inhaftiert gewesen sei.

Direktlink | Ein früheres Musikvideo des verschwundenen Sängers Selimchan Bakajew, englisch Zelimkhan Bakaev. Medienberichten zufolge durfte er nicht in seiner Heimat auftreten, weil die Musik nicht traditionell genug gewesen sei

Berichte über neue Menschenrechtsverletzungen in Grosny

Im letzten Frühjahr waren den Berichten der Organisation und der Zeitung "Novaya Gazeta" zufolge mehrere hundert Männer wegen vermeintlicher Homosexualität verschleppt und in Lagern außergesetzlich festgehalten und gefoltert worden, an der Seite von ebenfalls inhaftierten Drogensüchtigen oder vermeintlichen Terrorverdächtigen. Mehrere Männer starben bei der Prozedur, andere seien an Verwandte mit einer indirekten Tötungsaufforderung übergeben worden. Die Organisation hat ihre Berichte und Anzeigen zu diesen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" an die russischen Strafverfolgungsbehörden übergeben, die aber keinen großen Ermittlungswillen zeigen.

In der neuesten Mitteilung forderte Koschetkow erneut ausführliche Ermittlungen, auch zu dem mutmaßlichen Mord an Bakajew und gegen Kadyrow wegen Extremismus und Aufforderungen zum Mord. Putin müsse sich endgültig von seinem Statthalter in Grosny distanzieren – und geflüchtete Personen und zurückgebliebene Verwandte schützen. Die Äußerungen zu dem Sänger seien eine Art von Geständnis Kadyrows, so Koschetkow in einem Radiointerview: "Kadyrow hat zugegeben, dass Bakaew ermordet wurde, und er rechtfertigt diese Taten und ermutigt zu ihnen."

Der Aktivist betonte noch, dem LGBT Network lägen Informationen vor, dass die ungesetzlichen Verschleppungen anhielten. Einige russische Medien hatten zuletzt von einer erneuten und verschärften Verfolgungswelle gegenüber Drogensüchtigen berichtet. Am 9. Januar wurde zudem, unter nachfolgender Kritik aus dem In- und Ausland, der Leiter des Grosny-Büros der Menschenrechtsorganisation "Memorial" verhaftet, wegen angeblichen Drogengebrauchs. Ojub Titijew behauptet, das in seinem Wagen gefundene Marijuana sei dort platziert worden. In seiner Ansprache am Mittwoch bezeichnete Kadyrow den 60-Jährigen als Drogensüchtigen – und Menschenrechtler als "Menschen ohne Verwandtschaft, ethnische Zugehörigkeit und Religion".


Kadyrow bei der Ansprache vom Mittwoch

Auch zu Homosexuellen hatte Kadyrow in den letzten Monaten wiederholt harsche Aussagen von sich gegeben und zugleich jegliche Verfolgung abgestritten. Im Juli sagte er dem amerikanischen Sender HBO: "Wir haben keine Schwulen. Wenn es welche gibt, bringt sie nach Kanada. (…) Um unser Blut zu reinigen: Wenn es hier irgendwelche gibt, nehmt sie" (queer.de berichtete). Homosexuelle werde man in seiner Region "niemals akzeptieren", sagte er vor wenigen Wochen im russischen Fernsehen (queer.de berichtete).

Zu den ersten Berichten über die Verschleppungen schwuler Männer hatte Kadyrows Sprecher Alwi Karimov gesagt: "Falls solche Menschen in Tschetschenien existieren würden, hätten ihre Verwandten sie zu einem Ort geschickt, von dem sie nicht zurückkehren können" (queer.de berichtete). Heda Saratow vom tschetschenischen Menschenrechtsrat meinte ebenfalls am 1. April: "Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch in Tschetschenien, der Traditionen und sich selbst achtet, alles tun wird, damit wir keine solche Menschen haben." Anzeigen gegen diese Äußerungen führten zu nichts.

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#1 oooooAnonym
#2 VitelliaAnonym
  • 19.01.2018, 07:52h
  • Ihr Verbohrten ohne Hirn-Qualität, dieses zum Denken einzusetzen!
    Wenn Gott (auch Euer Mohammed-Allah-Gott) Mann und Frau erschaffen hat, wer hat dann die Homosexuellen erschaffen?
    Schämt Euch bis ans Ende Eurer Tage, deshalb einen Mord zu begehen!
    Eure Sprach-Pervertierung "Ehrenmord" könnt Ihr Euch auch sparen.
    Ein Mörder ist ein Hochkrimineller und hat mit Ehre nichts zu tun.
    Die ganze Familie (Eltern, die es gut heißen, den eigenen Sohn zu töten, widerlich!) hat keine Ehre!
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#3 goddamn liberalAnonym
  • 19.01.2018, 08:26h
  • Antwort auf #2 von Vitellia
  • Hier wird einer verzweiftlten Mutter ein 'Ehrenmord' an ihrem eigenen Sohn zugeschrieben.
    Das ist infam. Aber es passt zur stalinistisch-faschistischen Schule der Menschenzerstörung.

    Früher waren es in Russland die Juden, heute wir, auf die man den Volkszorn lenken wollte, um von Prasserei und Korruption abzulenken...
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#4 Patroklos
#5 johannbAnonym
  • 19.01.2018, 10:41h
  • Menschen ohne Eier in der Hose (egal ob Präsident oder Präsidentin) sollten vom Volk vom Amt gestoßen werden!
    So ein Heuchler!
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#6 panzernashorn
  • 19.01.2018, 11:06h
  • Hoffentlich kommt dieser hochkriminelle, gemeingefährliche Widerling und Kotzbrocken, dem die Dummheit buchstäblich aus den Augen schaut, möglichst bald vor ein Gericht - auch wenn die Chance darauf momentan (noch) nicht sehr hoch ist.

    Manchmal schämt man sich direkt, zur Gattung "Mensch" zu gehören.
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#7 KaktusAnonym
  • 19.01.2018, 11:08h
  • Mann könnte einfach nur noch heulen, wie bösartig und grausam sind diese Menschen. Es ist einfach nur noch beschämend. Mir fehlen die Worte.
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#8 BuntesUSchoenesEhemaliges Profil
  • 19.01.2018, 11:23h
  • Antwort auf #5 von johannb
  • Das Problem ist, dass Putinovski seine radikale Strategie schon längst auf sein Volk ausübt und das Volk fast gar nichts tun kann. Was denkst du, was er tut, wenn sich eine Gruppe gegen ihn auflehnt und gegen ihn und gegen Kadyrowonovski protestiert?
    Die beiden schrecken ja jetzt schon nicht davor zurück, Menschen zu foltern und zu töten, und eine Familie so dermaßen unter Druck zu setzen, dass diese nicht anders können, als ihr eigenes Kind zu verstoßen.

    Und du meinst, man sollte die beiden Hohlkopf-Radikale halt einfach mal vom Thron schubsen.
    Alles klar, dann fliege nach Russland und tue das. Zeige denen mal wie man das macht. Anscheinend hat das russische Volk null Ahnung, gell?
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#9 BuntesUSchoenesEhemaliges Profil
  • 19.01.2018, 12:11h
  • Antwort auf #7 von Kaktus
  • Stimme dir voll zu :-(
    Mir tun die Menschen dort so leid, die darunter so dermaßen leiden müssen.

    -"wir werden alles dafür tun, dass es solche Menschen bei uns nicht gibt."
    Dieser Satz an sich ist schon für Menschenrechtsverletzungen prädestiniert.

    Die Frage lautet: was kann überhaupt dagegen gemacht werden?
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#10 KaktusAnonym
  • 19.01.2018, 13:20h
  • Antwort auf #9 von BuntesUSchoenes
  • Ein einzelner kann nichts machen, die gemeinschaft also alle LGBTI und Angehörige, Freunde, Politik sind hier gefragt. Alle gemeinsam auf die Straße gehen und Flagge zeigen. Aber solange solche Menschen an der Macht sind, die sich das Recht heraus nehmen andere Menschen zu töten nur weil diese Homosexuell sind wird es sehr schwer.
    Es braucht wieder starke, mutige Männer wie Volker Beck der immer wieder versucht hat in Russland für die Rechte der LGBTI zu kämpfen.
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